Roy Lichtensteins Pop-Art-Gemälde Sunrise, 1965 - Farbserigrafie auf Papier. © Estate of Roy Lichtenstein / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Kunsthalle zu Kiel, Foto: Sönke Ehlert

Kunsthalle Kiel zeigt Ausstellung über den Boom der Pop-Art

Stand: 14.11.2021 09:00 Uhr

"Als die Grafik boomte - Pop-Art auf Papier" heißt eine neue Schau in der Kunsthalle zu Kiel. Sie beleuchtet die Wiederentdeckung grafischer Techniken in der Pop-Art.

von Frank Hajasch

Pop-Art ist eine Kunstrichtung, mit der viele spontan etwas anfangen können. Das liegt vielleicht daran, dass sie ihre Motive im Alltag fand. Es könnte auch daran liegen, dass ihre oft starke Farbigkeit immer wieder zieht. Insofern macht die Kunsthalle zu Kiel gerade alles richtig: Ihre große aktuelle Schau "Amazons of Pop", die das veränderte Frauenbild am Beginn der 60er-Jahre diskutiert, ist schwer erfolgreich. Jetzt blättert das Haus an der Kieler Förde ein neues Kapitel auf: Es geht um die Grafik in der Pop-Art, die damals als Medium wiederentdeckt wurde.

Kunsthalle zu Kiel: Den Puls der Zeit fühlen

Wo es vornan in der Ausstellung neon-pink und richtig geheimnisvoll leuchtet, zeigt die Wand dahinter den eigentlichen Schatz dieser Ausstellung: Eduardo Paolozzi hat die Grafikmappe "Moonstrips Empire News" 1967 gestaltet - mit 100 Blatt. Und auch wenn in der Kunsthalle zu Kiel nur 30 davon zu sehen sind: Da hat jemand den Puls der Zeit gefühlt!

"Es ist ein bisschen die Idee zu zeigen, wie vielfältig diese moderne Welt der Anzeigen, der Filme, der Comics, der Grafik, der Tageszeitung sind - ein ganz populäres Bild zu zeigen." Das Ganze sei mal als Buch geplant gewesen, erzählt Kuratorin Annette Weisner.

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Dann entschied der Künstler, diese lose Mappe als Plexiglas-Kassette zu gestalten. Auf dass jeder und jede die Blätter nach eigenem Gusto - nach Lieblingsbild, Vorlieben - sortieren kann, was dem Medium Grafik entgegenkommt. Grafik sei zum Anschauen gedacht, zum Vorlegen, zum Aufhängen, Wiederabhängen, was anderes aufhängen oder auch auszubreiten, darüber zu diskutieren oder Bezüge zu sehen. "Das haben wir hier auch in der Hängung versucht: Man sieht also da King Kong. Hier sieht man ein Filmstill aus einem Horrorfilm. Da oben sieht man ein Monster, das eine Frau entführt," erzählt Weisner. Man sieht die Seite eines Telefonbuchs, Texte von Philosophen wie Wittgenstein; die ganze populäre Welt der 60er.

Ikone der Pop-Art: Roy Lichtensteins "Sunrise"

Ein Kabinett weiter geht in Kiel die Sonne auf. Mit idealtypischen Strahlen wie schmale Tortenstücke, einem sommerhellen Gelb auf blauem Himmel und sanften Wellen vorm Horizont. Roy Lichtensteins "Sunrise" von 1965 ist eine Ikone der Pop-Art - mit einer objektiven Bildsprache, die so gar keine reale Verortung zulässt und die Natur geometrisch zusammensetzt. Was so typisch ist für die Pop-Art: dieses ganz stark Vereinfachende, dieses Reduzieren. Es ist sofort und auf einen Blick zu verstehen. Man muss nicht drüber nachdenken oder überlegen. Man sieht: Ah, Sonnenaufgang! Und auch der gehört zur Alltagskultur, an der sich die Pop-Art bediente.

