Das Orchester der Junge Deutsche Philharmonie in einem Saal © Junge Deutsche Philharmonie

Junge Deutsche Philharmonie: Deutschlands "Zukunftsorchester"

Stand: 13.11.2021 15:15 Uhr

Die Junge Deutsche Philharmonie steht für Kreativität, Exzellenz, Herzblut und Zukunftsvision. Sie möchte die besten Studierenden deutschsprachiger Musikschulen zwischen 18 und 28 Jahren vereinigen.

von Anina Pommerenke

Vor dem Haus der Deutschen Ensemble Akademie in Frankfurt am Main sind gerade besonders viele junge Menschen mit Instrumentenkoffern in der Hand oder auf dem Rücken zu beobachten. Denn hier laufen in diesen Wochen die Probespiele für die Junge Deutsche Philharmonie (JDPh) und damit den Orchester-Nachwuchs in Deutschland. Das sogenannte "Zukunftsorchester" hat sich auf die Fahnen geschrieben, die besten Studierenden deutschsprachiger Musikschulen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren aufzunehmen. Viele von ihnen träumen von einer Profi-Karriere. "Wer gut spielt, wird aufgenommen", betont Geschäftsführerin Carola Reul.

Interesse an Probespielen ist groß

Das Orchester brauche die Probespiele und den Nachwuchs. Gerade in diesen Zeiten sei es wichtig, Zeichen zu setzen und den jungen Menschen eine Zukunft aufzuzeigen: "Das gibt den Studentinnen und Studenten an den Hochschulen das Gefühl, es geht weiter, es gibt Perspektiven, wir sind dran." Seit dem 8. November bis zum 22. Dezember kann sich der musikalische Nachwuchs vorstellen: in Kleingruppen und unter 3G-Bedingungen. Nachwuchssorgen habe sie nicht, erzählt Reul. Das Interesse an den Probespielen sei riesig. Doch die Corona-Zeit hat auch Spuren hinterlassen: Carola Reul kann von mehreren Fällen berichten, in denen Studierende sich infolge der großen Unsicherheit umorientiert und bewusst gegen eine Musikerkarriere entschieden haben. Manche hätten sogar den Studiengang gewechselt. Andere hätten sich neue Aufgaben in der Kulturwelt gesucht.

Junge Deutsche Philharmonie ist basisdemokratisch organisiert

Carola Reul von der Jungen Deutsche Philharmonie © Junge Deutsche Philharmonie/Salar Baygan
Carola Reul ist Geschäftsführerin der Jungen Deutschen Philharmonie

In Sachen Profi-Karriere kann die Arbeit mit der Jungen Deutschen Philharmonie durchaus einen kleinen Vorgeschmack bieten: Wer beim Vorspielen weiterkommt, wird zunächst einmal Mitglied auf Probe. Danach steht die Teilnahme an einer Arbeitsphase an. Auf Basis der in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen entscheiden die bestehenden Mitglieder der JDPh im Anschluss, ob ein Musiker oder eine Musikerin als neues Mitglied aufgenommen wird. Denn das Orchester ist basisdemokratisch organisiert. Eine erste Bewährungsprobe also.

Vielen jungen Menschen sei zu diesem Zeitpunkt der Ausbildung noch nicht klar, was für ein harter Markt später auf sie warte: "Wenn in einem Orchester eine Stelle für ein Horn ausgeschrieben wird, dann bewerben sich 300, 40 werden eingeladen und einer kriegt den Job", ordnet Reul ein.

Große Verantwortung für Jurymitglieder

In diesem Jahr darf die Studentin Nina Paul als frischgebackenes Mitglied des Vorstands zum ersten Mal auf der "anderen Seite des Vorhangs" sitzen und Teil der Jury sein. Für die Geigerin eine sehr spezielle Situation: "Die Aufgabe ist alles andere als einfach. Als Jurymitglieder sind wir uns der großen Verantwortung bewusst." Die Studierenden seien an der Vorspiel-Situation extrem nah dran, gibt Paul zu Bedenken, weil sie sich im Gegensatz zu gestandenen Profi-Musikerinnen und Musikern selbst noch regelmäßig in solchen Casting-Situationen behaupten müssen. Entsprechend könne sie sehr gut mitfühlen und mitfiebern, berichtet die Studierende der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

Zu gut kann sie nachvollziehen, wie groß die Anspannung und das Lampenfieber in so einem Moment sein kann. Ihr liegt es daher auch am Herzen, eine positive Atmosphäre zu schaffen und mit den Anwerber*innen das Gespräch zu suchen. Es gehe nicht darum, sofort fehlerfrei abzuliefern, wer noch einmal neu anfangen möchte, dürfe dies tun, berichtet die Violinistin. Das werde bewusst kommuniziert, um Druck aus der Vorspielsituation zu nehmen.

Zusammenhalt und die Gemeinschaft im Fokus

Bei den Entscheidungen stehen den JDPh-Mitgliedern auch professionelle Musikerinnen und Musiker beratend zur Seite. Oftmals decke sich deren Empfehlungen mit den Einschätzungen der Studierenden, berichtet Nina Paul. Für sie war es besonders spannend, als fachfremdes Organ bei den Schlagzeugern und Trompetern dabei sein zu dürfen, teilweise mit ganz neuen Einblicken für die Musikerin: "Bei den Schlagzeugern geht es dann zum Beispiel um etwas das nennt sich Accessoires Etüde - da geht es darum, wie schnell die Kandidaten zwischen den Instrumenten Triangel, Tamburin und verschiedenen Becken-Etüden wechseln können. Das war für mich extrem spannend."

Allein aus diesen beiden Probespielen habe das Nachwuchsorchester sieben neue Mitglieder gewonnen. Ihr selbst bedeute es unfassbar viel, Teil des Orchesters zu sein, weil sie unheimlich viel lerne und wertvolle Kontakte schließe, schwärmt Paul. Das gehe weit über das hinaus, was man im Hochschulkontext lernen könne. Auch der Zusammenhalt und die Gemeinschaft unter den jungen Musikerinnen und Musikern liege ihr besonders am Herzen.

Wichtige Werte für das Orchester: Kreativität, Herzblut und Zukunftsvision

Zeitnah stehen keine Konzertprojekte auf dem Programm. Für die Junge Deutsche Philharmonie geht es erst am 9. Januar 2022 mit einem Neujahrskonzert in Frankfurt weiter. Im Frühjahr gibt es dann eine Tournee mit Zwischenstopp im Norden. Dabei warten wieder spannende Kooperationen mit großen Namen der Szene auf die Studierenden: Gemeinsam mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt steht ein Auftritt in der Elbphilharmonie auf dem Spielplan der Frühjahrstournee "SAGENHAFT".

Unter der Leitung von Dirigent Dima Slobondeniouk werden Werke von Wagner, Salonen und Schönberg zu hören sein. Dann kann die Junge Deutsche Philharmonie wieder zeigen, wofür sie stehen möchte. Und das sind keine geringeren Werte als Kreativität, Exzellenz, Herzblut und Zukunftsvision.

Weitere Informationen
Die Junge Deutsche Philharmonie während einer Probe unter der Leitung von Jörg Widmann.  Foto: Clara Casado Rodríguez

Kulturpartner: Junge Deutsche Philharmonie

Seit mehr als 40 Jahren fördert und fordert die Junge Deutsche Philharmonie die Nachwuchselite der deutschsprachigen Musikhochschulen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.11.2021 | 17:30 Uhr

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