Stand: 16.11.2018 17:24 Uhr

Gertsch: "Bilder sind meine Biografie"

von Frank Hajasch

Franz Gertsch zählt zu den renommiertesten Schweizer Künstlern. Mit seinen großformatigen, fotorealistischen Bildern war er auf der documenta in Kassel und der Biennale von Venedig zu sehen. Nun zeigt die Kieler Kunsthalle 50 Gemälde, Holzschnitte und Aquarelle aus der Zeit von 1961 bis 2018.

Gelassen, geradezu weise sitzt der große Mann des Fotorealismus mitten im Ausstellungssaal. Auf dem weißen Stuhl wird er sich hin und wieder bewegen: Mal geht der Blick zu Besuchern vor einer der wandfüllenden Graphiken. Dann lacht er rüber zur Kunsthallenchefin, Anette Hüsch, die eins seiner frühen Gemälde erklärt. 88 Jahre alt ist Franz Gertsch mittlerweile, aber er hat auch ein neues Werk mitgebracht. "Große Pestwurz" heißt das Bild, das wie in einer Nahaufnahme die tiefgrünen, fleischigen Blätter dieser Pflanze zeigt. Die Pestwurz misst genau drei mal vier Meter. Gertsch liebt das überdimensionale Format.

Franz Gertsch: Bilder sind meine Biografie

Franz Gertsch ist bekannt für einen schnellen Pinsel. Sein neues Werk "Große Pestwurz" habe er am 3. Januar 2018 angefangen und sei "im Juni fertig geworden", sagt er. Die Ausstellung zeigt auch, wie der Künstler arbeitet. "Oben ist ein Video zu sehen. Da sieht man, wie schnell ich eigentlich male. Es ist interessant, auch die Aquarelle aus den 60er-Jahren anzuschauen. Das war eigentlich eine Übung im Schnellmalen. Ich habe immer gesagt: Die großen Bilder, das ist wie Schnellmalen im Zeitlupentempo", so Gertsch.

Ein Segeltuch als Leinwand

Schon seinen fotorealistischen Erstling von 1970, "Maria und Benz", ein Portrait der Ehefrau und des Sohnes, hat Franz Gertsch nach kurzer Zeit fertig. Wobei das wohl auch am Material liegt. "Das waren damals noch Betttücher", erklärt Gertsch. "Und die haben die Farbe sehr schnell angenommen; da konnte ich schnell malen. Dann habe ich 1972, als ich in New York war, dieses Cotton Dock No.10 entdeckt. Das ist eigentlich ein Segeltuch aus Baumwolle. Das hat dann einen viel größeren Widerstand gegeben."

In den Anfangsjahren geht es bei Gertsch aber noch um schnell gemalte Gruppenbilder. Er ist in den 70er-Jahren mit der Kamera unterwegs. Zahlreiche Schnappschüsse entstehen, von Hippies und der Subkultur. Sie werden zu Vorlagen für Bilder wie "Aelggi Alp" und "Kranenburg"; beide in der Ausstellung zu sehen. Es sind Menschengruppen zu sehen mit bis zu fünf Personen, oft sehr individuell, mit dem Duktus des Aufbruchs, des Aufbegehrens. Die Fotos werden als Dia auf Leinwände projiziert und nachgemalt. "Je näher man dann ran geht, desto heller ist das Licht an einem Punkt," sagt Kunsthallenleiterin Anette Hüsch. "Er hat dieses Format für sich ausgemacht, als das, wo die Lichtintensität genau die richtige ist: Er kann das Licht sehen. Aber er kann es auch malerisch übersetzen. Und natürlich möchte er über das große Format auch Bilder schaffen, die in den Raum strahlen."

Gertsch Lieblingsperspektive: Nah dran sein

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Franz Gertsch vor seinem Bil "Große Pestwurz" in der Kieler Kunsthalle.

