Stand: 22.09.2019 07:30 Uhr

Blog: So lief das Reeperbahn Festival 2019

von Matthes Köppinghoff

Vier Tage und Nächte stieg in den Clubs auf und rund um Hamburgs Amüsiermeile Europas größtes Clubfestival: das Reeperbahn Festival. NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff ist auch in diesem Jahr wieder dabei gewesen. In seinem Blog erzählt er von den großen und kleinen Musikperlen auf dem Hamburger Kiez. Vier Tage und Nächte "Musik ohne Ende" liegen hinter ihm.

Bild vergrößern
Unser Blogger Matthes Köppinghoff ist vier Tage lang beim Reeperbahn Festival unterwegs gewesen.

Seit zwei Jahren wohne ich nun nicht mehr auf St. Pauli, und dennoch: Die netten Leute in meinem Lieblingskiosk in der Simon-von-Utrecht-Straße begrüßen mich immer noch so freundlich, als wäre ich nie weggezogen. Bis zum nächsten Reeperbahn Festival 2020 werde ich bestimmt ab und an dort vorbeischauen, doch bald hat mich der normale Alltag wieder: Vier Tage durch die Clubs ziehen, Bands anschauen, relativ oft Backfischbrötchen essen, das ist für eine gewisse Zeit gut und lustig, aber auch davon muss man sich erholen. Bevor es so weit ist, hier mein letzter Bericht vom Reeperbahn Festival 2019!

Biergarten-Stimmung und Gedränge

Die letzten Tage haben bei allen Beteiligten ihre Spuren hinterlassen: Als ich gegen Mittag über den Spielbudenplatz laufe, sind nur vereinzelt Gestalten mit tiefen Augenringen zu sehen. In manchen Clubs wird schon wieder (oder immer noch?) gefeiert, draußen sitzen ein paar Leute in der Sonne. Bis zum Nachmittag wird sich das aber gravierend ändern: Es ist warm, sonnig, insgesamt bestes Biergarten-Wetter. Es mag vielleicht an den Strapazen der letzten Tage liegen, dass ein paar Festivalbesucher*innen etwas angespannt sind, vielleicht liegt es ja auch wirklich nur an dem tollen Wetter, aber: Es ist sehr voll. Auffällig voll. Jeder Platz an den Tischen auf dem Spielbudenplatz ist belegt, an den Getränke-Ständen sind lange Schlangen, vor den Clubs ebenfalls. Egal wo man hin möchte, man kommt kaum durch - das nervt einige Leute. Andererseits: Wir kommen ja auch nicht hier hin um die idyllische Stille zu genießen, schließlich macht Gewusel und Lärm ja auch St. Pauli aus.

Weitere Informationen

Rekord: 50.000 Besucher beim Reeperbahn Festival

Das Reeperbahn-Festival ist mit einem Gäste-Rekord zu Ende gegangen. Zu den mehr als 600 Konzerten, kamen so viele Menschen wie nie zuvor auf den Hamburger Kiez. mehr

Ein letztes Flanieren

Ein letztes Mal für dieses Jahr schaue ich bei NDR Blue Backstage in der Alten Liebe vorbei und habe das Glück, Low Island aus Oxford zu sehen (beziehungsweise einen Abgesandten der Band – insgesamt sind die zu viert; was er da aber schon alleine abgeliefert hat, hat mir gefallen). Später steht bei The Subways gefühlt halb Hamburg vor dem N-JOY Reeperbus. Hier und da schaue ich mir etwas an und lasse mich treiben. Mir fällt auf, dass jedes Mal, wenn ich am Festival-Informationsstand vorbeilaufe, der Song "Charger" von Foreign Diplomats läuft. Lustigerweise habe ich davon auch seit Tagen einen Ohrwurm, super Song. Ich hoffe, die armen Mitarbeiter*innen haben sich daran nicht satt gehört und im besten Fall selbst auf "Repeat" gedrückt.

Weitere Informationen
N-JOY

Deutschrap im Radio: Pop oder Provokation?

N-JOY

Wie weit geht Kunstfreiheit und wo hört sie auf - besonders, wenn in den Texten Erniedrigung im Spiel ist? Experten haben auf dem Reeperbahn Festival diskutiert, wie weit Musik im Radio gehen darf. mehr

Mia Morgan bekomme ich nur beiläufig mit; die Spielbude ist wie so oft während der letzten Tage gerammelt voll, allerdings gehen auch viele Passanten eher abgeschreckt an ihrem "Gruftpop" vorbei. Wenig später sehe ich am selben Ort The Japanese House: Amber Bain aus Buchkinghamshire und ihre Band haben am Anfang leider ein paar technische Probleme, ein Keyboard-Kabel will nicht so richtig mitmachen. Das versaut leider den Start; später freuen sich die Zuschauer dann aber über den verträumten Indie-Pop. Die Band schaue ich mir lieber wann anders und mit besseren Startbedingungen an; jetzt mache ich mich auf den Weg zu Efterklang in der Elbphilharmonie.

Der krönende Abschluss

Für Leute, die noch nie von Efterklang gehört haben: Das ist eine Band aus Dänemark, eigentlich zu dritt, live holen sie sich zur Unterstützung noch ein paar Leute zusätzlich auf die Bühne. Indie-Pop, Post-Rock, Dream Pop, Experimental Pop; irgendwo dazwischen ist die Band zu Hause. Ich habe Efterklang im Jahr 2012 mit der Platte "Piramida" für mich entdeckt: ein von der Kritik gefeiertes Meisterwerk, inspiriert von der verlassenen Bergarbeiter-Siedlung Pyramiden in Spitzbergen. Diesen Freitag ist der Nachfolger "Altid Sammen" erschienen, und das stellt die Band exklusiv beim Reeperbahn Festival vor.

