Stand: 21.07.2020 14:49 Uhr  - NDR Kultur

Cyborgs: Wege aus dem Labyrinth der Dualismen

von Alexandra Friedrich

Cyborgs, diese Mischwesen aus technologischen Elementen und lebendigem Organismus, begegnen uns immer wieder in der Popmusik - von Kraftwerk über Björk bis hin zu Janelle Monáe. Jüngstes Beispiel ist Arca. Auf ihrem Album "Kick I" vollzieht sie die Verwandlung zu einem Hybriden aus Mensch und Maschine. Was steckt hinter dem Phänomen "Cyborg"?

Arca ist nicht nur Musikerin, sondern schafft auch eigene Cover-Artworks, produziert Alben von Pop-Stars wie Kanye West und FKA Twigs, ist Model und bildende Künstlerin. 1989 in Caracas als Alejandro Ghersi geboren, nennt sich Arca heute Alejandra und bevorzugt das weibliche gegenüber dem männlichen Pronomen, identifiziert sich aber als nicht-binäre Person, weder Mann noch Frau. "Nonbinary" heißt auch die erste Single und Album-Opener des aktuellen Albums "Kick I".

Ihre Auseinandersetzung mit Nonbinarität geht bei der in Barcelona lebenden Künstlerin aber noch über die Geschlechtsfrage hinaus: Auf "Kick I" erzählt sie von der Metamorphose zum androgynen Cyborg.

Arca ist transhuman und nonbinär

In zarter, weißer Spitzenwäsche, aber mit martialisch anmutenden, überlangen metallischen Körpererweiterungen, als eine Mischung aus Victoria's Secret Model und Edward mit den Scherenhänden, zwischen Unschuld, Verführung und tödlicher Waffe, präsentiert sich die venezolanische Musikerin Arca auf dem Album-Cover von "Kick I". "Ist es Mann, Frau? Mensch, Maschine?", fragt sich der Betrachter. Arca ist alles und nichts davon, und viel mehr als das: Arca ist transhuman und nonbinär.

Für ihre Verwandlung zum Cyborg nutzt die Künstlerin Bilder wie die der Verpuppung von Schmetterlingen oder Reminiszenzen an Botticellis Geburt der Venus, aber immer in einer technologisch-futuristischen und oft dystopisch anmutenden Variante. Der Soundtrack zu ihrer Verwandlung ist zumeist düster, experimentell, keine "leichte Kost". Björk, Expertin für sperrige Sounds und Science-Fiction-affin, steuert dem Album ihre expressive Stimme bei. Die Isländerin hat sich selbst auch schon als humanoider Roboter inszenieren lassen - im Musikvideo zum Song "All is Full of Love".

Der technisch aufwändig produzierte Clip erzählt in poetischen Bildern, wie sich das technoide Alter Ego von Björk und ein Cyborg-Artgenosse annähern und schließlich auf die denkbar leidenschaftlichste und innigste Art und Weise küssen. "All is Full of Love" entstand im Jahr 1999.

Langs "Metropolis" inspiriert Künstler von Kraftwerk bis Monáe

Noch früher als Björk haben sich Kraftwerk mit der "Mensch-Maschine" auseinandergesetzt. Auf ihrem gleichnamigen Album huldigen die Düsseldorfer Elektro-Pioniere 1978 Fritz Langs "Metropolis". In dem Stummfilmklassiker aus dem Jahr 1927 begegnen wir dem Maschinenmenschen Maria. Einer Figur, die wiederum eine andere Musikerin zu ihrem eigenen Cyborg Alter Ego inspiriert hat. Die US-Amerikanerin Janelle Monáe erzählt ähnlich der Schaffung Marias die Geburt von Cindi Mayweather, ihrer widerständigen Cyborg-Persona, die aber deutlich lebensbejahender und ausgelassener daherkommt als diejenige Arcas.

Aber auch für Janelle Monáe hat das Konzept des Cyborgs eine politische Dimension. Das gilt für einige Künstlerinnen und Künstler, die sich wie Monáe auch als queer identifizieren, etwa die Detroiter Künstlerin und DJ Mother Cyborg, die sich selbst ein "hybrides Geschöpf mit drei Seelen" nennt.

Die Metaphorik der Cyborgs als politisches Leitmotiv

Oder auch der Queer-Aktivist und Pop Performer Gerald Kurdian. In seinem Projekt "Hot Bodies of the Future", einer performativen und musikalischen Recherche zu queerer Mikropolitik und alternativen Formen der Sexualität, zitiert der Franzose Donna Haraway. Die Feministin und Biologin hat die Idee des Subversiven des Cyborgs zuerst formuliert. Mitte der Achtziger schrieb sie in ihrem Cyborg-Manifest über diese hybriden Identitäten, die als Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt die westliche, patriarchale und heteronormative Hegemonie untergraben.

Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen (…). Die feministische Science Fiction ist bevölkert von Cyborgs, die den Status von Mann oder Frau, Mensch, Artefakt, Rassenzugehörigkeit, individueller Identität oder Körper sehr fragwürdig erscheinen lassen. Donna Haraway

Doch auch ohne diesen Wissenschaftstheoretischen Überbau funktioniert das Konzept des Cyborgs ganz intuitiv als politisches Leitmotiv für die LGBTQI-Bewegung, allein durch seine Zukunftsgewandtheit und die Sprengung etablierter Grenzen.

Dem Schmerz der Transformation Ausdruck verleihen

Bei Arca findet diese Grenzüberschreitung einen besonders konsequenten künstlerischen Ausdruck: Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt, Genderzuordnungen spielen keine Rolle mehr, die Schubladen von Musikgenres werden unbrauchbar. Arca stellt Konzeptionen von schön und hässlich in Frage und strapaziert die Idee, was Musik ist, was Lärm. Diese Sperrigkeit, der teils harsche bis schmerzhafte Sound sind bewusst gewählt und macht deutlich: Arcas Transformation und ihre letztliche Befreiung waren ein herausfordernder Prozess und eine beschwerliche Reise.

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Screenshot aus dem Video zur Single "Nonbinary" der Künstlerin Arca © Arca

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Cyborgs begegnen uns immer wieder in der Popmusik - von Kraftwerk über Björk bis hin zu Janelle Monáe. Jüngstes Beispiel ist das Album "Kick I" der Musikerin Arca. Was steckt hinter dem Phänomen?

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NDR Kultur | Journal | 21.07.2020 | 19:00 Uhr

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