"Agrippina"-Opernpremiere: Großer Wurf mit wunderbaren Stimmen

Stand: 29.05.2021 10:39 Uhr

In der Staatsoper hat das Publikum nach sieben Monaten Corona-Zwangspause die Premiere der Händel-Oper "Agrippina" bejubelt: ein großer Wurf mit wunderbaren Stimmen.

von Daniel Kaiser

Die Hamburger Live-Kultur ist wieder da. Was für ein Comeback! Der Hamburgischen Staatsoper ist nach langer Pause unter strengen Hygiene-Regeln ein großer Wurf mit wunderbaren Stimmen gelungen. Der Berliner Opernchef Barrie Kosky hat die Intrigen-Geschichte aus dem alten Rom mit viel Witz und ganz starken berührenden Momenten inszeniert. Er verzichtet glücklicherweise auf aktuelle politische Bezüge und lotet stattdessen die psychologische Tiefe des Stückes und seiner Figuren aus.

Anna Bonitatibus als Agrippina in der Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
AUDIO: "Agrippina" Aufführung aus der Hamburger Staatsoper vom 28. Mai (253 Min)

"Agrippina": Sagenhafte Koloraturen und fallende Stecknadeln

Franco Fagioli (am Boden) und Julia Lezhneva als Poppea in der  Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
Für magische Momente sorgte Julia Lezhneva als junge Poppea.

Anna Bonitatibus in der Titelrolle will ihren Sohn Nerone (Franco Fagioli als feiges, weinerliches Muttersöhnchen mit Tattoo auf dem Kopf) zum Kaiser machen. Kosky zeigt sie nicht nur als kalte Strippenzieherin, die über Leichen geht, sondern auch als Leidende und Zweifelnde, die Gefühle plagen - vielleicht sogar so etwas wie ein Gewissen ("Pensieri, voi mi tormentate") - bevor sie sich dann schließlich doch mit einem triumphalen Walzer für das Intrigen-Finale berauscht.

Herausragend ist Julia Lezhneva in der Rolle der jungen Poppea. Mit ihren sagenhaften Verzierungen und Koloraturen und mit ihrem Gefühl für Timing lässt sie magische Momente entstehen, für die fallende Stecknadeln erst gemacht wurden.

Barock-Oper in der Hamburgischen Staatsoper mit viel Witz

Natürlich gehören deftige Griffe an allerlei Körperteile in diese Melange aus Macht und Sex. Kosky würzt den Abend mit einer homöopathischen Dosis Klamauk. Renato Dolcini spielt die Hofschranze Pallante wirklich herrlich komisch. Und als sich Poppea mit ihren drei Liebhabern in einem kleinen Zimmer trifft, gerät das Ganze zu einer unterhaltsamen Türenklapp-Komödie wie im alten Ohnsorg-Theater. Wunderbar!

Orchestermusik mit Ensemble Resonanz als Action Painting

Christophe Dumaux als Ottone (links), Renato Dolcini als Pallante (rechts) und Vasily Khoroshev als Narciso (Mitte) in der Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
Christophe Dumaux als Ottone (links) sorgt für Gänsehautmomente.

Als Ottone (Christophe Dumaux), der einzig ehrliche dieser ganzen Bagage, ausgelacht und mit blutig geprügelter Stirn auf der Bühne kniet und sein herzergreifendes Lamento anstimmt, stechen die Streicher norman-bates-mäßig in seine verwundete Seele. Ein Gänsehautmoment!

Ricardo Minasi und dem Kammerorchester Ensemble Resonanz gelingen viele solcher dichten Augenblicke. Agrippinas Zweifel, Claudios Machtgehabe, Poppeas Liebe - das Orchester findet immer den passenden Klang. Minasi selbst greift immer wieder selbst zur Geige, um wichtige Passagen am Dirigentenpult mitzuspielen. 

