Stand: 31.08.2020 06:00 Uhr

Hamburger Philosoph Sprick über das Virtuelle in der Musik

von Stephan Sturm

Der Hamburger Cellist und promovierte Philosoph Benjamin Sprick lebt in seiner Wahlheimat Hamburg, im Stadtteil St. Pauli. Dort beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen der Musikästhetik, mit musikalischen Bewegungen, die in der Summe zu einem bestimmten Klangergebnis führen. Dabei nimmt er Bewegungsabläufe eines einzelnen Solisten bis hin zu denen eines gesamten Orchesters unter die Lupe. Vor kurzem hat er mit "Resonanzen des Virtuellen" ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Eine Begegnung mit Benjamin Sprick auf St. Pauli im Gespräch über die Frage nach dem Virtuellen in der Musik.

St. Pauli - Wahlheimat des Philosophen Benjamin Sprick

Der Hamburger Philosoph Benjamin Sprick spielt Cello in seinem Wohnzimmer © NDR Foto: Stephan Sturm
Der Hamburg Cellist und Philosoph Benjamin Sprick in seinem Arbeitszimmer auf St. Pauli. Er selbst hat ein Jahr als Cellist im NDR Elbphilharmonie Orchester gespielt.

Eine zweispurige Straße, parallel zur Reeperbahn unweit der Großen Freiheit. Ein Treppenhaus, das mit den alten metallenen Briefkästen noch den Flair der Nachkriegsjahre versprüht. Eine schwere, nach links geschwungene Treppe führt nach oben. In der zweiten Etage wohnt der Sprick. St. Pauli ist zu seiner Heimat geworden. "Ich bin hier eher zufällig gelandet vor zehn Jahren, und habe mich auf Anhieb wohl gefühlt, weil ich hier sehr gerne arbeite und lebe und von der Vielschichtigkeit der Lebensentwürfe profitiere. St. Pauli ist ein Stadtteil, der sehr viele Probleme hat und auch viele ungelöste Fragen formuliert und die sehe ich auch. Gleichzeitig sind die auch für mich der Grund, warum ich hier gerne bin, weil es 'Differenz' gibt."

Kleinste Prozesse werden zum großen Ganzen

Altbauwohnung, große Räume, hohe Decken, viele Regale mit etlichen Büchern. Benjamin Sprick liebt es, sich Zeit zu nehmen, um nachzudenken, einer Sache auf den Grund zu gehen. Dabei betrachtet er komplexe Fragen der Musik durch die Brille des Philosophen.

Seit einigen Jahren schon beschäftigt er sich mit dem Phänomen, dass beim Musizieren durch ein Vielzahl von kleinsten Bewegungen des Solisten mit seinem Instrument zum Beispiel, oder eines gesamten Orchesters, viele nicht wahrnehmbare kleinste Prozesse zu einem großen Ganzen werden: zu einer Solo-Suite von Bach etwa oder gar einer gesamten Sinfonie. Benjamin Sprick nennt es: "Resonanzen des Virtuellen". "Die Musik erscheint als ungeheures virtuelles Potenzial, was sich in verschiedenen Kontexten, Kompositionsstilen und Klangfarben immer wieder neu aktualisiert. Das sind dann die Resonanzen des Virtuellen, über die ich mir Gedanken gemacht habe", erzählt er.

Übertragene Thesen aus dem Filmbereich von Gilles Deleuze

Bei seinen Untersuchungen von musikalischen Bewegungen greift Benjamin Sprick auf die Thesen des 1925 in Paris geborenen Philosophen Gilles Deleuze zurück. Dieser hat sich mit der Bewegung im Film beschäftigt. Der Franzose konfrontierte die Wirkung von Bewegtbildern mit aktuellen Fragen der Philosophie und bezeichnete sogar den Film-Regisseur als Philosophen, berichtet Sprick: "Deleuze war ein begeisterter Kinogänger, war sehr am zeitgenössischen französischen Film, aber auch am amerikanischen Film, interessiert. Er hat den Versuch unternommen, seinen philosophischen Entwurf anhand des Films zu entwickeln. Deleuze hat die These entwickelt, dass es wichtig ist, die Differenz zu denken und nicht in einer übergeordneten Einheit aufzuheben."

Deleuze hat die These eingefordert, dass es wichtig ist, die Differenz zu denken und nicht in einer übergeordneten Einheit aufzuheben. Das bedeutet, dass man etwa eine Szene, einen Film, einen Satz aus einer Bach-Suite oder eine ganze Sinfonie nur dann komplex durchdringen kann, wenn man auch die kleinen Elemente, die Einzelbewegungen, die auch gegensätzlich wirken können, dabei berücksichtigt.

Durch Bewegung der Instrumente entsteht immer Neues

Das Cover von Benjamin Spricks "Resonanzen des Virtuellen" © Turia + Kant
Das Buch "Resonanzen des Virtuellen" von Benjamin Sprick ist kürzlich im Turia + Kant Verlag erschienen und kostet 39 Euro.

Ein Beispiel: Für das Erklingen eines Satzes aus einer Bach-Suite sind hunderttausende von Bewegungen notwendig. Der rechte Arm des Cellisten, der Bogen, die schwingende Saite, das Instrument, die Luftteilchen, die sich kugelförmig im Raum verteilen. Eine dreihundert Jahre alte Komposition entsteht somit immer wieder aufs Neue - im Hier und Jetzt.

"Bei Bach suggerieren beispielsweise die hörbaren Bewegungen einen charakteristischen Verlauf der Zeit, der so mit unserer Alltagswahrnehmung korrespondiert. Ich nenne das eine 'organische Bewegungsmontage' - auch ein Filmbegriff übrigens - die Bach konstruiert, um ein gefälliges, fröhliches Temprament musikalisch Form werden zu lassen." So beschreibt es Benjamin Sprick und geht noch weiter: "Für mich ist die Philosophie wie ein großes symphonisches Ensemble voller Stimmen und Klangfarben, in das ich mich dann - hier sesshaft auf St. Pauli - reinsteigern kann."

Und so steht Benjamin Sprick am Fenster in seiner Altbauwohnung, blickt in den Himmel über St. Pauli und spürt den "Resonanzen des Virtuellen" nach. Der Kiez und die Menschen, die hier leben: für ihn der ideale Platz, um darüber nachdenken zu können.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.08.2020 | 19:00 Uhr

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