Stand: 18.04.2019 08:52 Uhr

Christian Ring über die Debatte um Emil Nolde

von Jan Altmann

Die Debatte um die Rolle des Malers Emil Nolde in der Nazi-Zeit bekommt neuen Zündstoff. Anlass ist die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, zwei Nolde-Gemälde dauerhaft aus ihrem Arbeitszimmer zu entfernen - sie wollte damit ein Statement setzen. Noldes Bild "Brecher" aus dem Jahr 1936 wird derzeit bei einer Ausstellung in Berlin gezeigt. Sie versucht, das künstlerische Werk des Expressionisten im historischen Kontext seiner Biografie und ideologischen Haltung darzustellen. Zu den Kuratoren gehört auch Christian Ring, der Direktor der Nolde-Stiftung in Seebüll in Schleswig-Holstein. Mit NDR Kultur spricht er über den Künstler Emil Nolde.

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Der Direktor der Nolde-Stiftung, Christian Ring, plädiert dafür: "Jeder soll sich seine eigene Meinung über Nolde bilden."

Auf den Mythos des Malers, der sich während der NS-Zeit angeblich im Widerstand befand, fallen Schatten. Schon länger wissen die Experten: Emil Nolde war Mitglied der NSDAP, glühender Verehrer Adolf Hitlers, überzeugter Antisemit und Rassist. Nolde selbst versuchte, sich nach 1945 eher als Opfer, denn als überzeugter Nazi-Anhänger darzustellen.

"Emil Nolde war in seiner Zeit gefangen"

Seit einiger Zeit bemüht sich die Nolde-Stiftung, den Künstler ins richtige Licht zu rücken, betont Direktor Christian Ring: "Es geht mir darum, das ganze Bild von Nolde zu zeigen: Auf der einen Seite diese wunderbaren Werke zu sehen, an denen man sich nach wie vor erfreuen kann. Nolde hat mit seiner Kunst die deutsche Kunstgeschichte ganz entscheidend geprägt. Er ist bis heute Vorbild für viele zeitgenössische Künstler. Auf der anderen Seite haben wir einen Menschen mit einer vielschichtigen Biografie, der in seiner Zeit einfach gefangen war und sich letztendlich verhangen hat."

Die aktuelle Ausstellung in Berlin versucht, Teile von Noldes Kunst in Deckung mit seiner nationalsozialistischen Gesinnung zu bringen. Kritiker meinen: Das sei schwierig, schließlich habe Nolde zwischen 1933 und 1945 keine NS-typischen Motive gemalt. Den Ausstellungskuratoren um Christian Ring war es wichtig, den Besuchern bei der Interpretation keine Richtung vorzugeben. Jeder solle sich seine eigene Meinung über Nolde bilden.

Aufklärungsarbeit im Nolde-Museum Seebüll geht weiter

Auch im Nolde-Museum in Seebüll in Schleswig-Holstein geht die Aufklärungsarbeit weiter, so Ring: "Wir werden die biografische Ausstellung im Kontext der Sanierung des Museums, die im nächsten Jahr ansteht, komplett überarbeiten. Die biografische Ausstellung ist zehn Jahre alt. Da wird es eine entscheidende Facette sein, Noldes Verhalten im Nationalsozialismus darzustellen. Wenn wir zukünftig Ausstellungen veranstalten, wird das immer ein Thema in der Ausstellung sein".

Kulturministerin Karin Prien hängt Nolde-Bild im Büro auf

Über 60 Jahre nach seinem Tod bleibt Emil Nolde also Gesprächsthema. Schleswig-Holsteins Kulturministerin Karin Prien warnt in diesem Zusammenhang bereits vor einer hysterischen Moraldebatte. Sie hat vor kurzem demonstrativ ein Nolde-Bild in ihrem Büro aufgehängt. Auch der Kunsthistoriker Uwe Schulte-Wülwer rät zur Besonnenheit: "Wenn wir Werke der Literatur, der Musik und der bildenden Kunst immer nur danach betrachten, inwieweit entsprach das Leben und die Vita eines Künstlers unseren Moralvorstellungen, dann kommen wir nicht weit. Dann können wir - ich will nicht sagen - die Museen schließen. Aber dann ist fast die Hälfte des deutschen Kulturgutes unter Generalverdacht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 18.04.2019 | 09:20 Uhr