Die Ausstellung zeigt im halbdunklen Raum Werke aus dem eigenen Bestand. Darunter eben Lichtenstein, Robert Indiana, Mel Ramos - und die britischen Pioniere der Pop-Art: neben Paolozzi auch Richard Hamilton, Joe Tilson. Die Schau wirkt wie der kleine Bruder der "Amazons of Pop" im Saal nebenan, wo die feminine Sicht auf die 60er-Jahre verhandelt wird. "Auf jeden Fall ist es eine Ausstellung, die vielleicht nicht mit kleinen Brüdern, aber mindestens mit männlichen Positionen ausgestattet ist" berichtet die Leiterin der Kunsthalle, Anette Hüsch. "Die Ausstellung ist insofern in einem dialogischen Kontakt zu den 'Amazons of Pop', weil man hier das sieht, was Pop-Art wesentlich ausmacht: nämlich den Umgang mit den grafischen Techniken."

Wiederentdeckung grafischer Techniken

Die wurden damals wiederentdeckt, erzählt Hüsch. Werkstätten in London hätten beispielsweise den Siebdruck weiterentwickelt - wovon zunächst die Werbung profitiert habe, dann die Kunst. Pop-Art verbreitete sich vor allem über Grafik, als Auflagenkunst. "Die Pop-Art beschäftigt sich mit Medienbildern, mit Werbebildern, da geht's immer um eine Bildkultur, die sich perpetuiert, die vervielfacht wird, die meinungs- und stilbildend ist in der Alltagskultur. Und das wiederum reflektieren die Künstler dann in ihrer Übertragung in die sogenannten Hochkultur und Hochkunst", so Hüsch.

Und da habe neben den Auswüchsen moderner Massenkultur das Politische eine mindestens genauso große Rolle gespielt. Von Robert Indiana findet sich in der Schau eines der Motive der Pop-Art: der Schriftzug LOVE. Hier aber nicht als meterhohe Skulptur aus Cortenstahl. Es ist eine etwas mehr als DIN A4-große Farbserigrafie, mit gespiegelten Buchstaben. Dieses LOVE schaffte es 1964 immerhin auf die Weihnachtskarte des Museum of Modern Art in New York. "Es ist, glaube ich, so populär, weil es in diese Zeit passt, also 'Make love, not war' - dieser ganz berühmte Slogan der Hippie-Bewegung. Oder 'All you need is love' von den Beatles ist ja auch Popkultur. Dieses Love-Motiv taucht inhaltlich und formal immer wieder auf. Wann hat man schon mal ein Jahrzehnt, wo das Wort Liebe so zentral und in anderen Kontexten auftaucht - Stichwort Vietnam-Krieg?", fragt Hüsch.

Politische Züge der Pop-Art von Sigmar Polke

Dass Pop-Art auch deutsch-politisch sein konnte, zeigt sich bei Sigmar Polke. Der Mitbegründer des Kapitalistischen Realismus wort-spielt nicht nur mit den linientreuen Auswüchsen der DDR-Kunst. Auch er hat einen, dann anderen Blick auf die Gesellschaft: Sein Wochenendhaus von 1967 nimmt die schon damals manifeste Konsumorientiertheit aufs Korn, erklärt Hüsch: "Das ist hier eine Arbeit, die aus einer Werbeanzeige stammt, die Polke vergrößert hat. Das erklärt diese Punkte, die man überall sieht. Das ist eine Kritik am Kleinbürgerlichen, Spießertum. Das ist eine andere Art von Richtung, die die deutsche, die German Pop-Art, wie sie sich selbst genannt hat, einschlägt als zum Beispiel die amerikanische oder englische."

Das alles lässt sich in dieser kleinen und wieder mal feinen Ausstellung der Kieler Kunsthalle erleben - die nur möglich wurde, weil die hochkarätigen Grafikblätter 2015 durch eine Schenkung ins Haus an der Förde kamen.

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Kieler Kunsthalle von außen © NDR Foto: Andreas Kluge

Kulturpartner: Kunsthalle zu Kiel

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Kunsthalle Kiel zeigt Ausstellung über den Boom der Pop-Art

Die neue Schau "Als die Grafik boomte - Pop-Art auf Papier" in der Kunsthalle zu Kiel beleuchtet das Medium der Grafik.

Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle zu Kiel
Düsternbrooker Weg 1
24105 Kiel
Telefon:
+49 431 88057-61
E-Mail:
shkv@kunsthalle-kiel.de
Preis:
Eintritt: 7 €; ermäßigt: 4 €
Öffnungszeiten:
Di–So: 10-18 Uhr
Mi: 10-20 Uhr
Mo: geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 12.11.2021 | 15:55 Uhr