Zwei Künstler arbeiten flexen sich durch große Findlinge. © NDR Foto: Frank Hajasch

Skulpturen-Triennale: Mit Flex und Bohrer durch dicke Brocken

Stand: 25.08.2021 10:11 Uhr

Für die vierte Skulpturen-Triennale in Neustadt in Holstein ist es dem Team um den bekannten Steinbildhauer Jo Kley wieder gelungen, internationale Künstlerinnen und Künstler zum Arbeiten an die Lübecker Bucht zu holen.

von Frank Hajasch

Ein Künstler arbeitet arbeitet mit einem großen Bohrer an einem großen Stein © NDR Foto: Frank Hajasch
Bildhauer Thomas Reifferscheid aus Köln bohrt in einem Millionen Jahre alten Gneis.

Viel Lärm, viel Staub, dabei konzentriertes Arbeiten: Wer zurzeit im Neustädter Hafen spazieren geht, kommt an der Skulpturen-Triennale nicht vorbei. Was Flex und Steinbohrer von Graniten, Gneisen und sonstigen Schwergewichten abtragen, weht als meterlange Staubfahne rüber zur Ostsee. Aber darauf nimmt auch Thomas Reifferscheid nur wenig Rücksicht. Der Blick des Kölners klebt an einem brusthohen, schön marmorierten Stein, den er von oben konsequent durchbohrt, was bei dem Material eine Zeit dauert. "Ich liebe das Widerständige", sagt Reifferscheid und fügt lachend hinzu: "Das ist ein bisschen wie bei den Menschen: Die, an denen man sich nicht reiben kann, mit denen kann man auch keine wirkliche Wärme erzeugen!"

Granit und Basalt: Millionen Jahre alte Brocken werden verwandelt

Auf seinem Gneis hockt eine stabile Apparatur, die einen fast unterarmdicken Bohrer hält. Dazu fließt Wasser, wegen der Kühlung. "Das ist ein Bohständer für eine Kernbohrung, um einen großen Durchbruch aus dem Stein rauszuarbeiten", erläutert der Künstler. Der Millionen Jahre alte Brocken vor ihm ist ein Wandlungs-, ein metamorphes Gestein, das mal aus noch viel älteren Graniten und Basalten entstanden ist, erklärt Thomas Reifferscheid geradezu demütig. Was noch wie ein großer Klumpen dasteht, soll schon in zwei Wochen ganz anders aussehen. "Die Grundidee sind ineinandergreifende Ringe. Ich finde Ringe als Ur-Symbol sehr faszinierend. Und spannend ist eben, dass diese Gesteine jeweils die Erstformulierung der Materie aus kosmischem Magma sind", erläutert Reifferscheid.

Däne Thomas Kadziola kreiert einen "Man on the Moon"

Ein Künstler arbeitet an einer Skulptur aus Stein, die wie ein Gesicht aussieht. © NDR Foto: Frank Hajasch
Echte Handarbeit: Der Däne Thomas Kadziola und sein Man on the Moon.

Zwei Arbeitsplätze weiter, neben der Italienerin Francesca Bernardini, arbeitet sich Thomas Kadziola nur mit Hammer und Meißel in einen Granit rein. Hier entsteht unverkennbar ein Gesicht. Es wird durch den Titel "Man on the Moon" mit Bedeutung aufgeladen. Hier allerdings geht es um eine Sage der Inuit auf Grönland, nach der genau dieser Mann auf dem Mond das unverhältnismäßige Leben von uns Menschen auf der Erde bestraft. Stück für Stück geht es voran. Wobei sich Nase, Augen und Stirnansatz schon zeigen.   

Der Däne aus der Nähe von Kopenhagen ist bekannt für seine neun Meter hohen Steinskulpturen auf der Insel Lolland. Diese Dodekalitten genannten Figuren bilden dort einen Steinkreis: zwölf Köpfe, jeder um die 40 Tonnen schwer! Da ist dieser Granit in Neustadt wohl eher eine Fingerübung. Er müsse tatsächlich gar nicht so viel wegnehmen, sagt Thomas Kadziola. Er arbeite hier maximal zehn Zentimeter tief in den Stein hinein, meist sogar nur drei oder vier. Am Ende will er noch Polieren, die Nase, die Augenbrauen, die Lippen.

Organisator Jo Kley will den Kulturaustausch voranbringen

Eine Künstlerin arbeitet mit Schutzbrille und einer Fräse an einem großen Stein. © NDR Foto: Frank Hajasch
Francesca Bernardini aus Italien und ihr staubiges Bemühen, Schraffuren in einen Granit zu fräsen.

Die Skulpturen-Triennale in Neustadt hat viel mit Jo Kley zu tun. Der Kieler Bildhauer will den internationalen Kulturaustausch pushen und den hiesigen sogenannten Kunst-Kilometer unterstützen, der den "Dialog zwischen Mensch, Skulptur und Landschaft" sucht. Der Kurator arbeitet selbst an einer Figur, muss aber auch organisieren. Das Basislager der Kunstschaffenden liegt in einem alten Speicher, wo die Maschinen lagern und für Speisen und Getränke gesorgt wird. Ein kulturelles Begleitprogramm inklusive. Jo Kley sagt, er ermuntere die Künstler, ohne Konzept zu kommen: "Ihr kriegt einen Stein. Ihr könnt auch zehn haben, wenn ihr wollt - und so werden sie dann auf diese Findlinge losgelassen, die für den Normalbürger alle rund-kartoffelig sind. Aber die Künstler sehen dann schon, dass da eine besondere Farbe hervorscheint, die geologische Formation Skandinaviens. Die Steine sind ja alle durch die Eiszeit hierhergebracht."       

Den größten und schwersten Stein hat diesmal Ian Newbery aus Schweden genommen, erzählt Jo Kley gleich hinterher: einen Vier-Tonnen-Koloss, der ihren Radlader deutlich an die Grenzen gebracht habe. Aber auch da sei schon nach kurzer Zeit ein Großteil weggearbeitet gewesen: "Das ist sehr sehenswert für die Zuschauer. Gerade der Kontrast: Der eine arbeitet von Hand. Die anderen arbeiten mit Flexen. Es gibt eine rasante Veränderung der Form."

Noch bis zum 4. September wird auf der Hafenwestseite in Neustadt gearbeitet. Besucher sind herzlich eingeladen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 25.08.2021 | 09:20 Uhr