Organisator Karsten Schölermann vom Hamburger Halbmarathon. © NDR Foto: Anna Rüter

Knust-Chef Schölermann: "Das Publikum verliert das Vertrauen!"

Stand: 06.01.2022 13:36 Uhr

Knust-Chef Karsten Schölermann erzählt von der Stimmung in den Hamburger Musikclubs durch die 2G-Plus-Regeln, lobt den Kultursenator Carsten Brosda (SPD) und erzählt, warum sich die Wiedereröffnung des Logo erneut verschiebt.

Karsten Schölermann, der Inhaber des Musikklubs Knust auf St. Pauli
Beitrag anhören 13 Min

Die Hamburger Musikclubs hat Corona besonders hart getroffen. Davon kann Karsten Schölermann vom Kultclub Knust ein Lied singen. Er ist eine der Stimmen der Hamburger Musikclubszene. Dort ist mit den schärferen 2G-Plus-Regeln von Entspannung erst mal keine in Sicht.

Wie geht es den Clubs in Hamburg?

Karsten Schölermann: 2G-Plus machen wir sowieso schon. Man denkt immer: "Da wird uns noch irgendetwas überraschen." Wir sind jetzt zwei Jahre am Stück im Dauerelastizitätsmodus, das heißt, wir passen uns im 14 Tage-Rhythmus an die jeweils nächste Verordnung an. Mittlerweile sind wir so gut darin, dass wir 2G-Plus schon vor sechs Wochen eingeführt haben - und zwar freiwillig, weil wir genau gesehen haben, wo es hingeht.

Da unsere Vorlaufzeiten fürs Booking so lang sind, hätten wir eine Woche vorher nicht mehr reagieren können. Wir machen lieber gleich eine etwas härtere Maßnahme, damit die Künstler, mit denen wir verhandeln, dann auch kommen. Das ist das zweite elastische Merkmal. Wir haben schon im letzten Jahr für uns festgestellt: Konzerte können immer stattfinden - schlimmstenfalls ohne Publikum. Es ist unsere Botschaft, dass wir das machen, was wir im Moment als unseren Auftrag empfinden. Wir passen uns jedes Mal an. Im Moment können wir mit Studiogästen streamen. Das ist ein bisschen wie eine Fernsehproduktion - deshalb hat uns die aktuelle Änderung nicht so stark berührt.

Konzerte ohne Publikum? Es fehlt der Schweiß. Es fehlt der Applaus. Es fehlt das Geräusch, das Ruckeln von den Bierkästen im Hintergrund. Wie ist denn die Stimmung?

Schölermann: Wir müssen den härtesten Endgegner - wie jeder andere in der Gesellschaft - gerade dahingehend bekämpfen, dass wir unsere Frustration nicht durchlassen und dass wir den Vertrauensverlust ausgleichen, der in jeder Richtung stattfindet. Die Künstler verlieren das Vertrauen in die nächste Maßnahme, weil sie sich so kurzfristig ändern. Das Publikum verliert das Vertrauen ins Kartenkaufen. Also müssen wir uns permanent anpassen. Ich bin ein zutiefst positiv denkender Mensch. Wir nehmen das, was da ist, und machen das, wofür wir hier sind: Kultur.

Man muss an der Stelle auch einfach mal eine Riesenlob an unseren Kultursenator Carsten Brosda losschicken. Wir haben vor zwei Jahren unmittelbar den sogenannten Schutzschirm der Kulturbehörde bekommen und seitdem viele Hilfsprogramme. Wir kommen irgendwie durch, wir müssen nur elastisch bleiben. Der Frust darf sich nicht durchsetzen. Wir müssen Kultur machen.

Gerade das Knust hat immer wieder ganz kreativ versucht, alles möglich zu machen. Jetzt zum Jahreswechsel zum Beispiel: Bernd Begemann ist normalerweise bis unters Dach ausverkauft. Jetzt habt ihr ein Hybridkonzert mit 100 möglichen Gästen vor Ort möglich gemacht. Wird das angenommen?

Betreiber Karsten Schölermann vor dem Musikclub Knust in Hamburg. © NDR Foto: Heiko Block
Karsten Schölermann vom Hamburger Musikclub Knust sieht ein großes Problem Im Vertrauensverlust auf Seiten der Künstlerinnen und Künstler, aber auch des Publikums.

