Der Bildhauer Jörg Plickat arbeitet in seinem Atelier konzentriert an eine Büste. © NDR Foto: Frank Hajasch

Atelierbesuch bei Bildhauer Jörg Plickat in Bredenbek

Stand: 28.12.2020 10:07 Uhr

Im Kieler Stadtpark stehen mehrere Büsten des bekannten norddeutschen Bildhauers Jörg Plickat. Nun arbeitet er an zwei weiteren Porträts für die Stadt Lübeck. Ein Atelierbesuch.

von Frank Hajasch

Viel, viel rostiger Stahl, dazu ein tonnenschwerer Lastenkran und eine raumbreite Abkantbank: Dass Jörg Plickat in Metall macht, gerne auch groß und schwer, zeigt schon der Eingang zum Atelier im schleswig-holsteinischen Bredenbek. Der Bildhauer hat sich eine Maschinenhalle aufgebaut. An diesem Tag aber steht er auf der eingezogenen Empore. Seine rissigen Hände kneten Ton, arbeiten Stückchen davon in eine Modellbüste ein. Und auch wenn die Heizung läuft: Es ist kalt! Der Raum sei früher eine Scheune gewesen, erzählt er: "Die ist zwar isoliert. Aber das ist ja ein großer Luftraum. Und wenn die drei, vier Tage nicht geheizt ist und die Nacht kälter war...also, man kam hier heute Morgen in so eine Art Eiskeller."

Arbeitet oft über Wochen an einem Porträt

Hände des Bildhauers Jörg Plickat arbeiten mit einem Spachtel an einer Büste. © NDR Foto: Frank Hajasch
Normalerweise arbeitet Jörg Plickat an großen Metall-Skulpturen. Hier ist sein Sinn fürs Filigrane gefragt.

Für Bildhauerhände ist das sicher alles andere als optimal. Jörg Plickat nimmt es gelassen. Er greift in eine schwarze Plastiktüte, holt einen Klumpen Ton heraus, teilt den restfeuchten Batzen in Häppchen. Für ihn sei jetzt eben ein paar Tage Pause gewesen, erzählt er und zeigt auf die etwa 30 Porträtfotos eines Mannes an einer drehbaren Wand im Atelier.  "Wenn so zwei, drei Tage dazwischen liegen, ist das immer sehr sinnvoll", sagt er. "Man kommt wieder neu. Man hat einen neuen Blick. Einiges verwirft man. Anderes arbeitet man stärker raus. Man nähert sich so einem Porträt auch über die Wochen an. Ich habe das gerne, dass ich so zwei, drei Monate gut beschäftigt bin. Man sieht den Kopf nach einer Zeit ganz anders."

Feine Fehler auf der Oberfläche sollen bewahrt werden

Wer es ist, verrät Jörg Plickat nach wie vor nicht. Nur so viel: Es sei eine Person der Zeitgeschichte. Mit einem Spatel schabt er Ton vom Halsansatz des Porträtkopfes. Dann drückt er etwas vom dunkelbraunen Material in den Wangenbereich. Dass die Oberfläche leicht aufgebrochen wirkt, nie glatt ist, solle so sein, sagt er, der auch diese Büste im Ausschmelzverfahren herstellt: "Das wird feucht abgegossen. Da kommt, wenn der Gießer kommt, die Silikon-Schicht drüber und ein Gipsmantel, damit diese feinen Unregelmäßigkeiten, dieses Pastose, die Summe aus kleinen Fehlern, die die Tonoberfläche ausmachen, erhalten bleiben. Es erscheint mir lebendiger." Das Silikon kann er später abnehmen, als Negativform. Die wird hauchdünn mit Wachs beschichtet, darunter dann wieder Keramik. Erhitzt man das Ganze, fließt das Wachs heraus und der Hohlraum für die Bronze bleibt.

Bewusste Entscheidung fürs filigrane Arbeiten

Blick auf mehrere kleine Skulpturen im Atelier des Bildhauers Jörg Plickat. © NDR Foto: Frank Hajasch
Kleinere Metallarbeiten im Atelier des Künstlers.

Dass er hier auf Kopfhöhe an einer lebensgroßen, realistischen Plastik arbeitet, obwohl sein Werk sonst oft aus raumgreifenden Objekten, aus meterhohen Stahlträgern und kubischen Formen besteht? Jörg Plickat lacht über die Frage. Er mache im Jahr ein bis zwei Porträts, sagt er: "Es schult den Blick, sich der Natur zuzuwenden, genaue Proportionen zu ertasten. Eben auch dieses Filigrane, mit den Händen zu arbeiten - das ist doch was Schönes, wenn man sonst gewohnt ist, nur mit großen Maschinen Metall wegzuschneiden oder zu schleifen."

Seit Oktober sitzt - besser, steht - er an diesem Auftrag. Letztlich werden es auch zwei Büsten sein, weil es zwei Brüder werden sollen, die Jörg Plickat in Lübeck besucht hat. Über die langen Monate einsamen Arbeitens gibt es sonst nur Fotos an der Wand, sagt er. Für ihn sei es aber besser, wenn er die Porträtierten kenne: "Für mich ist immer wichtig zu wissen, wie sieht er von der Seite und von hinten aus, wie ist die Haltung, wie geht der Mensch."

Ältere Gesichter erzählen die Geschichte des Lebens

Der Bildhauer Jörg Plickat in seinem Atelier auf eine Büste blickend. © NDR Foto: Frank Hajasch
Beim Modellieren achtet Plickat besonders auf Details in den Gesichtszügen.

Auch darauf hat er in Lübeck so ganz nebenbei geachtet. Und Jörg Plickat erzählt noch einmal kurz von den Porträtierten: Die beiden Brüder schauen wohl so langsam auf ihr bewegtes Leben zurück, sagt er. Für ihn als Bildhauer sei das eine sehr reizvolle Aufgabe: "Es ist eigentlich schön, wenn man Leute so ab 70 macht. Da erzählt das Gesicht doch die Geschichte des Lebens. Das ist eben geprägt durch Entscheidungen, durch Frustrationen, durch Freude, gutes Management, was auch immer. Da entwickeln sich die Charakteristika, die man bei jungen Menschen, wenn man da Porträts macht, häufig vermisst."

Jörg Plickats Plastiken sollen im Januar gegossen und danach weiterbearbeitet werden. In Lübeck werden sie im kommenden Jahr aufgestellt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.12.2020 | 18:00 Uhr