Eine junge Frau hält sich die Ohren zu. © Colourbox Foto: PetraD

Einschüchterung, Manipulation und Folter: Musik als Waffe

Stand: 14.04.2021 14:19 Uhr

Madonna hat mal behauptet, dass Musik die Menschen zusammenführt. Musik kann aber in Kriegen und Konflikten Gegner demoralisieren oder gar foltern.

von Henning Cordes

Das Jahr 1989 war kein gutes für den damaligen Machthaber von Panama, Manuel Noriega. Zum Ende des Jahres war das US-Militär einmarschiert und in Panama City hinter ihm her. Noriega flüchtete in die Apostolische Nuntiatur, die diplomatische Vertretung des Vatikan in Panama. Dort harrte Noriega mit 32 Getreuen aus, amerikanische Soldaten umstellten das Gebäude.

Mit Musik ran an den Mann

Manuel Antonio Noriega © picture alliance/AP Photo | Matias Recart
Manuel Antonio Noriega war vom 1983 bis 1989 der Machthaber in Panama.

Gottes Stellvertreter in Panama waren nicht begeistert von Noriegas Check-in. Sie ließen ihn offenbar deswegen hinein, weil er gedroht haben soll: Sonst würde er aufs Land fliehen und einen Guerilla-Krieg anzetteln. Sie gaben ihm ein Zimmer - eher ein Loch von wenigen Metern, unklimatisiert und ohne Blick nach draußen. Vor der Tür fuhren derweil die Amerikaner auf, sich fragend: Wie kommen wir nur an den Mann heran? Und dann hatten sie eine Idee: Musik!

80er-Jahre-Hitmix bewegt Noriega zum Aufgeben

Sie ließen eine Reihe Jeeps auffahren, mit Lautsprechern oben drauf und dann gab es in Festival-Lautstärke nonstop einen 80er-Jahre-Hitmix für Noriega. Unter anderem "Give It Up" von KC and the Sunshine Band war damals mit dabei - eine Art Wink mit dem Tonarm. Knapp elf Tage später gab Noriga dann tatsächlich auf - die Musik-Dröhnung wird ihren Teil dazu beigetragen haben. Es war aber nicht das erste und längst nicht das einzige Mal, dass Musik als eine Art Waffe eingesetzt wurde. "Das Thema ist ja historisch auch kein Randthema. Militärischer Nutzen von Musik wird seit der Antike thematisiert, bei Platon findet sich dazu etwas und bei Plutarch", sagt Rainer Mausfeld, emeritierter Professor für Allgemeine Psychologie - zuletzt lehrte er an der Universität Kiel. Mausfeld ist unter anderem Experte für psychische Folter und Manipulation. Und dazu eignet sich eben auch die Musik.

"Das zieht sich durch die ganze Geschichte und das ist auch kein Wunder, weil Musik für die Beschaffenheit unseres psychischen Apparates ein ganz zentrales Instrument ist. Sie greift uns direkt ins emotionale Gefieder, wenn man so will", erklärt Mausfeld.

Musik als Motivation, Einschüchterung und Manipulation

Und: Musik hilft nicht nur, um mittelamerikanische Machthaber zur Aufgabe zu zwingen: Sie hilft auch dabei, Menschen zu motivieren, sich aus einem Schützengraben heraus in den Kugelhagel zu stürzen; sie hilft gleichzeitig beim Einschüchtern des Gegners und auch beim Foltern und Brechen von Menschen: Überlebende aus dem Bosnienkrieg haben berichtet, dass sie in Gefangenenlagern patriotische Lieder singen mussten; auch im sogenannten "War on Terror" haben US-Soldaten in Guantanamo Bay mit Musik gefoltert. "Musik ist ein ganz zentrales Element, um die Seele zu öffnen", erklärt Mausfeld. "Und wenn ich die Seele öffne, kann ich damit auch ganz viel erreichen, natürlich auch manipulativ."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.04.2021 | 15:40 Uhr

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