Schölermann: Das ist genau das, was ich über den Vertrauensverlust sagte. Die Menschen, die Bernd Begemann gern gesehen hätten, haben mit zwei Gegnern zu kämpfen: Das eine ist, dass sie Angst haben, sich zu infizieren. Im Moment geht es um Impfdurchbrüche. Unser mühevolles Gesamtsicherheitskonzept ist aufwendig: Ich muss vorher einen Schnelltest machen, meinen Impfnachweis dabei haben, die Personalisierung vorweisen. Wir sind auf einem so hohem Level der Nachverfolgung, dass wir, wenn hier etwas passieren würde, selber innerhalb von nicht einmal zwei Stunden jeden einzelnen Gast erreichen würden. Da warten wir nicht einmal mehr auf das Gesundheitsamt, weil die gar nicht mehr hinterher kommen. Wir haben Kontaktnachverfolgung, Mindestabstand und lassen 60 Leute rein.

Es gelingt uns im Moment eher nicht, diese bis zu 100 Tickets, die wir uns trauen, in das Knust sitzend hineinzulassen, mit 2G-plus-plus, also mit Masken obendrauf, tatsächlich zu verkaufen. Der Vertrauensverlust ist das größte Merkmal. Ich bin aber guter Dinge, dass wir die nächsten drei Monate irgendwie durchkommen, um dann, sobald es wieder geht, draußen vor unserer Haustür auf dem wunderbaren Lattenplatz wieder mit Mindestabstand und Freiluftplätzen mit sehr geringem Infektionsrisiko die Kultur am Leben zu erhalten.

Der dritte Gegner wäre der Schweinehund, der auch nach der Pandemie sagt: Naja, geht ja auch ohne live. Netflix ist auch ganz schön.

Schölermann: Wir machen unsere Streamingkonzerte als Knust TV und üben gerade, wie wir diese Kanäle bespielen können. Dass das ein Trend ist, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen. Ich glaube persönlich daran, dass man neue Kategorien erfinden muss, wenn Netflix der Endgegner ist. Ich baue mir gerade eine Küche zurecht mit schicken Sitzplätzen. Ich kann zwischen 19 Uhr, wenn der Soundcheck vorbei ist, und 20 Uhr dort auch ein veganes Menü servieren und die Karten mal für 79,90 Euro verkaufen und mal gucken, was passiert. Ich kann genauso gut meinen Stream über Kopfhörer nach draußen schicken. Ich habe eine neue Kartenkategorie: "Du traust dich nicht reinzukommen? Dann nimm bitte einen Kopfhörer für zehn Euro und guck dir das Konzert auf meinem Bildschirm draußen an. Oder ich schicke dir ein Lieferando-Menü, einen veganen Burger nach Hause ins Wohnzimmer. Mach doch eine Party im Wohnzimmer. Du bekommst von mir noch ein Sixpack Jever dazu und kaufst dir trotzdem meine Streaming-Karte."

Ich glaube, dass diese hybriden Formate die Zukunft sein werden. Man sieht das bei Opernpremieren. Sie haben schon vor vier, fünf Jahren auf Streaming-Plattformen ausverkaufte Opernpremieren weltweit ausgeliefert. Das wird im Kleinen genauso funktionieren. Wir werden uns von Netflix gar nicht so abhängen lassen müssen. Was wir können, können die nicht, und umgekehrt. Wir müssen Netflix nicht kopieren. Wir machen es besser.

Im ersten Lockdown gab es noch eine richtige Streaming-Euphorie. Jeder, der auch nur ein Instrument halten konnte, schaltete sich live ins Internet. Das hat schon abgenommen, oder?

Schölermann: Das hat sehr abgenommen, natürlich. Weil auch da diese Ermüdung eine Rolle spielt. Frust, Ermüdung und Vertrauensverlust: Das sind die drei Pandemiegegner - oder Elastizitätsgegner. Man muss aber fairerweise sagen, dass diese Elastizität natürlich nicht in allen 50 Hamburger Clubs denkbar ist. Da haben wir mindestens 80 Prozent, die sehr betrübt und belastet durch diese Situation dastehen, weil sie ihr Normalprogramm, was sie über Jahrzehnte aufgebaut haben, verloren haben. Die haben nicht so viel Beweglichkeit, dass sie sich so schnell umstellen können. Deshalb ist im Moment die Hilfe, die wir vom Hamburger Senat bekommen, so unfassbar wichtig. Die ermöglicht mir zu experimentieren und denen, die nicht experimentiertkräftig genug sind, zumindest zu überleben.