Was bei allen Werken auffällt: die Nahansicht der Motive. Manchmal scheint es, als würden Menschen, Gräser, Bäume aus dem Bild fallen. Dann aber die Abkehr von den sogenannten Situationsbildern und den schnell fotografierten Vorlagen: Ein Selbstbildnis von 1980 zeigt, wie Gertsch vom Betrachter wegschaut - untypisch für ein Portrait. Von nun an steht eine Person im Mittelpunkt. Auch sie, wie rangezoomt. Die Bilder werden ruhiger. "Was ist das für ein Gesichtsausdruck? Wie präsentiert sich diese Person? Da fokussiert er sich immer stärker", sagt Hüsch. "Auch in seinen Naturbildern und in seinem neuesten Bild "Große Pestwurz": ein Blatt, das einen förmlich anzuspringen scheint - und das man gleichzeitig so anschauen kann, als würde man von oben auf eine größere Landschaft blicken." 

Diese Landschaft, mit feinsten Verzweigungen im Pflanzenblatt, mit einer strukturierten Oberfläche und überhaupt abnehmender Tiefenschärfe im Bild, sie wirkt wie durchmodelliert. "Es gibt Partien, die sehr ausformuliert sind. Aber auch dort löst es sich in Malerei auf. Und es gibt Partien, die auch aus der Ferne ganz verwischt, bewegt, unscharf aussehen", so die Kunsthallenleiterin. "Das ist natürlich ein Teil des Vergnügens, dass Herr Gertsch daran hat, eine Projektion zu machen. Er steht ja immer im Licht; er verhindert ja eigentlich das, was er sehen und eins zu eins malen will."

Zehn Jahre Pause von der Malerei

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Während einer zehnjährigen Pause von der Malerei entdeckt Gertsch den Holzschnitt für sich.

Mitte der 80er-Jahre dann die Zäsur: Franz Gertsch gibt die Malerei für zehn Jahre auf und entdeckt den Holzschnitt für sich. "Ich war an einem Höhepunkt angelangt mit den Porträts: Ich konnte das nicht mehr steigern. Ich brauchte eine neue Herausforderung und das war wieder mal das Material", erklärt der Künstler seine Pause von der Malerei. "Der Holzschnitt ist eigentlich das ungeeignetste Medium, um vom Schatten ins Helle sanfte Übergänge zu machen." Aber Gertsch findet eine Technik, mit der es gelingt. Mit einem Hohleisen schneidet er kleinste sogenannte Lichtpunkte in den hölzernen Druckstock. Das sind die Stellen, wo später keine Farbe haften wird. Stellen, die für Licht und helle Zwischentöne im Bild sorgen. Auf der Grafik "Waldweg 'Ausblick'" ist das schön zu sehen: Aus einer dunklen Fläche leuchtet die natürliche Struktur des Waldes, seiner Sträucher und Bäume, geformt allein durch Lichtpunkte.  "Es gibt ganz stark verdichtete Stellen. Dann gibt es Stellen, die sind schon etwas weniger verdichtet. Und dann gibt es noch mal ein dritte Stufe. Aber das sind eigentlich schon die Clusterbildungen, mit denen er das Motiv erschafft", erklärt Anette Hüsch.

Auch die Holzschnitte haben große Formate. Um Bildmaße von über fünf Metern zu erreichen, verwendet Franz Gertsch zwei, manchmal drei riesige Druckplatten aus Lindenholz. "Deshalb sagt Herr Gertsch auch immer, dass er den Holzschnitt für sich neu erfunden hat. Er treibt das bis an die Grenze des Machbaren", schwärmt Anette Hüsch von der Kieler Kunsthalle. "Auch das Papier ist sehr hochwertig, hergestellt von dem Papiermeister des japanischen Kaisers - also ganz leicht und zart."

Gertsch: "Bilder sind meine Biografie"

Der Schweizer Künstler Franz Gertsch liebt es groß. 50 überdimensionale Malereien und Holzschnitte aus der Zeit von 1961 bis 2018 sind in der Kunsthalle zu Kiel ausgestellt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle zu Kiel
Düstenbrooker Weg 1
24105  Kiel
Telefon:
0431 88057-56
E-Mail:
buero@kunsthalle-kiel.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt: 4 Euro
Öffnungszeiten:
Mo: geschlossen
Di - So: 10:00 - 18:00 Uhr
Mi: 10:00 - 20:00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.11.2018 | 07:20 Uhr

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