Stand: 04.05.2020 12:28 Uhr  - NDR Kultur

Wie riskant ist Chorsingen in Zeiten von Corona?

von Marcus Stäbler

Chorsingen ist mehr als nur Musik. Es bedeutet auch Zusammenkommen, eine Gemeinschaft finden. Deshalb vermissen viele Menschen diesen Teil des Musiklebens in Zeiten von Corona ganz besonders. Doch es gibt schwerwiegende Gründe, weshalb das gemeinsame Singen bis auf weiteres von den Lockerungen ausgenommen ist. Denn Chorproben haben sich in einigen Fällen als wahrscheinlicher Hotspot für die Verbreitung des Virus herausgestellt. Deshalb ist höchste Vorsicht geboten.

Bild vergrößern
Die Berliner Domkantorei bei einem ihrer Auftritte.

Am Montag, den 9. März, treffen sich die Mitglieder der Berliner Domkantorei zu ihrer wöchentlichen Probe. Für den 21. März ist damals noch eine Aufführung des Liverpool Oratorio von Paul McCartney geplant, geleitet vom Kantor Tobias Brommann. "In der Probe waren etwa achtzig Mitglieder im Raum. Der ist etwa 120 Quadratmeter groß. Ich stand in angemessener Entfernung vor dem Chor. Auch die Korrepetitorin saß weiter weg am Klavier, also wir hatten schon relativ große Abstände", erzählt der Kantor.

Sechzig der achtzig Sänger infiziert

Die zweieinhalbstündige Probe verläuft normal, niemand zeigt Symptome einer Erkrankung. Aber das ändert sich bald, wie Tobias Brommann erzählt. Fünf Tage nach dieser Probe habe er eine Mail von einem Mitglied bekommen. Darin stand: positiver Test. Daraufhin schickt Brommann alle Chormitglieder in Quarantäne und alarmiert das Gesundheitsamt. Rund sechzig der achtzig Sängerinnen und Sänger sowie er selbst und die Korrepetitorin bekommen in der Folge Symptome in verschiedener Schwere. "Von Geruchs- und Geschmacksverlust bis hin zu leider auch sehr schweren Fällen mit Krankenhausaufenthalten", berichtet Brommann.

Bild vergrößern
Domkantor Tobias Brommann musste alle Chormitglieder in Quarantäne schicken.

Mittlerweile sind zum Glück alle wieder genesen. Doch die rapide Ausbreitung des Coronavirus in der Berliner Domkantorei, die inzwischen auch vom Robert Koch-Institut untersucht wird, gibt Anlass zur Sorge und zur Vorsicht. Zumal es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Auch in Stade und im bayerischen Hohenberg sind mehrere Chormitglieder nach dem gemeinsamen Singen teilweise schwer erkrankt. In den USA sind sogar - ein besonders trauriger Extremfall - zwei Choristen im Anschluss an eine Probe gestorben, obwohl dort bereits Abstands- und Hygieneregeln eingehalten wurden.

Hohes Infektionsrisiko trotz Sicherheitsabstand

Heißt das also, dass Chorsingen in der gewohnten Form derzeit womöglich besonders riskant ist? Zu dieser Ansicht kommt eine Risikoeinschätzung des Freiburger Instituts für Musikermedizin vom 25. April. Dessen Leiter Bernhard Richter ist nicht nur promovierter HNO-Arzt und habilitierter Stimmmediziner, sondern auch examinierter Sänger. Er begründet seine Warnung vor dem Chorsingen so: "Wir haben dort eine größere Gruppe von Menschen und diese Menschen stehen auch eng zusammen. Damit haben wir von der Risikobeurteilung her den besten Nährboden dann, wenn eine dieser Personen tatsächlich erkrankt ist."

Und da die Erkrankten schon infektiös sind, bevor sie selbst Symptome spüren, könnte jemand das Virus im Raum verteilen ohne es zu wissen. Die Möglichkeiten, Sängerinnen und Sänger dagegen zu schützen, schätzt Bernhard Richter als gering ein, weil etwa ein größerer Sicherheitsabstand innerhalb des Raums kaum weiter hilft.

Aufs Singen in geschlossenen Räumen verzichten

Hier kommt der Faktor Zeit ins Spiel. So wie sich Gerüche in einem Raum auf Dauer ansammeln und dazu führen, dass die Luft "verbraucht" wirkt, so bleibt auch das Virus in den sogenannten Aerosolen. "Das sind kleinste, feinste Partikel, die nicht sofort zu Boden fallen, sondern sich in der Raumluft halten. Und das ist das Problem: Wenn Sie mehrere Menschen in der Raumluft haben und die über einen längeren Zeitraum tief ein- und ausatmen, dann bleibt es nicht so sehr direkt vor dem Sänger - sondern der gesamte Raum wird sich dann in etwa 15 Minuten füllen, wenn ein Infizierter dabei ist. Das ist der entscheidende Punkt", erklärt Richter.

Das erklärt auch höchstwahrscheinlich, warum sich bei der Probe in Berlin nicht nur ein Großteil der Sängerinnen und Sänger, sondern auch der Kantor und die Korrepetitorin angesteckt haben. Natürlich ist all das noch nicht lückenlos erforscht, dazu bedarf es noch genauer Studien, wie bei vielen Fragen zum Coronavirus. Trotzdem rät Bernhard Richter vom Institut für Musikermedizin dazu, größte Vorsicht walten zu lassen und auf das gemeinsame Singen von Gruppen in geschlossenen Räumen vorerst zu verzichten, auch wenn es ihm schwer fällt. "Es ist extrem schmerzhaft, das zu sagen, weil auch mein Herz an der Musik hängt, für mich ist das schlimm!", gesteht Richter.

Sicherheit geht vor

Aber der Schutz der Gesundheit gehe vor. Das sieht auch der Berliner Domkantor Tobias Brommann so, der derzeit nur Online-Proben abhält. "Damit beschneide ich mich selber und das tut wahnsinnig weh und ich merke, wie mir das fehlt, aber ich halte das im Moment für das Beste."

Diese Ansicht teilt auch die Nordkirche, die in ihrer aktuellen Handlungsempfehlung für Musikgruppen schreibt: Nach derzeitigem Kenntnisstand wird das Infektionsrisiko in geschlossenen Räumen als zu hoch bewertet.

Weitere Informationen

Kultur trotz Corona - Der Festivalsommer

Kein Hurricane, kein Elbjazz, kein SHMF? Jedenfalls nicht wie erwartet. Der NDR bietet ein Alternativ-Programm mit aktuellen Momentaufnahmen und der Musik vergangener Festivals im Norden. mehr

NDR Info

Corona-Maßnahmen: Was bleibt verboten, was wird gelockert?

NDR Info

Bund und Länder haben sich auf eine Verlängerung des Kontaktverbots in der Öffentlichkeit verständigt. Was genau vorgeschrieben ist und welche Lockerungen beschlossen wurden, erfahren Sie hier. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.05.2020 | 07:20 Uhr