Stand: 18.10.2018 14:45 Uhr

Kleine Museen und die Frage nach der Provenienz

von Leonore Lötzsch

An großen Museen ist die Provenienzforschung längst etabliert, aber was ist mit den vielen kleinen Museen, die mitunter sogar ehrenamtlich geführt werden? In Mecklenburg-Vorpommern ist gerade das Projekt "Erst-Check" beendet worden.

"Die Leute haben ja immer die Vorstellung: Da haben wir ein Gemälde, dann drehen wir das um und dann wissen wir: oh, oh, oh - heiße Ware!", sagt Reno Stutz, der mit seiner Kollegin Anne Paschen vor zwei Jahren das Projekt des Landesmuseumsverbands gestartet hat. Insgesamt haben zwölf Museen den "Erst-Check" durchlaufen. Dabei gab es zunächst die Schwierigkeit, die Museen zu überzeugen, ihre Türen überhaupt zu öffnen. 50 Museen haben sie angeschrieben.

Recherchen zur Stadtgeschichte

Das Thema sei nicht von allen mit Herzlichkeit und Offenheit behandelt worden, sagt Stutz: "Das ist auch verständlich, denn Provenienzforschung heißt ja erst mal, dass wir Einblicke nehmen in das Intime. Wir wollen relativ viel wissen, wir wollen vor allem auch zu einer heiklen Zeit viel wissen: 1933 bis 1945."

Ein alter, zugestaubter Tisch mit Schubladen in einem Keller in einer Schule in Melle. © NDR Foto: Jörg Holzapfel

Provenienzforschung in Heimatmuseen

NDR Kultur -

An großen Museen ist die Provenienzforschung längst etabliert, aber was ist mit den vielen kleinen Museen, z.B. in Mecklenburg-Vorpommern, die mitunter sogar ehrenamtlich geführt werden?

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Bei den stadtgeschichtlichen Museen von "A" wie Anklam bis "W" wie Wismar, die sich schließlich beteiligten, begannen die beiden Kunsthistoriker erst einmal mit Recherchen zur Stadtgeschichte: Gab es eine jüdische Gemeinde in dem Ort? Wie groß war sie? Gab es Kommunisten, Gewerkschaften, Freimaurerlogen? In Wismar wurden sie fündig. Dort wurden die beiden Freimaurerlogen 1935 "freiwillig" zwangsaufgelöst.

In Wismar habe es den interessanten Fall eines gewissen Herrn F. Gramm gegeben, erzählt Stutz: "Der hat 1969 dem Museum zu DDR-Zeiten 16 Objekte der Freimaurer verkauft. Wir wissen, dass sie unrechtmäßig entzogen wurden. Wir wissen aber nicht, welche Rolle dieser Gramm dabei spielte, möglicherweise hat er sie gerettet, übernommen, geerbt. Das ist ein Fall, den man schon mit einer Tiefenrecherche aufdecken muss."

Kaum Inventarlisten vorhanden

Als besondere Schwierigkeit bei den Recherchen vor Ort erwies sich, dass die früheren oft ehrenamtlich tätigen Museumsleiter in Demmin, Anklam und Pasewalk keine Inventarlisten schrieben. Ihre Findbücher hatten sie im Kopf. In Stralsund aber hätten die beiden Museumsdetektive die umfangreiche Korrespondenz des ehemaligen Direktors Dr. Adler einsehen können, berichtet Stutz: "Wir konnten aufgrund des Hausarchivs nachweisen, dass Herr Adler geradezu ein Netzwerk mit unheimlich vielen Kunsthändlern im gesamten Deutschen Reich besaß, sich regelmäßig Angebote machen ließ, einschließlich Gurlitt, und auch aufgekauft hat." So sei der Verdacht doch relativ groß ist, dass Objekte, die jetzt in Stralsund scheinbar ohne Vita daliegen, doch aus unlauteren Herkünften dorthingelangt sein könnten.

Ungewisse Herkunft von Schiffsmodellen

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Kapitänsbild von 1849, Rostocker Walfänger "Polarstern", Maler unbekannt (Öl auf Leinwand) zusehen im Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum in Rostock.

Bei drei der zwölf Museen des "Erst-Checks" empfehlen die Kunsthistoriker eine Tiefenrecherche. Dazu gehört auch das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum in Rostock. Und das verwundert auf den ersten Blick, denn das Museum entstand erst in den 1960er-Jahren. Doch man rief damals in der ganzen DDR dazu auf, Objekte an das neue Museum in Rostock zu schicken. Katrin Möller ist die heutige Leiterin des Hauses: "Die beiden Provenienzforscher haben festgestellt, dass es einen größeren Bereich gibt, der aus der Sammlung des ehemaligen Museums für Meereskunde Berlin, stammt - ein altes Reichsmuseum. Da ist schon eine sehr abenteuerliche Geschichte. Wir können die Objekte identifizieren, wir haben die alten Nummern noch."

Schiffsmodelle gehören dazu. Es sind keine Verdachtsfälle, dass die Objekte unrechtmäßig erworben wurden, ihr Weg nach Rostock allerdings, ihre Provenienz liegt völlig im Dunkeln. Und bei dieser Gelegenheit hätten die Forscher im Rostocker Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum auch Gemälde aus Stettin entdeckt, berichtet Möller: "Aus dem alten Stadtmuseum Stettin, das ja 1945 aufgegeben wurde, sind Objekte in unsere Sammlung gekommen unter anderem Kapitänsbilder. Das konnten wir an den speziellen Nummern identifizieren, die sich auf den Rückseiten der Objekte befinden. Da gab es viele Fragezeichen und eine aufwendige Recherche."

Provenienzforschung wird noch Jahre Thema sein

Katrin Möller hofft, dass mithilfe einer Förderung des Zentrums für Kulturgutverluste diese aufwendige Recherche nun auch geleistet werden kann. Sie empfiehlt den eher zögerlichen Kollegen in kleineren, stadtgeschichtlichen Museen, ihre Türen für Provenienzforscher weit zu öffnen, auch wenn es schmerzlich werden kann. Denn Geschichte ist in der Provinz immer persönlich und mit den Namen der Stadtgeschichte verbunden. Aber: "Es ist eine Aufgabe, die so selbstverständlich sein sollte für unsere Sammlungen, dass es nicht heißt: Ich kann eventuell, sondern: Ich muss! Das wird uns noch Jahre beschäftigen. "

Das Projekt

Museumsdetektive - auf den Spuren geraubter Kunst

Raubkunst gehört auch im Norden zum Bestand vieler Museen: Bilder, Möbel, ganze Sammlungen. Woher kommen die Objekte? Wo ist der Besitz von Opfern? So forschen die Ausstellungshäuser nach. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.10.2018 | 14:20 Uhr