Stand: 08.05.2019 13:34 Uhr

Meese in Lübeck: Stapellauf für Kunst-Diktatur

von Thorsten Philipps

Geht es nach Jonathan Meese, dann hat die Diktatur der Kunst begonnen. In Lübeck hat er am Dienstagabend eine ein Kubikmeter großen "Diktatorenstein" aus weißem Schaumstoff ins Wasser gestoßen. Es soll der Anfang einer großen, ideologiefreien Revolution der Kunst für ganz Deutschland werden.

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Fleischwurst als Telefon: Jonathan Meese bei seiner Performance in der Kulturwerft Gollan.

Jonathan Meese geht mit Tragetaschen über den Catwalk, eine langgezogene Bühne mitten im Saal der Gollan-Werft. Es ist die fünfte Station in Lübeck, wo seine Kunst zu sehen ist, nach der St.-Petri-Kirche, dem Günther-Grass-Haus, der Overbeck-Gesellschaft und der Kunsthalle St. Annen. Oliver Zybok, Chef der Overbeck-Gesellschaft, hat Meese für das Projekt nach Lübeck geholt. Für ihn spiegelt sich vor allem die Ideologiekritik des Künstlers in der Performance wider: "Schauen Sie sich ihn an mit dieser hässlichen Plastikmaske von Hitler, darunter dieser lange Bart und dann diese Ironie, die er da äußert - das ist Jonathan Meese!"

Meese trägt Masken, schreit und trommelt

Mal trägt Meese eine Hitler-, mal eine Darth-Vader-Maske. Vom vielen Hin- und Herlaufen, Schreien, Trommeln und Verausgaben kommt er mächtig ins Schwitzen in seinem Trainingsanzug. Am Rande der Aktion stellt er klar: "Die Performance kommt aus dem Herzen und aus dem Bauch. Die kommt aus keiner Strategie oder Ideologie. Die kommt nicht aus einer Erwartungshaltung. Ich will niemandem gefallen. Es gibt bestimmt Leute, die das alles scheiße finden, aber das ist deren Problem", sagt er lachend.

Alles, was Meese nicht will

Wer erwartet hatte, dass Jonathan Meese hier mit Farbe Schilder bemalt, wurde enttäuscht. Während seiner Performance machte der Künstler so ziemlich alles, was er nicht machen will. Er spielte Theater auf der Bühne, wurde ideologisch und unterhielt die 450 Gäste.

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Der Titel von Meeses Performance: "Kind/Schlaf". Sie ist Teil seines Lübecker Ausstellungsprojektes "Dr. Zuhause: K.U.N.S.T (Erzliebe)".

Zwischenzeitlich schlüpfte Meese in einen schwarzen Ledermantel und sorgte mit einer weißen Blockflöte für ein penetrantes Pfeifkonzert. Auf der Bühne entstand ein ziemliches Kuddelmuddel aus Requisiten, was einen Zuschauer bemerken ließ: "Zu meinen Kindern würde ich sagen, wenn ich so etwas sehe: Räum dein Zimmer auf."

Schließlich ging es nach draußen, ans Traveufer. Und dann stieß er diesen riesigen Diktatorenwürfel in den Fluss. Auf dem Schaumstoffwürfel steht geschrieben: "Kunst ist die Staatsform von morgen." Nicht für alle hat damit nun die Revolution oder die Diktatur der Kunst begonnen.

Das Gesamtkunstwerk Lübeck

Laut Meese ist zumindest ein wichtiger Zwischenschritt geschafft: "Das Gesamtkunstwerk Lübeck ist da. Das Gesamtkunstwerk Deutschland wird entstehen und das Gesamtkunstwerk Europa wird entstehen. Und dann das Gesamtkunstwerk Welt. Und dann alle Welten und der Kosmos."

Meese hat sich viel vorgenommen. Damit er sich auf dem Weg zu seinem Endziel nicht allzu sehr verausgabt, machte er auf Geheiß seiner Mutter pünktlich um 22 Uhr Schluss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.05.2019 | 07:20 Uhr

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