Beats auf dem Flugplatz beim Detect Classic Festival

Stand: 01.08.2021 14:56 Uhr

Auf einem Flugplatz bei Neubrandenburg entsteht beim Detect Classic Festival eine einzigartige Sommerfestival-Atmosphäre.

von Beatrice Böse

Wo früher Kampfflugzeuge gestartet und gelandet sind, waren an diesem Wochenende klassische und elektronische Musik zu hören. Der Flugplatz im mecklenburgischen Trollenhagen bei Neubrandenburg diente als Konzertfläche für das Detect Classic Festival im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Mehr als 40 Bands und Künstler sind aufgetreten. Wenn nicht gerade Corona herrscht, füllen sie normalerweise die Clubs oder Konzerthäuser wie die Elbphilharmonie.

Das Detect Classic Festival in Trollenhagen © NDR Foto: Mischa Kreiskott
Brahmsquintett im Rasen oder Deephouse unter Sternen: Heute funktioniert auf dem Flugplatz Trollenhagen beides!

Mit Gras bewachsene Hangars, ein großes Zirkuszelt, bunte Lichteffekte, rote Planen und weiße Fischernetze, die über lange, dünne Baumstämme gespannt sind. Junge Menschen mit Camping-Ausrüstung schlendern zwischen Müttern mit Kinderwagen. Fast erinnert es an das Fusion-Festival im südmecklenburgischen Lärz - nur mit dem Unterschied, dass auch Mittfünfziger mit Weingläsern über das Gelände flanieren und sich elektronische Beats mit Orchestermusik mischen.

Nische zieht Fans an

Das Detect Classic Festival in Trollenhagen © NDR Foto: Mischa Kreiskott
Das Orchester im Treppenhaus Hannover bringt am Freitag das Publikum zum Toben.

Mit etwas mehr als 1.000 Besuchern kommt das Detect Classic Festival zwar lange noch nicht an die 70.000 Fusion-Gäste heran. Dennoch sind die Detect-Veranstalter zufrieden mit der Resonanz. "Das Fusion-Festival stellt uns natürlich in den Schatten, aber in unserer Nische stellen wir fest, dass die Leute wiederkommen. Wir schaffen es, eine Hardcore-Fangemeinde anzuziehen", sagt Konstantin Udert, Geschäftsführer der jungen norddeutschen philharmonie (jnp). Der blonde Berliner mit der schlanken Brille und die etwa 70 Musikerinnen und Musiker des Ensembles hatten die Idee zum Festival.

"Wir hören nicht nur Klassik, viele gehen auch in Clubs und tanzen zu elektronischer Musik und das wollten wir miteinander verbinden. Hier fließen konservatives und alternatives Publikum zusammen - das ist schon eine Art gegenseitige Musikvermittlung", betont Udert. Mit den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern und ihrer Intendantin Ursula Haselböck haben sie einen namhaften Partner gefunden. Die Österreicherin genießt die lockere Umgebung auf dem Flughafengelände, blickt aber auch auf eine abenteuerliche Planung zurück: "Wir wussten erst vor sechs Wochen, dass dieses Festival überhaupt stattfinden kann, weil dann das Tanzverbot und das Alkoholverbot endlich aufgehoben wurde. Und hier gibt es kein fließendes Wasser. Das mussten wir erst in Tanks zum Flughafengelände bringen. Aber all das hat sich ausgezahlt. Die Atmosphäre ist toll, genauso sollte es sein."

Flugplatz als neue Festivalkulisse

Vor zwei Jahren haben die junge norddeutsche philharmonie und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern das Detect Classic Festival erstmals gemeinsam organisiert. Damals noch in der Neubrandenburger Konzertkirche und im industriellen Ambiente der alten Fabrikhallen des früheren Reparaturwerkes am Tollensesee. "Beim letzten Mal hat sich das Publikum in der Konzertkirche und das in den RWN-Hallen nicht wirklich gemischt, das war ein bisschen schade. Das wollten wir dieses Mal mit dem neuen Ort besser machen", erinnert sich Konstantin Udert.

Jetzt dient der Flugplatz ein paar Kilometer außerhalb der Stadt als Festival-Kulisse. Auf drei Hauptbühnen spielen die Bands, Ensembles und Künstler. "Zwar liegt alles weiträumig auseinander, aber der Wind trägt den Klang vom Zirkuszelt wunderbar zum Hangar herüber. Das ist ein akustischer Segen für uns, weil die Instrumente im Zelt nicht verstärkt sind", sagt Udert und zeigt auf die beiden Konzertorte, etwa hundert Meter voneinander entfernt.

Absolutes Festival-Feeling

Das Detect Classic Festival in Trollenhagen © NDR Foto: Mischa Kreiskott
Selten feierten individuelle Festivalkollektive und aufgeschlossenes Klassikpublikum so glücklich miteinander.

Im Hangar ist ein Mischpult auf der Bühne aufgebaut, große Lautsprecher schallen die Synthesizer- und Bassklänge der DJs heraus. Das meist junge Publikum tanzt zu den Beats. Im Zirkuszelt spielen die Mitglieder der jungen norddeutschen philharmonie Stücke von Schostakowitsch oder Tamberg. Mit dabei auch der 30-jährige preisgekrönte, ungarische Trompeter Tamás Pálfalvi. "Es ist ungewöhnlich für so ein junges Orchester, Stücke von Edgar Varèse, Philip Glass oder Eino Tamberg zu spielen", sagt Pálfalvi und fügt hinzu: "Tambergs Trompetenkonzert durfte ich mir sogar aussuchen, das habe ich vorher noch nie mit einem Orchester gespielt. Und vor allem noch nicht an so einem besonderen, coolen Ort. Es kommt sehr nah an Sommerfestivals heran."

Auch andere Musiker sind begeistert von der Location. Wie Joseph Varschen, der die Künstler aus der DJ-Szene gebucht hat. Zusammen mit seiner Partnerin Elena Gniss ist der Berliner auch selbst auf der Bühne - als Elektronica-Duo Afar. "In diesen alten Kampfflugzeug-Hangars standen die Maschinen drin und haben auf den Tag X gewartet, um die Welt zu beenden, wie wir sie kennen. Und jetzt sind wir hier und strahlen sie in bunten Farben an, bespielen alles mit Musik und entdecken die Welt neu."

Das Detect Classic Festival in Trollenhagen © NDR Foto: Mischa Kreiskott
Auf dem riesiegen Areal wirkt selbt der NDR-Ü-Wagen etwas verloren.

Wenn das Flughafengelände in Trollenhagen auch in den kommenden Jahren zur Verfügung steht, möchten die Organisatoren das Festival wieder dorthin bringen - und dann vielleicht auch mehr als die etwa 1.000 Zuschauer in diesem Jahr anlocken.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 02.08.2021 | 07:40 Uhr

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