Stand: 16.06.2017 16:45 Uhr

Wettbewerb der jungen Tanzwütigen

von Andrea Schwyzer

Der Japaner Yuki Mori ist künstlerischer Leiter und Chefchoreograf für Tanz am Theater Regensburg. Der Schwede Alexander Eckman erhielt letztes Jahr den Deutschen Theaterpreis "Faust" für die beste Choreographie. Und Maciej Kuzminski wurde zum Direktor des Caro Dance Theatre in Polen ernannt. Sie alle waren mit eigenen Stücken bereits in Hannover zu erleben und haben hier Preise gewonnen: beim Internationalen Choreographenwettbewerb. Am Wochenende geht die 31. Ausgabe über die Bühne - mit einer neuen künstlerischen Leiterin. Sie heißt Nanine Linning.

Szene aus dem Stück "Dominique", Choreographie: Maciej Kuźmiński (Polen) & Performance: Dominik Wiecek (Polen), das im letzten Jahr im Wettbewerb den 2. Preis erhielt.
Begeisterung für die kommende Generation

Sie wurde in ihrem Heimatland als "Diva des Tanzes" bezeichnet - dabei wirkt die Holländerin sehr natürlich und handfest. Sie ist attraktiv, auf jeden Fall. Lacht, wenn sie spricht, wirkt noch jünger als die 39 Jahre, die sie zählt. Sie assistierte William Forsythe und Dana Caspersen. Erhielt für ihre Arbeiten viele Auszeichnungen und ist nach Stationen in Rotterdam und Osnabrück seit 2012 Chef-Choreografin am Theater Heidelberg. Und nun also künstlerische Leiterin des Internationalen Choreographenwettbewerbs Hannover. Eine Künstlerin, die sich für neue Talente einsetzt: "Wir haben auch ein choreografisches Zentrum in Heidelberg wo wir Residenzen vergeben - er weiß also, dass ich brenne für die nächste Generation."

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Ed Wubbe war über ein Jahrzehnt künstlerischer Leiter des Internationalen Choreographenwettbewerbes in Hannover.

Mit "34" ist Ed Wubbe gemeint - Direktor des Scapino-Balletts Rotterdam, der 13 Jahre lang als künstlerischer Leiter dem Choreographenwettbewerb ein Gesicht gab. Nanine Linning als Nachfolgerin zu fragen, war seine Idee: "Klar, wir kennen uns auch schon lange. Ich war sechs Jahre lang Hauschoreographin beim Scapino-Ballett und habe da 12 Vorstellungen kreiert. Wir haben also auch künstlerisch viel Vertrauen zueinander und da hat er sich ausgedacht, dass ich vielleicht die richtige Person dafür wäre."

Hannovers offene und lebendige Tanzszene

Es sei nicht ganz einfach, Choreograf zu werden. Man brauche viel Unterstützung, sagt Nanine Linning über ihren Beruf. Mit seinen vielen Geld- und vor allem Produktionspreisen sei der Choreographenwettbewerb deshalb einzigartig. Die Holländerin staunt auch immer wieder über die Vielfalt und Internationalität: "Wir haben dieses Jahr zum Beispiel auch viele Einsendungen aus Südafrika und Asien. Das ist sehr spannend, womit sich diese Tänzer sich beschäftigen. Und es ist immer interessant zu sehen, wer sucht neue Formate, wer ist beschäftigt mit Innovation von dieser Kunstform und was spielt in den Herzen dieser jungen Tänzer und wer könnte in Zukunft eine wichtige Rolle spielen."

Außerdem lassen sich anhand der gezeigten Choreografien neue Tendenzen im zeitgenössischen Tanz ablesen, ergänzt sie, zum Beispiel: "Was thematisch so passiert - das ist in Asien komplett anders als in Europa. Wie man musikalisch denkt: Früher war Musik ein sehr wichtiger Punkt, dass man eigentlich sehr oft Musik vertanzt hat. Jetzt ist es eigentlich umgekehrt, man sucht Atmosphäre zu dem Tanz. Ich glaube, im Moment sind wir eher wieder ein bisschen weg von diesem konzeptionellen Tanz, wie wir ihn in den 80ern und 90ern sehr stark hatten. Also man sieht schon Tendenzen."

Einfluss nehmen auf den Tanz-Wettbewerb

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Nanine Linning gibt bei den Proben Anweisungen. Schon seit 2013 ist sie Teil der Jury des Choreographenwettbewerbs.

Nanine Linning selbst hat sich in ihren Stücken etwa an Bildmotiven von Hieronymus Bosch abgearbeitet - verstörend und gewaltig. Zu Philip Glass' Echnaton choreografierte sie eine "Tanzoper" mit Tänzern, Chor, Solisten und Orchester und über ihre Produktion "Silver" - eine tänzerische Reflexion über die Zukunft des Menschen in einer von Technologie dominierten Zukunft - schrieben die Kritiker, das Stück sei "hochvirtuos", "athletisch kraftvoll" und "erschreckend aktuell". Eine Tanzproduktion, die man so schnell nicht ad acta legen werde. Auch die Karriere von Nanine Linning erhielt übrigens in Hannover einen entscheidenden Impuls: "Der Choreographenwettbewerb bedeutet für mich persönlich auch viel, weil ich damals meinen ersten Preis bekommen habe mit einem meiner allerersten Stücke ."

Nun nimmt sie selbst Einfluss auf die Entwicklung dieses Tanz-Events. Sie hofft zum einen, das Internationale im Tanz noch mehr miteinander verschmelzen zu können "und das andere wäre vielleicht in Zukunft so ein Highlight von diesem Wettbewerb nochmal in eine kleine Tour oder so zu verpacken, damit man das noch einmal auf anderen Bühnen auch sieht, was los ist und was so speziell in Hannover ist."

Ein Sprungbrett für junge Tanzschaffende

Alles hat ganz klein angefangen: Einige tanzbegeisterte Hannoveraner haben sich vor über 30 Jahren zusammengetan. Ihr Ziel: Den Tanz in ihrer Stadt stärken. Also gründeten sie einen gemeinnützigen Verein, die Ballettgesellschaft Hannover. Fleißig sammelten die Mitglieder Geld, luden Tänzer und Choreografen in ihre privaten Wohnungen und veranstalteten den ersten Wettbewerb. Der Wettbewerb in Hannover gilt heute weltweit als Sprungbrett für junge Tanzschaffende. Jährlich bewerben sich rund 150 Choreographen aus rund 50 Ländern.

Wettbewerb der jungen Tanzwütigen

Zum 31. Mal findet in Hannover der Internationale Choreographenwettbewerb statt. Selten kann man einen so breiten und zugleich zeitgenössischen Blick auf die aktuelle Tanzszene erhaschen.

Datum:
Ort:
Theater am Aegi Hannover
Aegidientorplatz 2
30159  Hannover
Telefon:
(0511) 121 233 33
Preis:
Vorrunde 21,90, finale 31,70 Euro (über die Webseite des Veranstalters www.theater-am-aegi.de
Hinweis:
Die beiden Vorrunden finden am Samstagabend und Sonntagnachmittag im Theater am Aegi statt - das Finale dann am Sonntag ab 18.30 Uhr.
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Dieses Thema im Programm:

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