Stand: 08.11.2018 11:17 Uhr

NS-Raubkunst: Enkel erhält Silberbecher zurück

von Silke Lahmann-Lammert
Michael Hayden und seine Cousine Diana Kanter (Mitte) nehmen den silbernen Kidduschbecher entgegen. Ganz links: Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, rechts daneben die Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe, Sabine Schulze.

Der Kaufmann Max Raphael Hahn war ein wohlhabender und angesehener Bürger Göttingens. Bis die Nationalsozialisten ihm alles nahmen: sein Haus, seine Sammlung ritueller Silberobjekte und schließlich sein Leben. Ein Großteil der Stücke ist bis heute verschollen. Zumindest ein Objekt, ein Kidduschbecher, konnte jetzt in den Beständen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe aufgespürt werden. Mittwochnachmittag gab Kultursenator Carsten Brosda den Kelch seinen rechtmäßigen Besitzern zurück.  

"Becher stellt zerstörte Verbindung wieder her"

Es dauert eine Weile bis Kultursenator Brosda, Sabine Schulze, die Museumsdirektorin, und Michael Hayden, der Enkelsohn von Max Raffael Hahn, alle Ausführungen des Rückgabevertrags unterschrieben haben. Dann nimmt Michael Hayden den Kiddusch-Pokal aus der Judaika-Sammlung seines Großvaters entgegen. Für den Genforscher aus Kanada hat der kleine Silberbecher enorme Bedeutung. "Jeder Gegenstand, der meinem Großvater wichtig war, erzählt mir von ihm und meiner Großmutter", sagt Hayden. "Auf gewisse Weise stellt dieser Becher die zerstörte Verbindung zu den beiden wieder her."

Silberbecher ist eines von 150 verschollenen Stücken

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Wichtig für ihn sei nicht der Wert des Bechers, sagt Michael Hayden, sondern die Bedeutung für die Familie.

In seiner Dankesrede wendet sich Michael Hayden insbesondere an die Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe, Sabine Schulze, und an Silke Reuther, die als Wissenschaftlerin die Bestände auf Raubkunst prüft. "Die Überzeugung, mit der Sie fundamentale Forschungsarbeit leisten, beeindruckt mich ebenso wie Ihre Entschlossenheit, Gerechtigkeit herzustellen und Vergangenheit zu würdigen, um eine bessere Zukunft aufzubauen", sagt der Enkel von Max Raffael Hahn.

Der Kidduschbecher mit Motiven aus der alttestamentarischen Jakobsgeschichte ist nur eines von 150 verschollenen Stücken aus der Sammlung seines Großvaters. "Wichtig für mich ist nicht sein Wert, sondern die Bedeutung des Bechers für die Familie", erklärt Hayden.

Suche begann 2007

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"Das Symbol dafür, dass wir gegen alle Widerstände überlebt haben", sagt Michael Hayden.

Möglich wurde die Rückgabe nur, weil Michael Hayden 2007 in einer Kiste, die er von seinem Vater geerbt hatte, Fotografien und Dokumente seiner Großeltern fand. Darunter Aufzeichnungen über ihre Judaika-Sammlung. Hayden engagierte Übersetzer und Wissenschaftler und machte sich auf die Suche. Nicht nur in Göttingen, sondern auch in Hamburg, dem letzten Wohnort seiner Großeltern, bevor sie von den Nationalsozialisten ermordet wurden. "Ich versuche herauszufinden, wer ich bin. Und wer sie waren", erzählt Hayden. "Damit möchte ich nicht nur meinen Großeltern, ihre Geschichte und ihr Gesicht zurückgeben, sondern auch anderen Juden, deren Leben  brutal beendet wurde. Der Becher meines Großvaters ist für mich auch das Symbol dafür, dass wir gegen alle Widerstände überlebt haben." 

Die Offenheit, die er in Hamburg und besonders im Museum für Kunst und Gewerbe erlebt habe, lasse ihn mit positiven Gefühlen nach Kanada zurückkehren, bilanziert Michael Hayden seine Erfahrungen: "Ich habe in Deutschland eine viel größere  Bereitschaft erlebt, sich offen und ehrlich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen als in anderen Ländern. Und das gibt mir große Hoffnung."

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