Stand: 28.12.2015 11:05 Uhr

Ein leuchtendes Gelb, das überwältigt

von Nadine Dietrich

Kunstinteressierte können im nächsten Jahr übers Wasser laufen! Das glauben Sie nicht, stimmt aber! Der Künstler Christo wird im kommenden Juni schwimmende Stege auf einem norditalienischen See installieren. Die Stege werden 16 Meter breit und mehrere Kilometer lang sein, von einem Dörfchen am Ufer geht es zu zwei Inseln auf dem See und wieder zurück. Das Projekt heißt "The floating piers". Der Hingucker des Projekts wird der ganz besondere Stoff sein, mit dem die Wasserstege bezogen werden. Dieser Stoff wird in Norddeutschland, in Lübeck, nach den Wünschen von Christo installationsfertig genäht.

Von Carl Valentin stammt der Spruch: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit". Ein Spruch wie gemacht für die Großinstallationen von Christo: Bei seiner nächsten können die Besucher einen Insel-Rundgang auf dem norditalienischen Iseo-See machen. Eine Kunstinstallation aus 140 Ankersystemen mit fünf Tonnen Beton, 200.000 schwimmenden Plastikwürfeln und 90.000 Quadratmetern Stoff. "Viel Arbeit" ist damit klar - und "die Schönheit"?

Ein schillerndes Farbenspiel

"Der Stoff ist völlig irre. Die Farbe heißt Dahlia. Alle, die das gesehen haben, waren begeistert. Wir natürlich auch, weil er so farbintensiv, so leuchtend ist, wenn die Sonne draufscheint. Von hellgelb bis blutorange ist alles da drin. Wo das Material nass wird, wird es orange, wo es komplett trocken ist, ist es gelb. Diese farblichen Unterschiede sind einfach superschön", schwärmt Robert Meyknecht aus Lübeck. Er hat die Installation am Iseo-See schon in Teilen gesehen, denn seine Firma "Die Luftwerker" sorgt dafür, dass der Stoff auf den schwimmenden Wegen und auch an Land so liegt, wie Christo es möchte.

Nähen und Probieren vor Ort

In einer Industriehalle in einem Lübecker Gewerbegebiet sitzen sich zwei Frauen an einer Nähmaschine gegenüber, die eine näht, die andere nimmt den Stoff aus der Maschine. "Das Nähen geht gut, aber der Stoff ist schwer", erklärt sie. "Allein geht es nicht. Nur zu zweit geht es, wenn meine Kollegin hilft."

Irina Laas näht jeweils fünf große Bahnen aneinander, so entstehen Stoffflächen von 17 mal 31 Metern. An die Längsseiten kommen Haken, die den Stoff mit den Pontons verbinden. Außerdem werden Bleibänder eingenäht, sodass der Stoff garantiert unter Wasser bleibt.

Im Juni kommenden Jahres müssen die riesigen Stoffflächen auf den schwimmenden Pontons zusammengenäht werden. Auch das machen die Lübecker Luftwerker. Im Spätsommer hätten sie das mit Christo zusammen schon einmal getestet, erzählt Robert Meyknecht: "Wir sind zwei Wochen dagewesen, und haben 125 Meter hingelegt. Wir haben probiert und installiert, abgeschnitten, drangenäht, anders genäht. Das haben wir alles vor Ort gemacht. Wir müssen dann sehr mobil sein. Das heißt, wir nähen dann auf dem Wasser. Man braucht dann einen Generator für die Nähmaschine und wir haben teilweise abends bei künstlichem Licht gearbeitet."

Ein extrem energiegeladener Künstler

Die "Floating Piers" auf dem Iseo-See sind schon das zweite Projekt, das Christo mit Robert Meyknechts Luftwerkern realisiert: Auch den Stoff für sein "Big Air Package" im Gasometer Oberhausen wurde hier installationsfertig genäht. Mit 117 Metern Höhe war es die bisher größte Innenraumskulptur der Welt.

Christo © picture alliance / landov Foto: Christian Murdock
Der 1935 in Bulgarien geborene Künstler Christo realisierte spektakuläre Verpackungsaktionen in Landschaften und an bekannten Gebäuden, wie 1995 dem Berliner Reichstag.

"Christo ist wirklich ein netter Mann", findet Robert Meyknecht. "Er ist in diesem Jahr 80 geworden. Er lebt und brennt für seine Projekte. Das macht die Zusammenarbeit sehr spannend und sehr schön. Das kann auch anstrengend sein, denn er möchte, dass wir die Dinge dann so umsetzen, wie er sich das vorstellt. Wenn man ihm das aber erklärt und es das im Ergebnis dann so aussieht, wie er das haben möchte, dann ist er total zufrieden, umarmt einen und das kann einen schon wirklich mitreißen."

Auch die Schneiderin Irina Laas war zur Probeinstallation mit Christo gereist: "Wir haben versucht, dass die Stoffe so liegen, wie Christo das wollte. Er war natürlich auch begeistert. Das ist nur Stoff und nur eine große Fläche - das kann man sich nicht vorstellen. Aber, wenn man es selber sieht, das ist schon... ahh!"

Ein märchenhaftes Projekt in Italien

Bildergalerie
Christo © Wolfgang Volz Foto: Wolfgang Volz

Projekte von Christo und Jeanne-Claude

Ihre spektakulären Projekte reichen von der umhüllten Insel bis zum Kilometer langen Nylonzaun. Seit 1990 trat das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude nur noch gemeinsam auf. Bildergalerie

Selbst  in der wenig märchenhaften Industriehalle in Lübeck leuchten und changieren die Stoffberge links und rechts neben den Näherinnen so gold-gelb-orange, als würde hier das Kleid aus dem Märchen Allerleirauh genäht, das "so golden ist wie die Sonne".

Die Installation "The floating piers" von Christo wird vom 18. Juni bis 3. Juli 2016 auf dem See Iseo zu sehen und zu begehen sein. Der See liegt auf etwa halber Strecke zwischen dem Comer See und dem Gardasee. Die Installation ist Tag und Nacht begehbar, der Eintritt kostenlos. Christo finanziert auch dieses Projekt zu einem Teil durch den Verkauf von Druckgrafiken zur Installation.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.12.2015 | 19:05 Uhr