Lovis Corinth: Private Einblicke in der Kunsthalle zu Kiel
Der 1858 geborenen Lovis Corinth ist vor allem für seine impressionistischen, farbgewaltigen Ölbilder bekannt. Dass er auch Grafiker mit einem über 1.000 Blätter umfassenden Werk war, zeigt jetzt die Kunsthalle zu Kiel.
Vorsicht ist geboten! Klar, es ist eine Grafik-Schau. Und der Umgang mit gut 100 Jahre altem Papier gebietet immer zärtliche Hände und sparsamstes Licht. Aber diesmal, sagt Kuratorin Annette Weisner, sei es wirklich besonders: "Sie sind fragil. Sie sind alt. Und wir haben viele Blätter für die Ausstellung in die Restaurierung gegeben, damit sie neu aufgelegt werden, dass alte Klebe-Fälzel auf der Rückseite, die nicht gut sind für das Papier, entfernt werden - so dass die Blätter jetzt für die nächsten 100 Jahre gut aufgelegt und verwahrt sind."
Kunsthalle zu Kiel zeigt rund 50 Grafiken von Lovis Corinth
Jetzt aber sind sie erstmal zu sehen: rund 50 ausgewählte Werke aus dem Kieler Kunsthallen-Bestand von insgesamt beachtlichen 128 Blättern. "Das ist eigentlich eine sehr schöne grafische Sammlung", erzählt Annette Weisner. "Das meiste sind druckgrafische Blätter. Aber wir haben auch ganz besondere Blätter: einige Handzeichnungen und das berühmte Pariser Skizzenbuch aus seiner Zeit an der Académie Julian."
Vor dem steht Annette Weisner. Es liegt aufgeschlagen in einer Glasvitrine und zeigt die Arbeitsweise des noch jungen Lovis Corinth. "Da hat Corinth das Aktzeichnen nach einem lebenden Modell gelernt", erklärt Weisner. "Das ist wichtig für seine späteren Historiengemälde, also biblische Darstellungen und Antikenmythologie. Was wir hier vor uns liegen haben, ist eine Seite aus dem Skizzenbuch. Man sieht einmal die Studie und man sieht, wie Corinth mit der Zufügung einer weiteren Figur ein Historienbild daraus gemacht hat."
Zwischen Historienbild und betrunkener Karnevalsgesellschaft
Das Figurenensemble wirkt lebendig - ähnlich den Arbeiten aus der Mappe "Antike Legenden". Darin fällt das Blatt "Die Jugend des Zeus" auf: Vorm Vater Kronos musste der sich auf Kreta verstecken, sonst wäre es das mit dem noch jungen Leben gewesen. Weil Kleinkinder aber auch mal laut sind, drapiert sich ein wahrer Zirkus um das Kind - und kaschiert es. "Man sieht hier links im Bild eine Frau, die sich vor lauter Krach die Ohren zuhält", sagt Weisner. "Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie respektlos und frisch Corinth mit solchen sehr gesetzten, antiken Themen umgeht. Es gab auch mal einen Kritiker, der bemängelt hat, dass die Historienbilder bei Corinth aussähen wie eine betrunkene Karnevalsgesellschaft."
Aber auch diese Arbeit zeigt bei den Linien einen großen Schwung: Es ist eine Kaltnadelradierung, bei der direkt in die Druckplatte geschnitten wird - eine Technik, die Corinth gerne anwendete, erzählt Annette Weisner: "Das kam seinen impressionistischen Arbeiten entgegen, dieses Schnell-den-Eindruck-Festhalten. Das hat er auch wirklich vor Ort gemacht. Gerade die Walchensee-Bilder sind ganz wichtig dafür. Da hat er direkt, spontan in die Platte gearbeitet." Walchensee ist übrigens ein bayrischer Ort, an den Lovis Corinth mit Ehefrau Charlotte Behrend zog und wo sie ihm ein Haus baute.
Familienleben am bayrischen Walchensee
Unter den Walchensee-Bildern befindet sich die Mappe "Bei den Corinthern" - ein hübsches Wortspiel. "Das zeigt - wie er selbst sagt - alles das, was für eine Familie im Jahre 1919 wichtig war. Wir finden ganz viele Blätter, die am Walchensee in Oberbayern entstanden sind. Man hat wunderbaren Einblick in sein Familienleben und das ist ungewöhnlich für die Zeit, dass ein Künstler so sein Familienleben zeigt."
Da schmust Lovis Corinth mit seiner Frau oder die kleine Tochter sitzt am Frühstückstisch. Da gibt es eine gut durchgearbeitete Landschaft mit dem eigenen Haus drauf. Das alles wirkt dokumentarisch, fast schon fotografisch, ist aber sehr persönlich und zeigt einen nahbaren Künstler "auch in den Selbstporträts, in denen man sieht, wie er zweifelt und dass es ihm nicht gut geht", erklärt die Kuratorin.
Corinth-Ausstellung in Kiel bis 23. April 2023
"Er ist immer menschlich; auch durch die Schwächen, die er zeigt, durch den Alltag, den er sich - im Gegensatz zu vielen anderen - traut darzustellen. Das kann man sich bei Max Liebermann oder anderen Malerfürsten gar nicht vorstellen. Die Mappe "Bei den Corinthern" ist wirklich ein großer Schatz", findet Annette Weisner. Die Ausstellung kann ab dem 26. November bis zum 23. April 2023 besucht werden.
Lovis Corinth: Private Einblicke in der Kunsthalle zu Kiel
Der 1858 geborenen Künstler ist vor allem für seine impressionistischen Ölbilder bekannt. In Kiel werden ab Sonnabend rund 50 Grafiken ausgestellt.
- Art:
- Ausstellung
- Datum:
- Ende:
- Ort:
-
Kunsthalle zu Kiel
Düsternbrooker Weg 1
24105 Kiel - Preis:
- 7 Euro, ermäßigt 4 Euro
- Öffnungszeiten:
- Dienstag bis Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 10:00 - 20:00 Uhr
Heiligabend, Silvester und Neujahr geschlossen.
Schlagwörter zu diesem Artikel
Ausstellungen
