Stand: 14.09.2019 07:00 Uhr

Kunst im Pferdestall: So geht Kultur auf dem Dorf

von Sabine Alsleben

Das Örtchen Neversdorf liegt etwa 15 Auto-Minuten entfernt von Bad Segeberg. Im Norden liegt das 700-Einwohner-Dorf direkt am Neversdorfer See, und am Osten grenzt es an das Travetal. Hier heißen die Straßen "Dorfstraße", "Uhlendörp" und "Hofkrug" - viele gepflegte Einfamilienhäuser stehen an der langgezogenen Hauptstraße. Klingt schön - aber langweilig? Weit gefehlt, denn in Neversdorf gibt es - in Bezug auf die Einwohnerzahl - unglaublich viel Kultur. Und das nicht nur, weil das Örtchen zum Kulturdorf der Segeberger Kulturtage ernannt wurde.

Kulturdorf der Segeberger Kulturtage: Neversdorf

Großes Engagement: "Versuchen Sie das mal in Hamburg"

Bürgermeister, Ausschussmitglieder, Anwohner - alle loben den Ort mit seinen zahlreichen Vereinen. "Hier ist es alles andere als langweilig", sagt Sven Schultze, Vorsitzender des Kulturausschusses. Für den 54-Jährigen bedeutet Kultur mehr als Ausstellungen und Theateraufführungen. "Die Kultur im Dorf ist viel mehr als Kunst. Das ist das gesamte Miteinander. Da sind wir hier wirklich reich mit gesegnet. Typisches Beispiel ist vielleicht unser Dorfputz in diesem Jahr. In unserem 700-Seelen-Dorf haben immerhin 70 Leute mitgemacht. Das sind zehn Prozent der Bevölkerung. Versuchen Sie das mal in Hamburg."

Hier müsse niemand nach Bad Segeberg oder Hamburg fahren, um Kultur zu erleben, sagt Bürgermeister Andreas Nixdorf. "Wir haben die Dorfgemeinschaft Vogelschießen. Wir haben die Feuerwehr, die kulturell hier sehr viel auf die Beine stellt. Wir haben den Seniorenclub, die Landfrauen und einen plattdeutschen Theaterclub. 'De Snackbüddels' haben sogar hier im Gasthof mehrere Aufführungen", sagt Nixdorf voller Stolz.

Idyllisch und schön: Mittelpunkt der Segeberger Kulturtage

In den kommenden zweieinhalb Wochen wird Neversdorf nun einer der Mittelpunkte der Segeberger Kulturtage. Seit drei Jahren gibt es das Format "SE-KulturDorf" - und die Wahl des organisierenden Vereins für Jugend- und Kulturarbeit (VJKA) fiel in diesem Jahr auf Neversdorf.

Edda Runge erklärt, wie sie und ihre beiden Kolleginnen auf Neversdorf aufmerksam geworden sind: "Neversdorf kannten wir alle drei gar nicht. Und dann sind wir hier durchgefahren, und irgendwie haben wir unabhängig voneinander gesagt, es ist hier so idyllisch und so schön. Und wir haben gleich auf Anhieb so viele - nennen wir sie mal - 'Alltagsorte' entdeckt wie den See, den Dressurstall und die Dörpschün. Da waren wir so begeistert, dass wir Kontakt zum Bürgermeister aufgenommen haben."

Projekt "Kulturdorf" stößt auf große Begeisterung

Der Kulturausschussvorsitzende Sven Schultze, der seit 1998 mit Frau und Sohn in Neversdorf wohnt, war von der Anfrage zum Kulturdorf überrascht - aber positiv. "Ich weiß noch, wie der Bürgermeister mir sagte, wir sollten Kulturdorf des Kreises Segeberg werden. Da hab ich gesagt: Mensch, da muss ich erst mal meine alten Gedichte wieder rauskramen. Ich weiß nicht, was ich singen soll", lacht der 54-Jährige. "Wir waren aber sofort dabei - und auch im ganzen Dorf herrschte gleich große Begeisterung und auch Hilfsbereitschaft." Rund 50 Helfer waren an den Vorbereitungen beteiligt.

Pferdeboxen verwandeln sich in Kunstgalerie

Mit dabei ist Karin Lührs. Ihr Dressurstall Hof Lührs ist einer der acht Veranstaltungsorte. In der großen Scheune, in der normalerweise Gastpferde oder landwirtschaftliche Geräte stehen, ist die sogenannte Pferdeboxgalerie entstanden. Die vorhandenen Pferdeboxen verwandeln sich in eine Galerie für Bilder, Skulpturen und eine Installation. Außerdem gibt es drei "Kulturblitzlichter"- kurze Aufführungen wie zum Beispiel jene zum Gedicht von Bertolt Brecht, "Ein Pferd klagt an".

Während in der Scheune schon aufgebaut und geprobt wird, geht vor dem Tor das normale Hofleben weiter. Ein Hund springt herum, eine Frau kommt vom Ausritt zurück, ein Pferd wird geputzt. "Wir machen jeden Tag Reitkultur", lacht Hausherrin und Gastgeberin Karin Lührs, die bald 50-jähriges Hofjubiläum feiert.

Aber das Projekt "Kulturdorf" ist auch für sie etwas ganz Besonderes. Eine Ausstellung passe gut in diesen Rahmen hier, findet sie, das sei eine schöne Abwechslung. Dem pflichtet auch Sven Schultze bei: "An zwei Tagen wollen wir hier die Kunst und Kultur in die Pferdeboxen bringen. Es ist toll, dass wir hier auf dem Hof sein dürfen, um unser Kulturdorf zu feiern."

Acht Veranstaltungspunkte im ganzen Ort

Weitere Veranstaltungsorte im Kulturdorf Neversdorf: die Dörpschün, die Tenne Schultze, die Rootgardt Scheune, die Udo Keller Stiftung und die Badestelle am Neversdorfer See. Auf die Frage, wie sich andere Dörfer vielleicht eine Scheibe abschneiden könnten, muss Bürgermeister Andreas Nixdorf nicht lange überlegen: "Auf jeden Fall können sich viele Orte ein Beispiel am Engagement unserer Bürger und Vereine nehmen. Nur so können auch Projekte wie das Kulturdorf verwirklicht werden."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 12.09.2019 | 21:50 Uhr

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