Stand: 17.08.2020 13:57 Uhr

Musik aus Hamburg für Hollywood: Filmkomponisten aus Altona

von Anina Pommerenke

Knapp vierzehneinhalb Stunden dauert ein Flug von Hamburg nach Los Angeles. Die Strecke dürften zwei Filmmusikproduzenten aus dem Norden ganz genau kennen - die Jungs von 2WEI haben nämlich in den beiden Städten ihre Firmenstandorte. Sie produzieren Musik für jede Lebenslage könnte man sagen: Computerspiele, Werbung und Filme. Vor zwei Jahren haben sie sogar einen Goldenen Löwen in Cannes bekommen - bei einem Festival speziell für die Werbebranche. Besonders erfolgreich sind 2WEI aber mittlerweile mit Musik für Filmtrailer. Damit haben sie sich eine riesige weltweite Fangemeinde aufgebaut.

Die Komponistengruppe "2WEI" aus Hamburg, gegründet von Simon Heeger (links) und Christian Vorländer © NDR Foto: Anina Pommerenke
2015 gründeten Simon Heeger und Christian Vorländer "2WEI". Mittlerweile haben sie Fans auf der ganzen Welt.

Alt und verstimmt ist die Holz-Orgel, die bei Christian Vorländer im Studio steht. Sie hat sogar noch zwei integrierte Kerzenhalter und damit überhaupt ein Ton heraus kommt, muss man mit den Füßen, wie in einem Tretboot, zwei Pedale bedienen. Vorländer sagt, sie stamme noch von seiner Oma und sein Vater habe schon als Kind darauf gespielt. Obwohl sie sehr alt und halb kaputt sei, sitze er dennoch manchmal an dem Instrument, um etwas einzuspielen oder sich für eine Filmmusik inspirieren zu lassen.


Die produzieren er, sein Geschäftspartner Simon Heeger und sechs weitere Mitarbeiter in einem zweistöckigen Büro, samt Dachterrasse und einem eigenem Strand im Hamburger Stadtteil Altona. Jedes Teammitglied hat sein eigenes Studio, in denen Instrumente und natürlich viel Technik stehen. Die Spezialität des Hauses: Trailermusik! Das Besondere: die muss meistens fertig sein, lange bevor der Film in die Kinos kommt.

Zweigniederlassung: Venice Beach, Los Angeles

Die Komponistengruppe "2WEI" aus Hamburg, gegründet von Simon Heeger und Christian Vorländer © NDR Foto: Anina Pommerenke
Vorländers Großmutter ist die Vorbesitzerin der Orgel. Sie achtet nun beim Fernsehen immer ganz besonders auf die Musik.

"Leute wissen oft nicht, dass die Musik im Trailer gar nicht die Musik ist, die dann am Ende im Spielfilm ist. Manchmal werden Elemente übernommen, wie zum Beispiel beim neuen Star Wars Film, wo natürlich die berühmte Melodie kommt. Aber meistens ist es nicht die Musik, die von dem ursprünglichen Komponisten komponiert wird", so Heeger.


Ein großer Teil der Trailer-Musikbranche sitzt direkt an der Quelle: in Los Angeles. Viele Aufträge in der Branche werden über persönliche Kontakte vergeben, weshalb die beiden auch regelmäßig in ihrem Studio vor Ort arbeiten. Manchmal landet von ihnen komponierte Musik auch ohne ihr Wissen in einem Trailer: "Da gab es unser erstes Album, 'Escape Volocity', noch gar nicht. Aber wir hatten schon die ersten Tracks an unser Label geschickt. Ein Track hieß 'Catapult' und da hieß es, dass er eventuell ein Kandidat für einen Superheldenfilm sei. Christian und ich saßen im Kino und wollten einen ganz anderen Film sehen. Und dann lief der Trailer von 'Wonder Woman'. Da war unsere Musik drin - und wir sind natürlich durchgedreht vor Freude!"

Einer von "2WEI" hat bei Hans Zimmer gelernt

Die Musik des Hamburger Produzentenduos hört man zum Beispiel auch in den Trailern zu "Tolkien" oder "Tomb Raider". Musik für Filmtrailer hat ganz eigene Ansprüche. Man habe nur zwei bis drei Minuten Zeit, müsse jede Menge erzählen, dürfe aber nichts preisgeben. "Die Leute sollen schließlich auch wirklich noch den Film sehen wollen", sagt Vorländer. "Das heißt, es wird nichts aufgelöst, sondern ganz viel Spannung erzeugt. Man baut in kurzer Zeit eine musikalische Welt, die aber nie ein Happy Ending hat."

Die Komponistengruppe "2WEI" aus Hamburg, gegründet von Simon Heeger und Christian Vorländer © NDR Foto: Anina Pommerenke
Los Angeles stets im Blick: Heeger und Vorländer bei der Arbeit im Hamburger Tonstudio.

Gelernt hat Vorländer bei einem der besten der Branche: Er hat mehrere Jahre in Los Angeles für den Filmmusikproduzenten und Oscar-Preisträger Hans Zimmer gearbeitet. Der Arbeitsdruck sei dort so enorm, dass alle Beteiligten eigentlich den ganzen Tag und die ganze Nacht im Studio seien. Man arbeite dort wie in einem Tunnel. Es mache aber unheimlich viel Spaß, wenn so ein Monsterprojekt endlich fertig sei und man es im Kino sehe. Dies sei eine riesige Belohnung.

Mit Produktionsmusik zu Internet-Stars

Mittlerweile haben die beiden eine riesige Fangemeinde: Im Internet finden sich hunderte Videos von Leuten, die zu ihrer Musik tanzen. Eine Sequenz hat es sogar schon in einen Werbespot beim Superbowl geschafft. Bei dem Streamingdienst Spotify hat eine Playlist der beiden bis zu zwei Millionen Abrufe im Monat. Nun bekommen sie sogar Anfragen, ob sie mit ihren Produktionen auf Tour gehen wollen.

"Wir haben jetzt eine Anfrage gekriegt, dass wir nächstes Jahr in der Karibik auftreten sollen", erzählt Simon Heeger. "Also: mal sehen (lacht). Wir haben noch gar keine Ahnung, wie wir das auf die Bühne kriegen sollen, weil wir eigentlich keine Livemusiker sind. Aber das lassen wir einfach mal auf uns zukommen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.08.2020 | 06:40 Uhr

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