Albert Aereboe, Lübecker Hafen, 1927 © Privatbesitz Lübeck Foto: Sönke Ehlert

"Zauber der Wirklichkeit": Ausstellung in der Kieler Kunsthalle

Stand: 18.03.2021 17:39 Uhr

Der Maler Albert Aereboe ist vielleicht einer der großen Unbekannten in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. In der Kunsthalle zu Kiel beginnt am Sonnabend eine monografische Schau des gebürtigen Lübeckers.

Albert Aereboe, Julies blauer Malerkittel, 1927 © Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Dauerleihgabe des Kulturrings der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft e.V.
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von Frank Hajasch

Albert Aereboe (gesprochen: Ärebö) ist ein Künstler, den nicht jeder auf dem Zettel hat, sagt die Chefin der Kunsthalle zu Kiel, Anette Hüsch. Dabei gab es in ihrem Haus 1928 eine erste Ausstellung mit seinen Werken. 1983, nach Abschluss einer vielbeachteten Promotion, eine zweite. Woran also könnte es liegen, dass dieser Maler außerhalb der üblichen Zirkel so wenig bekannt ist?

"Das ist eine interessante Frage, die wir uns natürlich auch gestellt haben", erzählt Hüsch. "Aereboe ist in Lübeck geboren und gestorben, lebte von 1889 bis 1970 - und ist von Lübeck aber nach Berlin, Kassel, München und auf die Insel Sylt gegangen. Im Laufe der Recherchen ist schnell klar geworden, dass er sich sehr wenig mit Künstler*innen der eigenen Zeit ausgetauscht hat, auch keine großen Kontakte gepflegt hat zu Künstler*innen-Gruppen."

Aereboes Bilder: Verschiedene Stilrichtungen

Und das erstaunt, wenn man den Blick über die mit erdigen Farben dezent gestrichenen Kabinettwände streifen lässt: Da ist ein getupftes Bild, ein mittelgroßes Format, fein abgestuft in verschiedenen Blautönen und Grün - wie bei den Impressionisten. Daneben hängen Porträts, die auf Symbolismus und Jugendstil verweisen. Motive wie bei George Grosz und der Neuen Sachlichkeit lassen sich finden. Und es gibt dieses Ölbild, das einen mit seinen Konturen und der starken Farbigkeit an Expressionismus, an Heckel, Kirchner und die Brücke denken lässt.

Dazu erzählt Kuratorin Regina Göckede: "Wir gucken uns um und haben zeitgleiche Exponate, die einen ganz anderen Weg aufweisen. Es ist so, als hätte er alles aufgesogen und verarbeitet und sich versucht, erstmal zu positionieren in der Kunstgeschichte und der aktuellen Kunst der Jahre um dem Ersten Weltkrieg."

Ein Maler, der versucht und ausprobiert

Der Gang durch die Ausstellung fühlt sich jedenfalls an wie ein Wandeln durch die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Man erlebt keinen Künstler, der kopiert, sondern einen Maler, der sich versucht und ausprobiert. Und der dabei immer wieder sein Können beweist.

Fotografie Albert Aereboe, 1962 © Privatbesitz Lübeck Foto: Sönke Ehlert
Albert Aereboe auf einem Foto von 1962. Der Maler kommt 1889 in Lübeck zur Welt und stirbt dort im Jahr 1970.

So kommt es dann auch, dass unter den mehr als 60 gezeigten Werken - übrigens in allen Formaten - auch Bilder sind, die an japanische Holzschnitte erinnern. Und es gibt Porträts, vor allem die seiner Eltern: fein komponiert, genauestens gemalt, hanseatisch-korrekt mit Halskrause. Sie zeigen einen Maler, der alles gut durcharbeitet - und das im Stil der alten Meister.

"Aereboes Vater war Pastor am Dom zu Lübeck", erzählt Kuratorin Göckede. "Dort ist er in Kontakt gekommen mit ganz vielen alten Kunstschätzen, die ihn eigenen Aussagen zufolge sehr beeinflusst haben."

"Der Einsiedler": Albert Aereboes bekanntestes Werk

Die große Zäsur im Leben Albert Aereboes bringt das Jahr 1925. Der Maler und seine Frau Julie Katz ziehen nach Sylt, wo sie sich ein Wohn- und Atelierhaus bauen. Hier entsteht auch das bekannteste Werk: "Der Einsiedler" von 1927. Im März des Jahres verstirbt seine Frau. Den Verlust, die Sehnsucht, das Nachdenken über Vergänglichkeit: All das lässt sich hier herauslesen.

"Es gibt viele Details, die an Naturdarstellungen von Albrecht Dürer erinnern. Aber gleichzeitig ist der Dargestellte, der Einsiedler, eine Figur, die eine ganz starke Referenz an die 'Melencolia I' von Dürer hat oder auch auf dessen Hieronymus-Darstellungen."

Zitate aus der Kunstgeschichte: Gegenüberstellung mit Originalen

Mit seinen etwa zwei Metern Durchmesser wirkt das Rundbild im Goldrahmen, auch wegen der maritimen Motive, wie ein riesiges Bullauge. Wichtiger aber sind die vielen Zitate aus der Kunstgeschichte. Sie lassen das Bild fast schon postmodern wirken. Und sie werden mit Originalen belegt, mit Blättern von Dürer und Malereien zum besagten Heiligen Hieronymus im Gehäuse, alles aus dem 15. Jahrhundert. Die Bilder sollen helfen, den "Einsiedler" zu verstehen, lädt Regina Göckede die Besucher ein - die sich nach der langen kulturellen Durststrecke auf eine wirklich große Ausstellung freuen dürfen.

Kunsthalle zu Kiel erhält 30 Millionen Euro für Sanierung

Gerade kann sich die Kunsthalle zu Kiel übrigens über finanzielle Unterstützung freuen: Die Einrichtung erhält 30 Millionen Euro vom Land Schleswig-Holstein für die Sanierung des Hauses bis 2025. Dazu Kunsthallen-Direktorin Hüsch: "Wir freuen uns, dass wir das Land von der Notwendigkeit der Maßnahmen überzeugen konnten und nehmen diese Mittelbewilligung als starkes Signal für unser Haus."

Weitere Informationen
Kieler Kunsthalle von außen © NDR Foto: Andreas Kluge

Kulturpartner: Kunsthalle zu Kiel

Die Kunsthalle zu Kiel ist Kulturpartner von NDR Kultur. Aktuelle Ausstellungen und Aktionen finden Sie hier. extern

"Zauber der Wirklichkeit": Ausstellung in der Kieler Kunsthalle

Der Maler Albert Aereboe ist vielleicht einer der großen Unbekannten in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle zu Kiel
Düsternbrooker Weg 1
24105Kiel
Telefon:
0431 88057-56
E-Mail:
info@kunsthalle-kiel.de
Preis:
Eintritt € 7,- / ermäßigt € 4,-
Öffnungszeiten:
Di–So: 10-18 Uhr
Mi: 10-20 Uhr
Mo: geschlossen
Besonderheit:
Sonderöffnungszeiten: Karfreitag (2.4.): geschlossen, Ostern (4.5. und 5.4.): 10-18 Uhr, Tag der Arbeit (1.5.): geschlossen, Christi Himmelfahrt (13.5.): 10-18 Uhr, Pfingsten (23.5 und 24.5.): 10-18 Uhr.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.03.2021 | 17:20 Uhr