Stand: 14.08.2020 19:48 Uhr  - NDR Kultur

Campino gratuliert Wim Wenders zum 75. Geburtstag

Der Musiker Andreas Frege alias Campino hat bereits mehrfach mit Wim Wenders gearbeitet - etwa für das Musikvideo "Warum werde ich nicht satt?" aus dem Jahr 1999, das Wenders für die Toten Hosen drehte. 2008 folgte der Kino-Spielfilm "Palermo Shooting", in dem der Musiker die Hauptrolle spielte - neben Dennis Hopper. 2020 hat Campino gemeinsam mit Eric Friedler den NDR Dokumentarfilm-"Wim Wenders, Desperado" über das Leben des Filmemachers gedreht. Am 14. August wurde der Autor und Regisseur 75 Jahre alt. NDR Kultur hat vorab mit Campino über die Freundschaft der beiden gesprochen.

Sie haben mehrfach mit Wim Wenders gedreht: Haben Sie ihn beim Dokumentarfilm "Wim Wenders, Desperado", bei dem er nun selbst vor der Kamera stand, anders erlebt?

Regisseur und Autor Wim Wenders (links) im Zeise-Kino Hamburg mit Musiker Campino zur Premiere des Dokumentarfilms "Desperado" © imago images / Andreas Lenthe Foto: Andreas Lenthe
Kennen sich seit 1999: Wim Wenders (links) und der Punkmusiker Campino. Hier feiern sie in Hamburg die Filmpremiere der Dokumentation "Wim Wenders, Desperado".

Campino: Dieser Rollentausch ist Wim nicht immer leicht gefallen. Wenn man das Regisseur-Dasein so verinnerlicht hat wie er, stellt man natürlich auch Fragen. Etwa, warum die Kamera jetzt so oder so steht, dass man auf das Licht achten solle. Es ist eine ungewohnte Rolle für uns beide gewesen. Bei "Palermo Shooting" und den Musikvideos musste er immer auf die Uhr gucken und Tempo machen. Wir Schauspieler und Akteure waren damals ein bisschen laxer. Diesmal war es genau umgekehrt, ich musste immer sagen - "Es wird Zeit, dass wir jetzt die Szene fertig kriegen."

Entspricht die Regieführung denn überhaupt dem Punk, wo eigentlich jeder machen sollte, was er will?

Interview
Wim Wenders © Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

Wim Wenders zum 75. Geburtstag

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Campino: Es gibt kaum etwas Unkalkulierbareres als einen Dokumentarfilm. Das ist wie bei "Palermo Shooting", da wussten wir zum Drehbeginn auch nicht, wie der Film enden wird. Dass man sich zwischendurch verabredet, um gewisse Dinge zu tun, ist kein Widerspruch. 

Wenders gilt als ein sehr ehrlicher Regisseur, weil er sein Publikum nicht betrügt oder belügt. Ist diese Ehrlichkeit mit dem Punk verwandt?

Campino: Auf jeden Fall. Die Filmszene hatte in den 70er- und 80er-Jahren einen ähnlichen revolutionären Umbruch wie auch die Musik durch den Punkrock. Gegen sämtliche kommerzielle Überlegungen einfach zu sagen "Hier ist eine Kamera, hier sind ein paar Schauspieler. Wir haben eine Idee. Aber was genau daraus wird, beobachten wir, während es entsteht", - das ist schon ein krasser Ansatz. Ich finde durchaus, dass es mit dem Abenteuer des Punkrock zu tun hat. 

Man kann nicht über unzählige Themen des Lebens Filme drehen. Vieles wiederholt sich, wie auch beim Songwriting. Ist es Ihnen bekannt, Dinge neu zu entdecken, über die man schon einen Song geschrieben hat, dann nochmal einen macht und bemerkt, dass es doch etwas anderes ist?

Weitere Informationen
Wim Wenders © NDR

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Campino: Ja, das betrifft uns alle. Dass wir nicht immer nur das Recht, sondern auch die Verantwortung haben, jeden Tag das Leben neu zu bewerten und den eigenen Lebensweg neu zu justieren. Die ewig gleichen Fragen brauchen immer wieder andere Antworten. Das hat immer auch damit zu tun, wo man im Leben steht, wie alt man ist, auf welchem Level man sich letztendlich befindet. Um diese fünf bis sechs Grundthemen des Lebens herum ist es legitim, sich die Fragen immer wieder neu zu stellen und darauf ständig frische Antworten zu finden. 

Was wünschen Sie Wim Wenders zum 75. Geburtstag?

Campino: Das hört sich vielleicht ein bisschen banal an, aber: In dieser Zeit kann ich ihm nicht mehr wünschen als weiterhin viel Glück und vor allem Gesundheit - und die Möglichkeit, viele Filme zu machen. Wim bleibt durch und durch Film- und Musikmensch und er ist ein Workaholic. Er braucht Arbeit, er braucht etwas zu tun, um sich auszudrücken. Da mögen ihn meine besten Wünsche begleiten, dass er ständig eine Hülle und Fülle zu tun haben wird. 

Das Gespräch führte NDR Kultur Moderator Philipp Schmid.

Der Dokumentarfilm "Wim Wenders, Desperado" läuft am 5. September 2020 ab 22.30 Uhr im NDR Fernsehen.

Links
Engel Damiel (Bruno Ganz) blickt auf Berlin" - Szene aus "Himmel über Berlin" © NDR/Wim Wenders Stiftung

Wim Wenders - Werkschau

Zum 75. Geburtstag von Wim Wenders hat Das Erste eine große Werkschau seiner Filme zusammengestellt. Bis zum 14. September sind 28 Filme des Regisseurs zu sehen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.08.2020 | 06:20 Uhr

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