Manche meinen, dass Pop- oder Rock-Konzerte in der Elbphilharmonie "nicht richtig klingen". Ja, ich habe hier auch schon das eine oder andere Konzert-Erlebnis gehabt, das nicht hundertprozentig gesessen hat. Für Efterklang ist der Große Saal aber wie gemacht: Vor allem die leisen Töne und filigranen Klänge wirken hier besonders. Das ist hier natürlich eine völlig andere Atmosphäre als zum Beispiel in der Großen Freiheit 36 - dort allerdings würde das Basteln und Hantieren von Efterklang verpuffen.

Sympathisch kommt die Band rüber, was vor allem am Sprachrohr Casper Clausen liegt. Das neue Album ist komplett auf Dänisch, Clausen berichtet zwischendrin auf Deutsch und Englisch: Sie freuen sich, zurück zu sein und hier in der Elphi mit dem belgischem Ensemble B.O.X. ihr neues Album vorzustellen; auf eben dieses seien sie sehr stolz. Auch wenn ich des Dänischen nicht mächtig bin und ich nicht die geringste Ahnung habe, wovon Clausen singt: Das Warten auf das neue Album hat sich gelohnt. (Immerhin: Ich habe mittlerweile schon rausgefunden, dass der Titel auf Deutsch "Immer Zusammen" bedeutet.)

Während des Konzerts verlassen nach und nach einige Leute den Saal; das liegt nicht unbedingt an den Dänen, sondern wohl eher daran, dass sie noch etwas vom Rest-Festival sehen wollen. Die Leute, die jedoch geduldig warten, werden noch mit einem Chor belohnt, einem Mitsingteil, bei "Modern Drift" wird sogar mitgeklatscht. Nach der allerletzten Zugabe ist die Band sichtlich gerührt; es gibt High Fives mit der ersten Reihe und tiefe Verbeugungen vor dem Publikum.

Auf dem Weg zu U-Bahn bekomme ich Gespräche von anderen Konzertbesucher*innen mit. Der Konsens ist: das war ein tolles Konzert, "ein krönender Abschluss" höre ich irgendwo. Das sehe ich auch so; ich schaue auf die Uhr, sehe, dass ich von den allerletzten Konzerten heute maximal nur noch wenige Minuten mitbekommen würde und beschließe: Das war’s, ab nach Hause.

Das war's für 2019!

Europas größtes Clubfestival ist für dieses Jahr vorbei, hier noch die Resultate meines Schrittzählers: Der sagt mir, dass ich in den letzten Tagen 37,6 Kilometer oder 50.068 Schritte gegangen bin. Das ist somit der Maßstab für das nächste Jahr.

So ein Festival ist anstrengend und zerrt auch ein bisschen an den Nerven. Es war voll, viele Sachen habe ich auch nicht sehen können. Mir ist es aber trotzdem jedes Mal ein Vergnügen, bis tief in die Nacht meine Beobachtungen runterzutippen; es ist ja auch ein Privileg, so etwas machen zu dürfen - und es macht auch verdammt viel Spaß. Vier Tage, etliche Konzerte; mal gut, mal schlecht, mal mittel, ab und zu aber auch herausragend. Und das in ein paar der schönsten Clubs des Landes. Diese ganzen Eindrücke, die schönen Momente, das muss ich jetzt erstmal sacken lassen - grob überschlagen waren meine Highlights Sam Vance-Law, Celeste und, noch ganz frisch, Efterklang. Vielleicht klingt das jetzt etwas zu übermotiviert, aber ich bin schon gespannt auf das Reeperbahn Festival 2020, denn: Gerade kommt via Festival-App die Push-Nachricht, dass mit Tash Sultana der erste Act feststeht. Über die Australierin (und ihr hervorragendes Album "Flow State") schreibe ich dann gern im September 2020; jetzt höre ich aber erstmal die neue Efterklang-Platte zu Ende, bevor ich ins Bett gehe.

Ich bedanke mich fürs Lesen - bis zum nächsten Jahr!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 19.09.2018 | 00:05 Uhr

Alle Infos zum Reeperbahn Festival 2019

Hamburg ist an vier Tagen wieder Treffpunkt der internationalen Musikszene gewesen. Beim Reeperbahn Festival waren auch in diesem Jahr wieder Hunderte internationale Bands und Künstler dabei. mehr

On-The-Go aus Russland: Festival als Neustart

Beim Reeperbahn Festival treten Bands aus aller Welt auf. NDR.de hat mit der russischen Band On-The-Go gesprochen, die das Hamburger Clubfestival als Sprungbrett nutzen möchte. mehr

Der NDR beim Reeperbahn Festival

Beim Reeperbahn Festival in Hamburg gibt es vier Tage Musik. Der NDR ist als Medienpartner des Clubfestivals auch im 14. Jahr wieder dabei und präsentiert zahlreiche Konzerte. mehr

N-JOY

"Keychange": Mehr Frauen auf die Festival-Bühne!

N-JOY

Weniger Auftritte, weniger Jobs, weniger Geld: Frauen haben es im Musikbusiness noch immer schwer. Das Hamburger Reeperbahn Festival und die Initiative Keychange wollen das ändern. mehr

34 Bilder

Die ungewöhnlichsten, schönsten und kultigsten Bühnen

Kirche, Theater, Museum, Barkasse oder Bunker: Die Konzerte des Reeperbahn Festivals finden teilweise an ungewöhnlichen Locations statt. Die wohl schönsten Bühnen: Michel und Elbphilharmonie. Bildergalerie

Mehr Kultur

57:33
NDR Kultur
03:00
Nordmagazin