Stand: 18.09.2019 16:13 Uhr

On-The-Go aus Russland: Festival als Neustart

Die russische Band On-The-Go sieht das Reeperbahn Festival als große Karriere-Chance.

Bands aus aller Welt wollen das Hamburger Reeperbahn Festival als Karriere-Sprungbrett nutzen - auch die Band On-The-Go aus Russland. Sie hat sich 2007 gegründet - jetzt fühlt sie sich bereit, auch auf die europäischen Bühnen zu kommen. NDR.de hat mit dem Sänger Yura Makarychev über Musik, Politik und die Erwartungen der Band an das Festival gesprochen.

Herr Makarychev, wie ist die Band On-The-Go entstanden. Wie fing alles an?

Yura Makarychev: On-The-Go war die erste Band, die ich selbst gegründet habe. Davor war ich in verschiedenen Bands, wollte dann aber unbedingt mit meinem jüngeren Bruder zusammenspielen - deshalb haben wir eine Band gegründet. 2007 trafen wir uns zum ersten Mal zum Proben. In diesen zwölf Jahren haben sich nur der Schlagzeuger und der Bassist geändert. Alles hat in der kleinen Stadt Togliatti in Zentralrussland begonnen. 2009 sind wir dann nach Moskau umgezogen.

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Warum haben Sie sich für Moskau entschieden? Gibt es mehr Möglichkeiten in der Hauptstadt?

Makarychev: Die Gegend um Togliatti bot keine Gelegenheit, um auf Tour zu gehen. Alle Verkehrsadern laufen durch Moskau. Wir konnten uns lange nicht zwischen Moskau und St. Petersburg entscheiden. Damals haben wir in beiden Städten Konzerte gespielt. St. Petersburg hat uns zunächst sehr beeindruckt - für Romantiker ist es schöner. Die Wahl fiel jedoch auf Moskau: Die Hauptstadt war besser für unsere berufliche Entwicklung.

Besuchen viele Leute ihre Konzerte in Russland?

Makarychev: Es hängt vom Anlass ab. Bei der Präsentation des Albums in Moskau sind etwa 1.000 Menschen gekommen. Bei normalen Konzerten kommen etwa 300 bis 500 Zuschauer. Vor kurzem sind wir in St. Petersburg aber auch in einem Club aufgetreten, wo nur 150 Leute rein passen.

Ihre Musik wird häufig als Indie-Rock oder Indie-Pop bezeichnet. Wie würden Sie Ihre Musik selbst beschreiben?

Makarychev: Ehrlich gesagt bestimmen wir das Genre eher nur, damit man uns in Ruhe lässt. Ja, es gibt Lieder, die als Indie-Rock bezeichnet werden können, aber Genre-Definitionen waren nie für uns besonders attraktiv. Wir leben, arbeiten und fühlen uns wohl dabei. Man muss dies nicht unbedingt mit Wörtern beschreiben.

Wörter sind aber manchmal sehr wichtig. Was hat der Bandname für eine Bedeutung?

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On-The-Go ist zum ersten Mal auf dem Hamburger Kiez zu Gast.

Makarychev: Ich hatte früher einen iPod classic, an den man sich schon kaum erinnern kann, auf dem eine On-the-Go-Playlist erstellt werden konnte. Alles funktionierte ganz einfach: Man konnte verschiedene Lieder auswählen und in eine solche Liste hinzufügen. Sechs Monate lang hatten wir gar keinen Namen. Wir haben über viele verschiedene Optionen diskutiert, aber nichts ist geblieben. Dann haben wir gedacht, dass das Wort On-the-Go richtig gut zu uns passen würde. Es bedeutet, sowohl in kreativen als auch in allen anderen Lebensaspekten ständig in irgendeiner Art von Bewegung zu bleiben - sich zu verändern, sich zu transformieren und immer irgendwohin zu gehen, so dass es eine interessante Reise wird.

Und die nächste Station Ihrer Bewegung ist Europa?

Makarychev: Ja, das stimmt. Wir haben ein neues Album in Arbeit, das Anfang 2020 herauskommen soll. Natürlich betrachten wir Europa als eine Chance für unsere Entwicklung. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, in Europa einen guten Start zu machen: entweder in Deutschland oder in Großbritannien. Und Deutschland ist nach unseren Erfahrungen ein günstiger Markt für einen solchen Start. Wir haben seit drei Jahren nichts veröffentlicht. In dieser Zeit haben wir uns ein bisschen von uns selbst ausgeruht, von der Musik. Jetzt sind wir bereit, für das neue Album zu werben.

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Warum haben Sie für diesen Start das Reeperbahn Festival gewählt?

Makarychev: Das Reeperbahn Festival ist ein ziemlich bekanntes und großes Festival. Wir haben Freunde, die hier gespielt haben und sie glauben, es lohnt sich. Diese Band heißt Pompeya - letztes Jahr waren sie beim Reeperbahn Festival - und dieses Jahr hatten sie ihre erste ernsthafte Europatournee. Wir kennen schon einige Showcase-Festivals. Wir haben an der Tallinn Music Week in Estland und an Bilbau BBK Live in Spanien teilgenommen. Solche Veranstaltungen geben eine Möglichkeit für einen kulturellen Austausch. Uns ist klar: Um irgendwo ein Publikum zu finden, muss man physisch dort erscheinen und Konzerte geben. Deshalb ist das Reeperbahn Festival der neue Start für uns. Und das gilt nicht nur für Deutschland, weil Teilnehmer auch aus anderen Ländern kommen. Solche Festivals sind notwendig. Je mehr solche Ereignisse stattfinden, desto besser.

