Stand: 09.01.2020 10:43 Uhr

US-Dirigentin Canellakis: Shooting-Star am Pult

von Marcus Stäbler

Es tut sich etwas in der Klassik-Welt. Junge Orchester-Chefinnen bringen frischen Wind ans Dirigentenpult, unter ihnen Karina Canellakis. Die 39-jährige US-Amerikanerin ist seit dieser Saison Chefdirigentin beim Niederländischen Radio Filharmonisch Orkest und Erste Gastdirigentin beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. 2018 war sie die erste Frau, die das Friedensnobelpreis-Konzert in Stockholm geleitet hat. Am 9. Januar eröffnete Canellakis am Pult des NDR Elbphilharmonie Orchesters das Beethovenjahr 2020 mit dem Tripelkonzert in der Hamburger Elbphilharmonie. NDR Kultur Autor Marcus Stäbler stellt sie vor.

VIDEO: Karina Canellakis über Lutoslawski (4 Min)

Mittwochnachmittag in der Elbphilharmonie. Karina Canellakis probt das Tripelkonzert von Beethoven, mit den Solisten Christian und Tanja Tetzlaff und Lars Vogt und dem NDR Elbphilharmonie Orchester. Die feingliedrige Dirigentin - in Jeans und schwarzem T-Shirt, die blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden - formt die Musik mit klaren Gesten. Ihre Ansagen sind freundlich und präzise, in einem Mix aus Englisch und sehr gutem Deutsch, das sie während ihrer Zeit als Geigerin in der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker gelernt hat.

Canellakis: "Ich gebe in jedem Moment viel Energie"

Dirigentin Karina Canellakis im Gespräch mit NDR Kultur Autor Marcus Stäbler © NDR Foto: Marcus Stäbler
Dirigentin Karina Canellakis spricht mit NDR Kultur Autor Marcus Stäbler über Musik und Energie am Pult.

Ob sie eine Stelle vorsingt, ob sie den Solisten einen kurzen Wink für den Einsatz gibt oder mit dem linken Arm einen Akzent im Orchester betont: Immer wirkt Karina Canellakis extrem fokussiert. Jede Note zählt für sie: "Ich gebe alles in den Proben und Konzerten. Ich bin immer total kaputt nach einer Probe, weil ich in jedem Moment so viel Energie gebe", so die Musikerin. Das hieße nicht, dass sie auf dem Podium tanze. Es sei kein physikalisches Ding.

Ihre Handschrift zeigt Karina Canellakis auch mit der Repertoireauswahl: Im anspruchsvollen Programm trifft das Tripelkonzert, op. 5 in C-Dur, von Ludwig Beethoven auf Werke von Anton Webern und Witold Lutoslawski und verlangt den Interpreten alles ab. Die Dirigentin begeistert, wie das NDR Elbphilharmonie Orchester dabei mitzieht und diese Herausforderung annimmt: "Manchmal ist es schwer, nach so vielen Stunden dieses sehr schweren Programms die Konzentration zu halten." Aber das Orchester mache das so im Ernst und mit so viel Liebe für die Musik, meint Canellakis. "Ich finde das toll."

"Es ist wichtig, freundlich und relaxt zu bleiben"

Die Chemie stimmt, das ist in der Probe deutlich zu spüren. Karina Canellakis - die unter anderem Simon Rattle und Alan Gilbert zu ihren Mentoren zählt - findet immer den richtigen Ton. "Es ist sehr wichtig heute für Dirigenten, besonders für jüngere, aber eigentlich gilt das für alle, nicht böse mit dem Orchester zu sein. Kein Diktator zu sein. Es ist wichtig, freundlich und relaxed zu bleiben", sagt die Dirigentin. Sie überzeugt mit künstlerischer Kompetenz und musikalischen Ideen. Kein Wunder, dass sie derzeit als Shooting Star am Pult gefeiert wird.

Am Donnerstag, 9. Januar, leitete Karina Canellakis ihr erstes Konzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, am Freitag ist sie in der Lübecker MuK zu Gast. Das dritte Konzert am 12. Januar überträgt NDR Kultur live im Sonntagskonzert ab 11 Uhr. Am 19. Februar ist sie zu Gast bei IDEAS | On Music, dem neuen Talkformat des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Das Programm am 12. Januar


Anton Webern
Sechs Stücke für großes Orchester op. 6
Ludwig van Beethoven
Konzert C-Dur für Klavier, Violine und Violoncello - Tripelkonzert -
Coriolan-Ouvertüre
Witold Lutosławski
Konzert für Orchester

Christian Tetzlaff Violine
Tanja Tetzlaff Violoncello
Lars Vogt Klavier
NDR Elbphilharmonie Orchester / Ltg.: Karina Canellakis

Live aus der Elbphilharmonie Hamburg

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 09.01.2020 | 15:20 Uhr

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