Igor Levit und Florian Zinnecker sitzen nebeneinander und schauen in die Kamera. © forartists, Felix Broede Foto: Felix Broede

Igor Levit und Florian Zinnecker über ihr Buch "Hauskonzert"

Stand: 12.04.2021 08:20 Uhr

Mit "Hauskonzert" veröffentlicht Pianist Igor Levit zusammen mit dem Journalisten Florian Zinnecker sein erstes Sachbuch. Es erscheint im Hanser Verlag - und ist eine Achterbahnfahrt mit Höhenflügen und Tiefpunkten.

von Friederike Westerhaus

Mit seiner Einspielung der Beethoven-Sonaten hat er für Furore gesorgt, ist als Pianist weltweit gefragt, umtriebig als politisch engagierter Mensch, Träger des Bundesverdienstkreuzes, und er hat eine Klavierprofessur in Hannover: Igor Levit. Jetzt hat er zusammen mit dem Journalisten Florian Zinnecker ein erstes Buch veröffentlicht, unter dem Titel "Hauskonzert" erscheint es im Hanser Verlag. Der Titel bezieht sich auf die täglichen Konzerte, die Levit zu Beginn der Pandemie aus seinem Wohnzimmer streamte, und mit denen er ein internationales Publikum erreichte. Friederike Westerhaus hat das Buch gelesen und Igor Levit und Florian Zinnecker getroffen. Bei Kultur à la carte erzählen sie von ihrer gemeinsamen Arbeit.

Igor Levit und Florian Zinnecker sitzen nebeneinander und schauen in die Kamera. © forartists, Felix Broede Foto: Felix Broede
AUDIO: Das Gespräch mit Igor Levit und Florian Zinnecker zum Hören (61 Min)

Igor Levit über Entstehung des ersten Buches "Hauskonzert"

Igor Levit sagt über Zinnecker: "Ich habe ihm vertraut. Und ich habe mich ihm anvertraut." Er war es, der die vielen Gespräche und Begegnungen in Buchform gebracht hat - ein Buch, das ursprünglich ganz anders geplant war - denn die Saison 2019 / 20, in der Zinnecker Levit auf den Fersen sein wollte, war geprägt von der Pandemie. Der Pianist erinnert sich: "Er war zu Hause, ich war zu Hause, jeder Tag war irgendwie anders. Ich habe mir einen Grill gekauft, den ich nie benutzt habe, ich hatte Übersprungshandlungen. An manchen Tagen saß ich zitternd auf der Couch und hatte wirklich Existenzängste. An manchen Tagen war ich überglücklich, und jeden Tag war der Tonfall ein anderer."

Es ist eine Achterbahnfahrt durch diese verrückte Zeit mit ihren Höhenflügen und Tiefpunkten. Und vielleicht ist es Florian Zinnecker so gut gelungen, sich Igor Levit zu nähern, weil gerade die Krise Berührungspunkte bot. "Das Überraschendste war, wirklich zu kapieren, dass wir sehr sehr viel gemeinsam haben. Dass hinter diesen ganzen Superlativen und hinter dieser Rolle Konzertpianist und Virtuose ein ganz normaler Mensch steckt. Und dass dieser Mensch relativ ähnliche Themen mit sich rumträgt wie ich. Und Fragen und Zweifel und all diese Dinge", sagt Journalist Zinnecker.

Levit: "Besitz interessiert mich gar nicht"

Igor Levit und Florian Zinnecker: "Hauskonzert"  (Cover des Sachbuchs) © Hanser
Das Sachbuch "Hauskonzert" ist am 12. April bei Hanser erschienen und kostet 24 Euro.

Dieses Buch ist keine klassische Biographie. Levits Leben wird nicht chronologisch erzählt, sondern es ist ein Springen zwischen den Zeiten. Die Gegenwart nimmt mehr Raum ein als die Vergangenheit. Auf einer gemeinsamen Zugfahrt erklärte Levit, er erinnere sich einfach nicht an sich. Nicht gerade ein optimaler Ausgangspunkt für so ein Buchvorhaben. Er erzählt: "Aber Fakt ist, ich erinnere mich einfach nicht an Dinge. Ich hab's nicht so mit Vergangenheit, ich halte nicht an Dingen fest. Besitz interessiert mich gar nicht. Ich kauf mir irgendwas, und dann kann ich es am nächsten Tag verschenken, das ist mir egal. Ich hangel' mich an Erlebnissen, an Begegnungen, an Momenten."

Und so sind es denn auch mehr Momentaufnahmen, die dieses Buch prägen. Der Moment, als Igor Levit in Hamburg Beethovens "Appassionata" spielte. Zinnecker saß im Publikum. "Ich hab das erst viel viel später erfahren, aber ich habe gemerkt, irgendwas stimmt nicht." so Zinnecker. Igor Levit hatte gerade eine Morddrohung per Email erhalten. "Mich haben einfach da gerade andere Sachen mehr interessiert als diese vier Beethoven-Sonaten. Seht’s mir nach. Ich bin durchlässig genug, und ich geh damit auch in Beziehung und bin dann offen und geh auch so auf die Bühne. Was hab ich denn für eine andere Wahl. Ich kann nicht Leuten irgendwas vorspielen. Ein Lügner bin ich nicht."

Levits Kampf gegen Diskriminierung jeder Art

Levit kämpft gegen Antisemitismus und Rassismus, gegen Diskriminierung jeder Art. Mit den "Vexations" von Erik Satie, einem musikalischen Marathon, wollte er im Mai 2020 auf die Lage der Kulturschaffenden in der Pandemie aufmerksam machen. Auch dies ein Moment, den Zinnecker miterlebte: "Ich hatte mir ein bisschen was zum Arbeiten mitgenommen, natürlich auch so eine Yoga-Matte, um vielleicht eine Stunde zu schlafen, aber daran war überhaupt nicht zu denken. Ich saß da stundenlang auf so einem kleinen, roten Sofa und hab auch zugehört, wie Du wieder und wieder und wieder dieses Thema und diese Variationen spielst, und konnte davon auch dann irgendwie nicht satt werden."

Die Coronazeit beschreibt Levit als "Katastrophe" gerade für Musikerinnen und Musiker. "Und gleichzeitig habe ich diese Zeit erlebt als ungemein befreiend. Im Grunde als einen sehr großen Schritt hin zum eigenen Ton, hin zum Gefühl: Ich bin okay." Auch das Buch selbst ist Teil dieses Weges. Denn Levit erlebt diese Veröffentlichung ganz anders, als die eines Musik-Albums. "Es ist ja auch ein Stück weit eine Sicherheitszone, wenn ich Klaviermusik spiele, die nonverbal ist. Das aber ist mit Worten ja anders. Das heißt, hier gehe ich viel konkreter in Beziehung zu den Menschen. Viel greifbarer. Mal gucken, was das mit mir machen wird."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.04.2021 | 07:20 Uhr

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