Stand: 17.08.2019 11:55 Uhr  - NDR Info

NS-Raubkunst: Fälle werden unterschiedlich behandelt

von Silke Lahmann-Lammert

Es ist ein vertrackter Fall: Einerseits hält sich das Bomann-Museum in Celle geradezu vorbildlich an die Washingtoner Erklärung von 1998. Der Kodex schreibt vor, NS-Raubkunst in den eigenen Beständen ausfindig zu machen und an die jüdischen Familien zurückzugeben. Andererseits gibt es im Bomann-Museum ein Miniatur-Bildnis, das 1938 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde. Doch in diesem Fall verweigert das Museum die Restitution an die früheren Besitzer.

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Die Miniatur der Tansey Miniatures Foundation stammt aus dem späten 18. Jahrhundert.

Juliane Schmieglitz-Otten öffnet eine Vitrine mit kleinen, goldgerahmten Bildern. Vorsichtig hebt die Kuratorin der Miniaturen-Sammlung im Celler Bomann-Museum ein ovales Porträt in die Höhe und legt es auf den Tisch. Das Bildnis aus dem späten 18. Jahrhundert zeigt eine hübsche junge Dame. "Sie trägt ein Blatt in der Hand, auf dem sie mit einer Feder gerade 'à toi' notiert hat, also 'für dich'", sagt Schmieglitz-Otten. "Das heißt, es ist mit Sicherheit ein Geschenk an einen geliebten Menschen gewesen. "

Miniatur gehörte ursprünglich Familie aus Wien

Vor vier Jahren bekam die Museumsfrau einen Brief aus London. Anne Webber von der Commission for Looted Art schrieb ihr, dass die Miniatur früher der Familie Jellinek aus Wien gehörte. "Die Familie ist 1938 enteignet worden", erklärt die Kuratorin. "Das heißt, man hat ihre persönliche Sammlung und ihr Vermögen konfisziert. Und Teile dieser Sammlung sind 1941 versteigert worden."

Sammlerin Tansey wusste nichts von der Herkunft

Von all dem wusste Lieselotte Tansey nichts, als sie das Bildnis 40 Jahre später auf einer Auktion bei Christie's kaufte. Die vermögende Kunstliebhaberin aus Celle ersteigerte das Porträt für ihre Miniaturen-Sammlung. "Und da sie sich immer sehr ihrer Heimatstadt verbunden fühlte, hat Frau Tansey schon früh entschieden, dass sie gerne möchte, dass diese Sammlung hier in Celle bleibt. Und hat aus diesem Grund noch zu Lebzeiten die Sammlung in eine Stiftung überführt", erklärt Schmieglitz-Otten.

Vertrag regelt Präsentation im Bomann- Museum

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Das Museum darf die Miniaturen aus der Tansey Miniatures Foundation präsentieren, hat aber ansonsten kaum Mitspracherechte.

Damals wurde auch ausgehandelt, dass die Miniaturen im Bomann-Museum präsentiert werden. Der Vertrag räumt den Museumsmitarbeitern allerdings kaum Mitspracherechte ein, wenn es um die Sammlung unter ihrem Dach geht. Als der Brief der Raubkunstkommission aus London eintraf, war die Stifterin 95 und gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ihre Post zu lesen. "Ich weiß gar nicht, wie sie reagiert hätte", sagt Schmieglitz-Otten. "Möglicherweise hätte sie persönlich ganz anders entschieden."

Stellvertretend für die erkrankte Stifterin entschied der damalige Rechtsanwalt der Tansey Miniatures Foundation über das Ersuchen. Die Kuratorin und der Museumsdirektor plädierten für eine Rückgabe an die Familie. Doch der Jurist schickte er den Jellinek-Nachkommen eine Absage: "Und zwar vor dem Hintergrund, dass es privat von Frau Tansey erworben worden ist - und tatsächlich im absoluten Unwissen der Geschichte dieses Objektes", sagt Schmieglitz-Otten.

Private Stiftungen nicht an Washingtoner Erklärung gebunden

Juristisch betrachtet, ist die Entscheidung vertretbar. Anders als öffentliche Einrichtungen sind private Stiftungen nicht an das Washingtoner Abkommen über die Rückgabe jüdischen Eigentums gebunden. Anne Webber von der Commission for Looted Art in London sieht jedoch die Museumsleitung in der Pflicht. Der Direktor könnte sagen: Wir sind entschlossen, Raubkunst zu restituieren, also stellen wir unter unserem Dach keine Privatsammlung aus, die die Rückgabe eines belasteten Kunstwerks verweigert", sagt Webber. Direktor Jochen Meiners will jedoch wegen eines "Einzelfalls" - wie er die verweigerte Rückgabe nennt - die Zusammenarbeit mit der Stiftung nicht aufkündigen.

Grütters fordert mehr Engagement

Dennoch wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf: Sollten für eine Kunstsammlung, die in einem öffentlichen Museum gelagert, ausgestellt und erforscht wird, nicht die selben Restitutionsregeln gelten wie für das Mutterhaus? Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) fordert seit Langem mehr Engagement von Privatsammlern und Stiftungen. "Die historische und moralische Verantwortung für die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs", erklärte sie, "liegt nicht allein beim Staat und seinen Institutionen".

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NDR Info | Kultur | 17.08.2019 | 11:55 Uhr