Es fühlt sich wie Action Painting an, was Minasi und seine Musikerinnen und Musiker da mit kräftigen Farben und beherzten Strichen zaubern. Dieser Händel ist so frisch und frech, als wäre er nicht schon 300 Jahre alt.

Intriganten-Stadl als Bühnenbild

Anna Bonitatibus als Agrippina (links), Julia Lezhneva als Poppea (r.) und Luca Tittoto als Claudio in der Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
Die Intrige erscheint als große Kunst der Verschleierung und Täuschung.

Agrippina spielt ihr Intrigenspiel in einem großen Zauberkasten, in dem Magier sonst ihre Assistentinnen zersägen. Der große Container dreht sich und ist immer nur teilweise geöffnet und einsehbar (Bühne: Rebecca Ringst). Die Intrige erscheint als große Kunst der Verschleierung und Täuschung. Am Ende ist Agrippinas Sohn zwar Kaiser, sie selbst ist aber isoliert und eingeschlossen in ihr eigenes Intriganten-Stadl.

Das Bühnenbild ist einigermaßen wirkungsvoll, das minutenlange, arhythmische Klappern der Container-Jalousien war dann allerdings kein Ohrenschmaus. Die Kostüme von Klaus Bruns sind vor diesem dunklen Hintergrund genau richtig dosiert: Claudio post in seinem James-Bond-Smoking, Poppea schreitet in einem riesengroßen kükengelben Ballkleid wie aus "Vom Winde verweht" über die Bühne, und Nerone kommt in einem schwarzen Anzug mit kitschigen Gold-Applikationen zu seiner Krönung.

 Reibungsloser Ablauf unter Corona-Maßnahmen der vierstündigen Veranstaltung

Vier Stunden die Spannung halten für ein maskiertes Publikum - das muss man erst einmal schaffen. Barrie Kosky und dem Ensemble ist das gelungen. - und das unter immer noch erschwerten Corona-Bedingungen. Nur jeder vierte Platz durfte besetzt sein.

Die 400 Zuschauerinnen und Zuschauer mussten einen Corona-Test vorzeigen, was am Einlass reibungslos klappte, und während der gesamten immerhin vierstündigen Oper eine Maske tragen. Auch auf den Pausensekt und die Pausenbrezel musste man verzichten. Das alles nahm man in Kauf. Einen Satz hörte man aber immer wieder im Premierenpublikum: "Endlich wieder Kultur!"

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"Agrippina"-Opernpremiere: Großer Wurf mit wunderbaren Stimmen

Was für ein Comeback nach der Corona-Zwangspause: Die Staatsoper feierte mit "Agrippina" umjubelte Premiere mit wunderbaren Stimmen.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Dammtorstraße 28
20354Hamburg
Telefon:
040 / 35 68 68
E-Mail:
ticket@staatsoper-hamburg.de
Preis:
7 bis 164 Euro
Kartenverkauf:
Große Theaterstraße 25
20354 Hamburg
Öffnungszeiten: montags - sonnabends 10 - 18.30 Uhr
Hinweis:
Georg Friedrich Händel: "Agrippina", Oper in drei Akten
Libretto von Vincenzo Grimani
Agrippina: Anna Bonitatibus
Claudio: Luca Tittoto
Poppea: Julia Lezhneva
Ottone: Christophe Dumaux
Nerone: Franco Fagioli
Pallante: Renato Dolcini
Narciso: Vasily Khoroshev
Lesbo: Chao Deng
Ensemble Resonanz
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in die Nacht | 29.05.2021 | 06:40 Uhr

Anna Bonitatibus als Agrippina in der Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina" an der Staatsoper Hamburg © Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
253 Min

"Agrippina" Aufführung aus der Hamburger Staatsoper vom 28. Mai

Die ganze Oper als Sendemitschnitt: Händels "Agrippina" in der Staatsoper, mit Anna Bonitatibus in der Titelpartie. 253 Min

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