Einige Klubs sind politisch-emotional auf der Strecke geblieben. Es gab da Ausreißer wie die Große Freiheit 36 und das Docks. Das ist ja eine Club-Familie und dann kommen plötzlich Schwippschwager, die seltsam sind. Was macht das mit dem Zusammenhalt in der Clubszene?

Schölermann: Das war ein schwerer Meteoriteneinschlag. Tatsächlich relativiert es sich aber über die Zeit. Zeit heilt bekanntermaßen auch solche Wunden. Die Spielstätten Docks und Freiheit zu verlieren, ist ein harter Schlag für Hamburg. Ich habe in der U-Bahn gerade ein Plakat von einer Agentur hängen sehen, die das Docks für März angekündigt hatte. Das hat mich ein bisschen nachdenklich werden lassen, ob das doch alles nicht so gemeint war. Im Moment ist es wahnsinnig wichtig, festzustellen, dass das - abweichend von der vernünftigen Betrachtungsweise - vielleicht eine menschliche Schwäche ist. Die Unvernunft kann sich in ganz unterschiedlicher Art und Weise ausprägen. Ich wünsche mir ein bisschen Fehlertoleranz in kultureller Hinsicht. Aber es ist wahnsinnig schwer, das solidarisch zu erklären. Von daher hat das die Club-Familie hart getroffen.

Jens Spahn hatte am Anfang gesagt, "wir werden einander viel verzeihen müssen". Vielleicht ist das auch diese Kategorie. Eigentlich sollte das Logo wieder öffnen. Wie geht es da weiter?

Schölermann: Das Logo ist ein wahnsinniges Herzensthema für mich. Wir haben zusammen eine neue Betriebs GmbH gegründet und hätten eigentlich gern am Donnerstag ausverkauft eröffnet. Das wäre mit der neuen Verordnung nicht gegangen. Wir haben 300 Karten verkauft, die wir auf 100 irgendwie hätten runterbrechen müssen, um bestuhlt zu arbeiten. Im Kopf ist es fertig, dass wir eine Bestuhlung im Logo hinbekommen und dass wir probieren, mit 2G-plus-plus ab Februar Shows durchzusetzen. Da gibt es das große Problem, dass das gebuchte Programm, das weit ins Jahr hineingeht, aus vielen internationalen Produktionen besteht. Die fallen erst einmal alle weg.

Wir haben damit einen klassischen Fehlstart hingelegt. Wir werden im Februar mit 2G-plus-plus und 100 Plätzen vielleicht zehn Shows schaffen, sofern durch Corona nicht noch eine 1.000er-Inzidenz kommt, die uns wieder einen kompletten Lockdown serviert. Aber auch da hoffe ich, dass und der Hamburger Schutzschirm gewehrt wird und wir zumindest kaufmännisch auf eine solide Basis kommen. Und dass wir mit dem Logo lernen: Wie sehen Konzerte in einem CBGB's von Hamburg aus? Das CBGB's ist der Grund, aus dem ich das tue. Es gibt den legendärsten Punk-Club in New York lange nicht mehr - und alle reden davon. Es gibt das legendäre Onkel König nicht mehr - und alle reden davon. Das Logo gibt es noch und das ist in derselben Kategorie. Deshalb muss das bleiben. Das ist dann wahrscheinlich auch keine Frage der nächsten ein oder zwei Jahre, sondern da geht um 10.000 Jahre. Diese Pandemie werden wir, glaube ich, als Fehlstart verkraften und mit Hilfe von Herrn Brosda und den anderen Hilfsprogramm hoffentlich so rüberkommen, dass wir irgendwann wissen, wie es geht.

Donnerstag wird es keine Eröffnung geben, aber im Februar gibt es erste Konzerte. Wann geht es denn genau los?

Schölermann: Es ist ein bisschen davon abhängig, dass wir unser Hygienekonzept angepasst und mit den Bands abgestimmt bekommen, die gebucht werden. Wir sind hoffentlich am letzten Wochenende im Januar so weit, dass wir die Shows Ende Januar, Anfang Februar retten können. Wir haben ein paar regionale Produktionen ins Auge gefasst. Im Moment ist das letzte Januarwochenende die früheste Möglichkeit und der 1. April die späteste Dimension. Dazwischen wir irgendwo die Wahrheit sein.

