Stand: 06.02.2019 13:42 Uhr

Dirigent Lorenzo Viotti: "Kunst braucht Zeit!"

von Daniel Kaiser

Lorenzo Viotti ist einer der neuen internationalen Stars der Klassik-Szene. Jetzt ist der junge, charismatische Dirigent aus der Schweiz, um den sich die großen, weltbekannten Orchester reißen, zu Gast in Hamburg. An der Staatsoper dirigiert der 28-Jährige die Oper "Carmen" von Georges Bizet. Richtig glücklich ist Viotti dabei aber nicht. Daniel Kaiser hat ihn am Rande der Proben getroffen.

Der Schweizer Dirigent Lorenzo Viotti ist gerade mal 28 Jahre alt, aber schon schwer gefragt.

Lorenzo Viotti ist sichtlich genervt. Zu wenig Zeit, zu wenige Proben. Der junge Dirigent hadert mit dem "Carmen"-Engagement in Hamburg. Die Opernhäuser würden große Werke wie dieses nicht ernst nehmen und zu wenig pflegen. Tatsächlich soll es selbst in großen Orchestern Musiker geben, die Opern wie "Carmen" oder "Tosca" noch nie geprobt, sondern immer nur aufgeführt haben. "Das ist eine Schande", sagt Viotti ruhig aber bestimmt. "Eine Tragödie für diese Literatur! Und es ist die Verantwortung der Theater, das zu ändern." Puccini sei wahrscheinlich der Komponist, dessen Musik zur Zeit zwar oft, aber am schlechtesten gespielt und gesungen werde. "Das ist eine Katastrophe für die Qualität dieser Musik."

"Carmen ist ein Meisterwerk"

Viotti leidet. Und man versteht seinen Schmerz, wenn man ihn dabei beobachtet, wie leidenschaftlich er im Hamburger Orchestergraben mit den Sängern an jedem Satz, an jedem Ton feilt und die Musik ganz sensibel modelliert. "Deshalb kämpfe ich ein bisschen, weil Carmen ein Meisterwerk ist und nicht nur etwas für das Publikum, das sich über die Toreador-Arie freut. Diese Oper ist ein Drama", redet der junge Dirigent sich in Rage.

Stimmgabel und Noten © Fotolia.com Foto: rossler

"Es ist eine Schande!"

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Der junge Dirigent Lorenzo Viotti kritisiert den Umgang der Opernhäuser mit den großen Werken der Musikgeschichte. Viotti dirigiert gerade in Hamburg die "Carmen" und klagt über zu wenig Probenzeit.

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"Dieser Beruf kostet das Leben!"

Der 28-Jährige könnte auch als Boss-Model arbeiten. Blendendes Aussehen, Charisma und Talent für Zehn: Viotti kann sich die großen Orchester wie Blumen pflücken. Es läuft für ihn. "Aber dieses Leben ist nicht nur ein großer Spaß", räumt er ein. "Dirigent sein ist ein Prozess, der das Leben kostet und der ein ganzes Leben lang dauert, bis man stirbt. Möglicherweise dirigiert man auch, bis man stirbt, wenn man Glück hat." Viottis Vater war - wie er - ein Dirigent. Als der Sohn 14 Jahre alt war, brach er am Dirigentenpult auf der Bühne zusammen und starb einige Tage später. Als Kind dieser Musikerfamilie sei er schon immer mit den verschiedensten Stilen und Genres in Berührung gekommen.

Vom Cheeseburger geerdet

Das Alleinsein ist ein großes Thema für den jungen Star-Dirigenten. Er erinnert sich an den großen Schrecken, den er als 20-Jähriger bei den Salzburger Festspielen erlebte. Viotti hatte zwar nicht dirigiert, aber den Chor für die Premiere vorbereitet und selbst mitgesungen. "Die Aufführung war ein großer Erfolg beim Publikum mit Standing Ovations", erzählt er. "Und danach war ich dann ganz allein. Es hat geregnet, und ich habe bei McDonalds gegessen. Es gab da niemand anderen. Das war ein großer Schock für mich. Aber er war notwendig, weil man wieder von seinem Ausflug zu den Sternen zurück auf die Erde kommt."

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NDR 90,3 Kulturjournal-Leiter Daniel Kaiser (li.) im Gespräch mit Lorenzo Viotti.
Elbphilharmonie: Viotti zieht gemischte Bilanz

Die Elbphilharmonie kennt Viotti als Dirigent - er war 2017 beim Philharmonischen Staatsorchester eingesprungen - und als Besucher. Seine Bilanz fällt gemischt aus. Die Bühnenerfahrung sei hervorragend gewesen. Als Zuschauer habe er dagegen einige Male nur schlecht hören können. "Der Saal kann phänomenal und phantastisch sein, wenn ihn sich die Musiker wirklich erarbeitet und mit Zeit geprobt haben." Kunst braucht Zeit - das ist ein Leitmotiv bei Viotti.

Ein Café wie die Sonne

Viotti war schon oft in Hamburg, fremdelt aber noch mit der Stadt und den Menschen. "Die Leute sind zu ernst. Es fehlt diese Naivität, einfach mal zu lächeln und 'Hallo' zu sagen, auch wenn man sich nicht kennt." Gerade hat Viotti aber im Stadtteil Hoheluft ein Café entdeckt, in dem alles anders war. Viotti fand Herzlichkeit und Wärme. "Ich hatte alles vergessen, auch dass wir zu wenig Proben für Carmen haben. Diese Menschen in dem Café waren einfach wie Sonne. Deshalb gehe ich da jetzt jeden Tag hin. Weil man Sonne braucht - auch in Norddeutschland", lacht Viotti.  

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 06.02.2019 | 19:10 Uhr

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