Stand: 25.04.2018 16:57 Uhr

Hört mal genauer hin, was da so läuft!

Der Musikpreis Echo wird abgeschafft - die Nachricht des Beschlusses des Vorstands des Bundesverbandes Musikindustrie verbreitete sich am Mittwoch wie ein Lauffeuer. Die Marke sei durch den Antisemitismus-Eklat um die Rapper Kollegah und Farid Bang so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang nötig sei.

Ein Kommentar von Ocke Bandixen, NDR Info

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Ocke Bandixen, Redakteur bei NDR Info.

Der Echo ist tot, es lebe der ... ! Gut, einen neuen Namen für einen neuen Preis muss man jetzt noch finden. Halten wir erst einmal fest: Der Bundesverband Musikindustrie hat in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, den bisherigen Musikpreis abzuschaffen und nach einer Änderung einen neuen zu schaffen.

"Der Echo war viele Jahre ein großartiger Preis und zugleich ein zentrales Branchenevent", heißt es in der Pressemitteilung zum Echo-Aus. Wirklich? Spricht aus diesen Worten eine Einsicht, eine Erkenntnis, dass man vielleicht grundsätzlich falsch gelegen hat mit dem Echo?

Viele zweifelhafte Reaktionen

Die Geschichte ist beispiellos: Erst werden zwei Künstler mit dem nach Eigenaussage "großartigen Preis" ausgezeichnet, deren Texte offen antisemitisch, gewaltverherrlichend, Frauen herabsetzend sind. Dann dürfen sie auch noch auftreten. Dann begründet man die Auszeichnung mit der Freiheit der Kunst. Und dann entschuldigt man sich nach Kritik für Fehler und Versäumnisse, die nicht wieder vorkommen sollen.

Ebenso verhält sich BMG, die Plattenfirma der beiden Rapper (die übrigens zu Bertelsmann gehört): erst sich hinter die Musiker stellen, Kunstfreiheit preisen, dann die Zusammenarbeit ruhen lassen, jetzt beenden.

Es geht um Einordnung und Haltung

Es brauchte offenbar erst einen Chor, der immer vielstimmiger wurde, einen nicht abreißenden Strom der Künstlerinnen und Künstler, die aufstanden, um zu widersprechen: Campino, noch während der Veranstaltung, dann Klaus Voormann, der den Preis für sein Lebenswerk zurückgab. Marius Müller-Westernhagen, Igor Levit, Daniel Barenboim, die Dresdner Staatskapelle.

Solidaritätsadressen von Udo Lindenberg über Helene Fischer bis zu Peter Maffay. Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger schrieb sehr richtig: Die Echo-Veranstalter hatten nicht die Aufgabe über Kunstfreiheit zu richten, sondern nur zu entscheiden, ob Menschen, die den Holocaust verhöhnen, einen Preis verdienen.

Was immer jetzt für ein Preis kommt, das sollte man schon können. Und hier geht es nicht um Unterdrückung von Meinung oder Geschmack. Nur um Einordnung und Haltung.

Das wäre mal ein Echo!

Vielleicht lässt sich auch etwas Gutes im Skandal und dem Ende des Echos erkennen - beziehungsweise ist es eher eine Erinnerung als eine neue Erkenntnis: Künstlerische Qualität ist nicht mit Zahlen zu messen. Zweitens: Es gibt sie noch, die Engagierten, die Künstlerinnen und Künstler, denen nicht alles egal ist; die sich zuständig fühlen für das, was in unserem Land passiert - und zwar weit mehr und breiter vertreten, als vielleicht angenommen.

Und drittens ein Weckruf an alle: Hört mal genauer hin, was da so läuft. Was gerappt und gesungen wird. Und widersprecht, wo nötig und richtig. Das wäre mal ein Echo.

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