Stand: 22.07.2019 14:24 Uhr

Benin-Bronzen: Was passiert mit der Raubkunst?

von Sven Barske
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Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt derzeit Benin-Bronzen. Die bedeutendste Sammlung solcher Kunstwerke wird derzeit jedoch nicht ausgestellt.

Raubkunst aus der Zeit des Kolonialismus, das ist zurzeit ein ganz großes Thema. Wie sind all die afrikanischen Kunstwerke und Alltagsobjekte, die in unseren Museen liegen, dort hingekommen? Bei den Benin-Bronzen ist der Fall klar: Diese Kunstwerke, die zu den wertvollsten Afrikas gehören, wurden 1897 gestohlen, als britische Soldaten den Königspalast von Benin-City im heutigen Nigeria plünderten. Eigentlich hätten sie längst zurückgegeben werden müssen. Das Hamburger MARKK, das Museum am Rothenbaum, hat eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Benin-Bronzen. Sie werden jedoch seit einiger Zeit nicht mehr ausgestellt. Was ist mit ihnen passiert und was hat das Museum weiter mit ihnen vor?

Benin-Bronzen waren vor 120 Jahren in Europa eine Sensation

Als vor mehr als 120 Jahren die ersten Benin-Bronzen nach Europa gelangten, waren sie eine Sensation: Afrika galt als geschichtsloser Kontinent. Und plötzlich hatte man bis zu 600 Jahre alte Skulpturen und Reliefs aus Metall und Elfenbein, in einer künstlerischen Vollendung, die an Werke der Renaissance erinnerte. Hamburg wurde zur Drehscheibe für den Handel dieser heißbegehrten Ware. Rund 190 Benin-Bronzen blieben hier. Bis vor Kurzem waren viele davon im MARKK zu sehen, dem früheren Völkerkundemuseum. Doch gerade jetzt, wo die Diskussion um koloniale Raubkunst lauter wird, sind sie aus der Ausstellung verschwunden. Direktorin Barbara Plankensteiner betont, dass sie die Benin-Bronzen keinesfalls verstecken will. "Klarerweise müssen sie der Öffentlichkeit gezeigt werden!", sagt sie. "Und wir werden das auch tun. Wir sind im Moment in einer Umbruchphase im Museum. Alle Ausstellungen, die Sie jetzt sehen, sind eigentlich temporären Charakters. Um wirklich eine fundierte und gute Ausstellung dieser Benin-Werke in unserer Sammlung zu planen, bedarf es intensiver Vorarbeiten."

Seit 100 Jahren fordert Königshaus die Rückgabe

Bei kaum einem Kunstwerk aus kolonialer Zeit handelt es sich so eindeutig um Raubkunst wie bei den Benin-Bronzen. Seit 100 Jahren fordert das Königshaus die Rückgabe. Plankensteiner bittet trotzdem um Geduld. "Von außen betrachtet geht es vielen nicht schnell genug", meint sie. "Aber es sind leider sehr aufwendige und umfassende Prozesse, die auch Grundfesten der Museumsarbeit betreffen. Wir sind zum Verwahren und Erhalten aufgefordert, was zu den Grundregeln der Museumsarbeit gehört. Wir sind jetzt mit dieser konkreten Situation konfrontiert, der wir auch sehr offen gegenüberstehen. Wir wollen Restitutionen ermöglichen, aber das benötigt Vorbereitungszeit."

Herkunft der einzelnen Stücke soll erforscht werden

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MARKK-Direktorin Plankensteiner lässt für jedes einzelne Stück erforschen, wo es herkommt.

Erst mal soll für jedes einzelne Stück erforscht werden, wo es herkommt. Denn einige der Stücke stammen möglicherweise gar nicht aus dem Palast, glaubt Plankensteiner. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Großteil der Dinge als Nachfolgewirkung der Besetzung der Stadt Benin und der Zerstörung des Königspalastes zu uns gelangt sind. Trotz allem muss man sich sicher sein, dass man die richtigen Dinge an die richtigen Personen zurückgibt."

Kolonial-Historiker Zimmerer fordert sofortige Rückgabe

Der Kolonial-Historiker Jürgen Zimmerer hält das für den falschen Weg. Eine sofortige Eigentumsübertragung der Benin-Bronzen nach Nigeria sei ein Gebot der historischen Gerechtigkeit. Mindestens 95 Prozent entsprechender Kunstwerke in westlichen Museen stammten aus der Plünderung von 1897. Einzelne Stücke kommen dem Historiker zufolge vielleicht aus den Haushalten hochrangiger Adeliger oder aus den Bronzegießer-Gilden. Dies im Einzelnen zu klären sei Aufgabe der Nigerianer oder einer unabhängigen internationalen Stiftung, etwa der Unesco. Deutsche Museen sollten jeden Eindruck vermeiden, sie würden auf Zeit spielen, bis das öffentliche Interesse an der Frage wieder abflaut.

Zumindest zwei Benin-Bronzen sind derzeit aber in Hamburg zu sehen: Im Museum für Kunst und Gewerbe - in der Dauerausstellung "Raubkunst?".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.07.2019 | 19:00 Uhr