Der Name Brosda fiel jetzt mehrfach im positiven Sinne als der Säulenheilige der Hamburger Clubszene. Den Negativpreis des Hamburger Club-Preises "Club Award" gab es für die Politik und den Sonderpositivpreis, sozusagen die goldene E-Gitarre, für Brosda. Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch. Wie kann das sein?

Schölermann: Carsten Brosda ist einer, der mit Leidenschaft sein Amt bekleidet. Ich nehme ihm ab - das soll schon was heißen -, dass er das Angebot, Kulturstaatsminister in Berlin zu werden, als weniger attraktiv empfand, als in Hamburg Kultursenator zu bleiben, weil er hier mehr gestalten könne. Er hat dafür gesorgt, dass zwischen Hochkultur, Staatskultur, Clubkultur und Museen die Eifersucht fast nicht mehr vorhanden ist.

Wir hatten anfangs wöchentliche Briefing-Gespräch in Zoom-Calls, in denen er uns erklärt hat, was für Probleme er im Senat hatte, für uns Kulturtreibende zu kämpfen und wo es nicht möglich war, zu experimentieren, weil im Senat konservativere Meinungen vorherrschen. Das empfand ich als einen neuen Politikstil. Wir haben nicht nur Hamburgs monetäre Unterstützung erfahren, sondern auch Anerkennung. Das war mir in den vergangenen zwei Jahren fast wertvoller.

Es war vor der Pandemie nicht so, dass ich als Knust auf Augenhöhe mit der Staatsoper wahrgenommen werden würde. Heute kann ich im Internet bei einer Entweder-Oder-Frage sehen: "Knust oder Elbphilharmonie?" Dass so eine Frage möglich ist! Hätte mir das einer vor drei Jahren gesagt, hätte ich den ausgelacht. Ich habe bei mir an der Wand ein Ding hängen, auf dem ich die abbrennende Elbphilharmonie als Stich genagelt habe, weil ich da so böse darüber war, dass Kultur wieder nur für die oberen 10.000 gemacht wird. Jetzt sind wir auf einem Level, auf dem wir als Kultur wahrgenommen werden. Das ist mir wahnsinnig wichtig. Dann kann ich es der Elbphilharmonie verzeihen, dass sie so viele Millionen kriegt.

Das Gespräch führte NDR Redakteur Daniel Kaiser.

Weitere Informationen
Eine Frau mit rotem Kleid hält die Hände ans Gesicht und schreit in ein Mikrofon. © picture alliance/xim.gs/Philipp Szyza Foto: Philipp Szyza

Wie geht es der Kultur in der Corona-Krise? Eine Langzeitbeobachtung

Seit Beginn der Corona-Krise begleiten wir Kulturschaffende wie Sängerin Sarajane. Wie geht es ihr nach dem Open-Air-Sommer? mehr

Fans bei einem Open-air-Konzert beim Wacken Festival 2018 (Archivbild) © Foto: Daniel Reinhardt/dpa +++ dpa-Bildfunk ++ Foto: Daniel Reinhardt

Konzertveranstalter plädieren für bundesweite 2G-Regelung

Konzertveranstalter und der Intendant des SHMF Kuhnt plädieren für eine bundesweite 2G-Regelung ab Sonnabend wie in Hamburg. mehr

Menschen tanzen in einem Club. © picture alliance/dpa Foto: Felix Kästle

2G-/3G-Debatte - Öffnungsperspektiven für Musikclubs

Das Clubkombinat Hamburg ergänzt seine Position mit einem Standpunkte-Papier und bündelt offene Fragen aus dem Kreis des Interessenverbands. extern

Zwei Männer halten Panini Bilder von Hamburger:innen in den Händen. © picture alliance/dpa Foto: Christian Charisius

So hilft ein Promi-Sammelalbum Kultur und Clubs in Hamburg

Mehr als 200 Hamburger Berühmtheiten als Klebebildchen: Ein neues Panini-Sammelalbum unterstützt einen guten Zweck. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.01.2022 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

Ein buntes Mosaik mit Bildern der Interviewpartner der Doku "Wie Gott uns Schuf", in der Mitte ein bilden diese ein Kreuz. © Eyeopening Media/rbb/SWR/NDR

"Wie Gott uns schuf": Katholische Gläubige wagen Coming-out

100 nicht-heterosexuelle Menschen sprechen in einer ARD-Dokumentation - heute Abend im Ersten - über den Kampf um ihre Kirche. mehr