Stand: 17.04.2019 12:00 Uhr

50 Jahre BJO: Ein Ehemaliger im Porträt

von Lenore Lötsch

Es gilt als die musikalische U20-Nationalmannschaft Deutschlands und in diesen Tagen feiert es Geburtstag: das Bundesjugendorchester (BJO) wird 50 Jahre alt. Ständige Erneuerung ist das Prinzip, denn die begabtesten Musikschülerinnen- und schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren aus ganz Deutschland spielen im BJO. Das Orchester misst sich dabei immer mit den ganz Großen.

Das Fußballspiel des Bundesjugendorchesters gegen die Berliner Philharmoniker immer zu Ostern in Baden-Baden, das wird Ricardo Müller ganz sicher vermissen. Denn in diesem Jahr darf der Geiger nicht mehr dabei sein: Er ist gerade 20 Jahre alt geworden - und hat somit die Altersgrenze für Deutschlands jüngstes Spitzenorchester erreicht.

Der Berliner studiert im vierten Semester an der Rostocker Hochschule für Musik und Theater. Sein Status in Bezug auf das BJO sei "lebenslang ehemalig" - und Ricardo Müller fügt hinzu: "Aber jetzt gibt es für mich keine Proben und Konzertreisen mehr."

Gruppenfoto der Mitglieder des Bundesjugendorchesters © Selina Pfruener

Ricardo Müller war Geiger im Bundesjugendorchester

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

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Müller: "Bundesjugendorchester ist außergewöhnlich"

Der 20-jährige Geiger könnte seine drei Jahre beim BJO geografisch gliedern: die Konzertorte Dresden, Hamburg, Ottawa, Breslau würden dann vorkommen und Scheersberg, wo er in seiner ersten Probenphase beim Bundesjugendorchester sofort spürte, dass er angekommen war: "Da waren wir in Norddeutschland zum Proben. Es war im Januar und wir haben die Reformationssinfonie von Mendelssohn gespielt", erinnert er sich. Einen Monat vor Beginn seien die Noten zugeschickt worden und es sei erwartet worden, dass jeder vorher sehr viel übt. "Das hat das Bundesjugendorchester ziemlich außergewöhnlich gemacht: Dass alle das Gefühl hatten, wir tun was dafür. Das hat mich sehr glücklich gemacht."

So feiert das Bundesjugendorchester

1969 gründete der Deutsche Musikrat das Bundesjugendorchester für Nachwuchsmusikerinnen und -musiker. In diesem Jahr feiert es sein 50-jähriges Bestehen. Mehrere Konzerte stehen im Festjahr auf dem Programm: Am 18. April findet ein Konzert im Festspielhaus Baden-Baden statt. Mit dabei sind Mitglieder der Berliner Philharmoniker und Dirigent Hermann Bäumer. Am 25. April feiern sie das "Fest der Ehemaligen" auf dem Gürzenich in Köln. Drei weitere Konzerte spielt das Bundesjugendorchester zu seinem Geburtstag: am 26. April in Köln, am 27. April in Leipzig und am 29. April in Berlin.

Sich Orchesterrepertoire zu erarbeiten, Konkurrenz, die bei musikalischen Wettbewerben immer mit auf der Bühne sitzt, zu vergessen, Teil eines 100-köpfigen Sinfonieorchesters zu sein, führte bei Ricardo Müller dazu, dass er loslassen und genießen lernte - in den Proben und auch in den Konzerten. Und dass er den Entschluss fasste, als erster aus seiner Familie Musik zu studieren.

Bundesjugendorchester prägt positive Lebenseinstellung

Die Erfahrungen im BJO helfen ihm auch in Krisenzeiten. Gerade steckt er in einer: Sein rechter Unterarm ist getapet, die Bogenhand macht ihm Probleme. Momentan muss seine Geige stumm bleiben. "Leider habe ich gerade seit ein, zwei Wochen Probleme mit dem Arm. Das kommt von vielen Jahren Überlastung: vom Geige und Klavier üben." Vorher habe er nie Probleme gehabt, erzählt Ricardo Müller. Nach zwei Wochen ohne zu üben, komme da schon Panik auf: "Aber ich denke, es wird schon alles wieder gut sein."

Für den 20-Jährigen war das Bundesjugendorchester ein Türöffner, und ob er nun im Foyer der Rostocker Hochschule für Musik und Theater steht oder in irgendeiner anderen deutschen Stadt, immer kann er sich auf das Netzwerk der Aktiven und Ehemaligen verlassen.

Sir Simon Rattle dirigiert regelmäßig Bundesjugendorchester

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Ein Dirigent mit Weltrang: Seit die Berliner Philharmoniker die Patenschaft für das BJO übernommen haben, dirigiert Simon Rattle die jungen Leute regelmäßig.

Mit ihnen erinnert er sich an die Niederlagen gegen die Berliner Philharmoniker auf dem Rasen - und an die Arbeit mit Dirigenten wie Alexander Shelley oder Sir Simon Rattle. "Das ist einfach so eine Persönlichkeit, die vor einem steht. Man hat nicht Angst, aber Respekt und auf einmal fängt er an, witzig zu sein und überhaupt nicht, wie man es erwartet von so einem Dirigenten mit Weltrang", erzählt Ricardo Müller. Es sei eine Ehre gewesen, mit ihm zu arbeiten.

Vor zwei Jahren hat das Bundesjugendorchester Simon Rattle zum Ehrendirigenten ernannt. Und Rattles Dankesworte meinten auch Ricardo Müller: "Ich liebe dieses Orchester. Sie spielen wundervoll, das ist klar zu hören, aber auch mit Herz und Leidenschaft und sie sind unsere Zukunft. Vielleicht ist unsere Zukunft nicht so schlecht!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.04.2019 | 07:50 Uhr

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