Stand: 22.06.2020 17:50 Uhr  - NDR Kultur

Neumünster: Textilkunst von Jiří Tichý

von Frank Hajasch

Er zählt zu den Gründern der Neuen Textilkunst, die seit den 1960er-Jahren durch eigenes Weben ein jahrtausendealtes, traditionelles Kunsthandwerk ablöste. Wenn Jiří Tichý am Hochwebstuhl saß, entstanden bildgewaltige Tapisserien. Der gebürtige Tscheche war aber auch ein Meister der Malerei und Grafik. Jetzt zeigen in einer Gemeinschaftsausstellung das Museum Tuch+Technik und die Gerisch Stiftung in Neumünster einen Überblick zu Tichýs Werk.

"Fenster" nennt sich eines von Jiří Tichýs farbintensiven Werken - ein gut zwei Meter hohes, längliches Objekt aus Wolle und Hanfseilen. Die Tapisserie kommt nicht wie sonst mit großer Fläche und rechten Winkeln. Stattdessen hat das Web-Bild eine reliefhafte, plastische Oberfläche, zeigt Lücken und Löcher, was Tiefe erzeugt und den Blick in imaginäre Landschaften erlaubt. "Das ist ganz andere Kunst, als wir bisher hatten", sagt Astrid Frevert, die Museumsdirektorin von Tuch+Technik. "Textilkunst fristet immer ein bisschen ein Schattendasein im Kanon der Bildenden Künste. Und was ich eben auch sehr schön finde ist, dass er auch Materialien einarbeitet, zum Beispiel Teile von einem Musikinstrument, von einem Cello."

Im Unterschied zu anderen hat Tichý seine Objekte gewebt, aber auch entworfen. Schwarzweiß-Fotos bei Tuch+Technik zeigen ihn am eigens konstruierten Hochwebstuhl. Die Fläche vor ihm, aus engmaschigen Fäden, gleicht der Leinwand eines Malers. Da habe er sich reingearbeitet, sagt Astrid Frevert, die sich über das Zustandekommen der Ausstellung richtig freut, "weil das auch so eine zeithistorische Komponente hat. Die Ausstellung erzählt im Grunde auch die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem westdeutschen Kunsthistoriker und Kurator und einem in der damaligen Tschechoslowakei lebenden Künstler, im ehemaligen Ostblock. Und das finde ich persönlich einen schönen Nebenaspekt und sehr anrührend."

Hinter dem Eisernen Vorhang entsteht Neue Textilkunst

Damit ist die Brücke gebaut zum Kurator der Tichý-Ausstellung: Christoph Brockhaus war langjähriger Leiter im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg. Mit ihm geht es zunächst durch die hübsche Jugendstilvilla bei Gerisch: "In Lübeck habe ich 1969 die erste Ausstellung von ihm gesehen und habe ihn 1970 besucht. So entwickelte sich eine lange, intensive Freundschaft. Ziel war für mich, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und mit Künstlern in Mittelosteuropa Kontakt aufzunehmen, sie kennenzulernen und vielleicht auch zusammenzuarbeiten."

Denn auch das spielt hier eine Rolle: Der Tscheche Jirí Tichý, geboren 1924, blieb zeitlebens in der Heimat wohnen, was ihm Zwangsarbeit unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg und in den stalinistischen 50er-Jahren einbrachte. Die Schau in der Gerisch Stiftung hat Christoph Brockhaus thematisch sortiert: Es gibt einen Exkurs in Tichýs frühe, fast expressionistische Malerei. Collagen werden gezeigt, ein umfangreiches grafisches Werk mit Siebdrucken und Monotypien. Und es gibt einen Raum mit Emaille-Bildern.

Ein umfangreiches grafisches Werk und viele Tapisserien

"Eines der Hauptwerke war ein Fassadenrelief - sehr abstrakt, sehr großformatig, eine Komposition aus Stahlelementen und Emaille", sagt Brockhaus. "Und nach dem Scheitern des Prager Frühlings 1969 kamen Parteileute vorbei und sagten: 'Das ist ideologisch nicht zu verkraften, das Relief muss weg.' Und damit war seine Phase der Emaille-Malerei beendet."

Bei der Emaille-Malerei gibt es kleinere Formate, die Tichýs gekonntes Spiel mit Farbflächen zeigen - ähnlich dem Abstrakten Expressionismus der 40er- und 50er-Jahre jenseits des großen Teichs. Und dann sind da die Frottagen: "Das hat natürlich auch ein bisschen damit zu tun, dass er das unglaubliche Glück hatte, 1946 mit einigen Kommilitonen einen Paris-Aufenthalt zu machen", erklärt Brockhaus. "Da hat er die ganze Avantgarde der Kunst kennengelernt und sich mit Max Ernst vor allen Dingen und mit Picasso auseinandergesetzt. Später auch mit Paul Klee, dessen Werk er sehr geschätzt hat."

Zu sehen sind Werke der Neue Textilkunst von Jiří Tichý. © Marie Kosmatov Foto: Marie Kosmatov

Ausstellungseröffnung: Jiří Tichý in Neumünster

NDR Kultur - Journal -

Das Museum Tuch+Technik und die Gerisch Stiftung zeigen in einer Gemeinschaftsausstellung in Neumünster Werke von Jirí Tichý, einm der Gründer der Neuen Textilkunst.

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Die Frottage-Blätter mit der durchgeriebenen Struktur einer Holztreppe sind fein durchkomponiert und zeigen hohes handwerkliches Können: Meist sind es christliche Motive. Christoph Brockhaus zeigt aber auch die einzigen politischen Arbeiten Tichýs, aus dem Jahr 1974: Gesichter tauchen auf, in Nahansicht, mit großen Augen - Momente des Schreckens!

"Alles, was mit schwarzer Kohle gemacht ist, ist die Ebene der Gewalt und des Staates", erklärt der Kurator. "Und alles, was braun ist, sind die Opfer, ist das Volk und sind die Menschen, die darunter leiden. Und das ist eben nicht plakativ. Das ist sehr menschlich, aber auch mit aller Klarheit zum Ausdruck gebracht, wie die politische Macht mit dem Volk umgeht."

Eine Gemeinschaftsausstellung des Textilmuseums Tuch+Technik und der Gerisch Stiftung

In der Galerie bei Gerisch, im Park, lässt sich noch Tichýs Nähe zur Architektur erleben, auch sein Spätwerk - der Künstler ist da schon weit über 80 Jahre alt - am Kopierer, mit Farb-Xerografien. Sein Freund Jiří Tichý habe Vielseitigkeit immer als etwas Notwendiges angesehen, sagt Kurator Christoph Brockhaus dann noch: "Dahinter steckt im Grunde genommen - ähnlich wie das Bauhaus mit seinen vielen Aspekten das Leben neugestalten wollte - eine Lust, in bestimmten Materialien neue Inhalte zu denken und weiterzukommen." Die Schau läuft bis zum 20. September.

Neumünster: Textilkunst von Jiří Tichý

Das Museum Tuch+Technik und die Gerisch Stiftung zeigen in einer Gemeinschaftsausstellung in Neumünster Werke von Jirí Tichý, einem der Gründer der Neuen Textilkunst.

Datum:
Ende:
Ort:
Museum Tuch + Technik
Kleinflecken 1
24534  Neumünster
Telefon:
04321 - 559 58-0
E-Mail:
post(at)tuch-und-technik.de
Öffnungszeiten:
dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr
samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr
montags geschlossen
Hinweis:
Bitte beachten Sie, dass Hunde im Museum keinen Zutritt haben.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.06.2020 | 19:00 Uhr

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