Was erwarten sie vom Festival?

Makarychev: Wir sind schon ganz lange auf der Bühne, wir haben eine Geschichte hinter uns, wir haben etwas zu sagen und zu zeigen. Wir hoffen auf gutes Feedback und neue Kontakte.

Und was genau wollen Sie dem Publikum sagen?

Makarychev: Wir möchten über uns auf Englisch erzählen, damit der Großteil der Welt uns verstehen kann. Wir wollen zeigen, dass es in Russland auch Menschen mit einer ähnlichen Einstellung gibt. Russland ist nicht nur an klassischer Musik und Folklore reich, sondern auch an der Musik, die zum globalen Kontext passt.

Sie singen auf Englisch. Aber trotzdem bezeichnen Sie sich als eine russische Band, oder?

Makarychev: Ja, klar. Das soll aber nicht heißen, dass wir uns absichtlich darauf konzentrieren. Ich denke es ist hörbar, dass wir aus Osteuropa und präziser gesagt aus Russland stammen. Ich glaube nicht, dass ich perfekt Englisch spreche. Wir sind mehr mit westlicher Musik aufgewachsen und fühlten uns immer mehr damit verbunden. Schon am Anfang unserer Reise beschlossen wir, auf Englisch zu singen.

Welche Band oder welcher Künstler inspiriert Sie?

Makarychev: Es ist schwierig, das für die ganze Band zu sagen, weil alle Mitglieder unterschiedliche Hintergründe und Musikgeschmäcker haben. Das ist eigentlich auch in unserer Musik zu hören. Wir haben noch nie darüber gesprochen, wer unser gemeinsames Vorbild ist. Was mich angeht, habe ich immer gern Johnny Cash gehört. Ich denke, jeder in unserer Band respektiert David Bowie, weil jeder irgendwann unter seinen Einfluss geraten ist.

Kennen Sie Hamburg schon?

Makarychev: In Hamburg waren wir noch nicht, aber wir sind schon in Rostock aufgetreten. Dort haben wir in einem Club vor sehr wenigen Menschen gespielt. Wir waren kurz vor Weihnachten dort, deswegen haben wir ein bisschen das traditionelle festliche Deutschland genossen. Jetzt kommen wir für zwei Tage nach Hamburg: einen Tag, um ein wenig durch die Stadt zu wandern, und einen Tag, um das Konzert zu spielen. Leider werden wir nicht das ganze Festival mitbekommen: Konzerte in Moskau und die Arbeit am letzten Teil des Albums lassen uns keine Wahl.

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Erwarten Sie bei Ihrem Konzert in Hamburg ein deutsch- und englischsprachiges Publikum oder mehr Russen, die in Deutschland leben?

Makarychev: Ich weiß, dass einige Russen unser Konzert besuchen wollen, sie haben mir bei Facebook geschrieben. Wir waren aber schon immer daran interessiert, ein neues Publikum anzusprechen. Beim Reeperbahn Festival werden mindestens 90 Prozent des Publikums neu für uns sein. Es ist uns egal, ob es sich um Leute aus der Musikwelt handelt, die an neuen Künstlern interessiert sind, oder um einfache Menschen, die zufällig zum Festival kommen. Musik ist sehr oft einfach eine Frage des Zufalls. Ich habe selbst eine ähnliche Geschichte schon mehrmals erlebt: Ich bin zufällig zu einer Veranstaltung gekommen und habe da etwas Wichtiges für mich selbst gelernt. Ich hoffe, dass wir eine gute Zeit haben und eine gute Bühne - und dann alles zeigen, was wir können.

Am 17. September wurde Ihre neue Single veröffentlicht. Werden wir die auf der Reeperbahn hören?

Makarychev: Ja und nicht nur die! Das neue Album ist bereits größtenteils fertig und wir fangen an, neue Songs zu veröffentlichen. Wir sind gespannt, wie sie auf das Publikum wirken.

Momentan sind die Beziehungen zwischen Russland und vielen europäischen Ländern angestrengt. Welche Rolle spielen solche Veranstaltungen Ihrer Meinung nach in den Beziehungen zwischen Staaten?

Makarychev: Alle Spannungen liegen in der Regel im politischen Bereich, und dies stört nicht immer die kulturelle Lage. Natürlich kann es zu irgendwelchen Schwierigkeiten kommen, zum Beispiel mit dem Visum. Aber im Großen und Ganzen versuchen die meisten Künstler, sich aus der Politik herauszuhalten. Historisch gesehen war Musik immer das, was Leute verbindet. Die Interaktion mit anderen Kulturen und Ländern ist für uns äußerst interessant. Dafür sind solche Festivals nötig und gut.

Das Interview führte Kristina Akopova

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Dieses Thema im Programm:

NDR Blue | 18.09.2019 | 18:00 Uhr

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