Stand: 23.02.2019 00:00 Uhr

"Der Goldene Reiter" Joachim Witt wird 70

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Der weiße Rauschebart ist mittlerweile ein Markenzeichen von Joachim Witt.

Er war der "Goldene Reiter" - und galoppierte damit in den 80er-Jahren als Star der Neuen Deutschen Welle in die Charts. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag (22.02.2019) lässt Joachim Witt seinen großen Hit in einer orchestralen Fassung wiederauferstehen: Auf dem Album "Refugium" hat der inzwischen in Potsdam wohnende Hamburger die Höhepunkte seines musikalischen Schaffens neu arrangiert und mit einem Orchester aufgenommen.

Erste Erfolge in Schülerbands, dann "streckenweise Sozialhilfe"

Musikalisch aktiv war der Sohn eines Hamburger Schauspielers schon mit 16 Jahren in Schülerbands. In den 1960er-Jahren wurde er Vierter bei einem Band-Wettbewerb, erzählte er in einem Interview mit NDR.de: "Das war mit einer Schulband im Hamburger Alsterpavillon. Die Band hieß Scalesmen. Damals wurden immer nur Cover gespielt - von den Beatles oder den Rolling Stones." Nach dem Abitur machte aber zunächst eine Lehre als Fotograf. Mit 24 unterschrieb er den ersten Plattenvertrag, trat aber gleichzeitig einer freien Theatergruppe bei. Nach dem Besuch in einer Theaterschule war er zwei Jahre am Hamburger Thalia-Theater engagiert, bis er 1977 die Band Duesenberg gründete. Damals habe er streckenweise Sozialhilfe bekommen, weil mit der Band kein Geld zu verdienen war, sagte Witt NDR.de.

Erfolg mit "Goldener Reiter" verdankt Joachim Witt einem Zufall

Drei Jahre später startete er seine Solokarriere - und legte kurz darauf den kometenhaften Aufstieg zum NDW-Star hin. "Mein Erfolg kam ein bisschen durch Zufall", erzählte Witt. Er habe mit seiner Promoterin gesprochen, die ihn im November 1981 in die Fernsehsendung "Musikladen" gebracht hat. "Eigentlich sollte sie Marius Müller-Westernhagen dort platzieren, aber der Produzent Michael Leckebusch wollte lieber mich haben, nachdem er den 'Goldenen Reiter' gehört hatte. Ich hatte einen relativ gestörten Auftritt mit komischen Krankenschwestern - das wollte Leckebusch so. Es fiel sehr auf. Das war dann über Nacht mein Durchbruch."

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2018 engagiert sich Joachim Witt am Spendentag von Hand in Hand für Norddeutschland.

Bei vielen von Witts Neue-Deutsche-Welle-Mitstreitern wie Fräulein Menke ("Hohe Berge") oder Markus ("Ich will Spaß") standen Spaß und Ausgelassenheit im Vordergrund, das Lebensgefühl der 80er. Beim "Goldenen Reiter" dagegen geht es um Schizophrenie und den (psychischen) Absturz. Nach wie vor treffe er einige der NDW-Musiker gelegentlich beispielsweise auf Geburtstagsfeiern, erzählte Witt vor fünf Jahren in einem Interview bei NDR 90,3.

Mit neuem Album 45 Jahre Musik Revue passieren lassen

Ein Revival erleben auf dem neuen Album "Refugium" auch sein Chart-Hit "Die Flut" (1998), eine Kooperation mit dem deutschen Synthie-Pop-Musiker Peter Heppner, und der Song "Gloria" (2012), für dessen Musikvideo Witt herbe Kritik einstecken musste. Der Vorwurf: Verunglimpfung von Bundeswehrsoldaten unter anderem wegen einer Vergewaltigungsszene. Im Interview mit NDR.de sagte Witt, die Reaktionen damals hätten ihn irritiert. "Das Video war ein Rundumschlag. Es geht um militärische Auseinandersetzungen, es geht um Umweltzerstörungen und es geht um religionskritische Haltung. Die Diskussion war aber immer nur fokussiert auf die zwei Szenen."

Zwischen den Veröffentlichungen seiner bekannten Songs liegen jeweils viele Jahre. Der Musiker erklärt das mit seiner Angst vor Belanglosigkeit und Wiederholung: "Da mache ich dann lieber Pause". Immerhin 16 Alben hat Witt seit 1980 veröffentlicht, zwei Millionen Tonträger nach Angaben seiner Agentur verkauft.

Markenzeichen: Wucht, Pathos, Melancholie

Obwohl Joachim Witt verschiedene Musikrichtungen ausprobiert hat - von Neuer Deutscher Welle, Rock, Pop, Dark Wave, Gothic bis Neuer Deutsche Härte und mittlerweile Stammgast auf dem Gothic-Festival M'era Luna ist - bleibt er seinem Stil treu: Wucht, Pathos, Melancholie. Und jetzt also der Bombast-Sound mit Orchester: "Sobald du merkst, dass du dich im Kreis drehst, wird es Zeit, aus der Reihe zu tanzen," sagt Witt im Trailer zu seinem neuen Album.

Seine Lieder seien immer auch "ein Stück Selbsttherapie", er verarbeite in ihnen seine Beziehungen und seine Sicht auf die Gesellschaft: Schon in seinem ersten und größten Hit "Der Goldene Reiter" übt er Kapitalismuskritik. Den Song gab Witt 2016 dann im Kakerlaken-Kostüm im Promi Big-Brother-Haus zum Besten. In der Rückschau übt er Eigenkritik: "Ich würde so etwas nie wieder machen. Horror!"

Geburtstag wird in Hamburg gefeiert

Was er jedoch immer wieder macht: von Potsdam nach Hamburg pendeln. Dort leben seine Frau, seine beiden Kinder und zwei kleine Enkelkinder. In der Hansestadt plant er auch eine Geburtstagsfeier "mit ein bisschen Lounge-Musik". Bald danach geht es mit seinem "Refugium" auf Tour. Auch in Norddeutschland macht er dann Station: am 30.4. in Hannover und am 23.6. in Hamburg. Zur Ruhe setzen ist für Joachim Witt noch kein Thema, doch er träumt von einem Winterwohnsitz im Süden, zum Beispiel auf den Kanaren: "Irgendwie und irgendwann mache ich das auch!"

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 22.02.2019 | 05:20 Uhr

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