Stand: 28.09.2020 09:45 Uhr

Uraufführung von "Vor dem Sturm" bei den Kunstfestspielen

Die Theatergruppe KrügerXweiss hat mit "Vor dem Sturm" bei den Kunstfestspielen Herrenhausen in Hannover Uraufführung gefeiert. Das Stück nimmt das Publikum mit in die Geschichte. Das Stück nimmt das Publikum mit auf eine einsame Hallig, wo die Bewältigung der deutschen Vergangenheit in dem Mittelpunkt steht.

von Agnes Bührig

Fahnen der Kunstfestspiele Herrenhausen vor dem Anzeiger-Hochhaus © imago images / imagebroker Foto: -
Kunstfestspiele Herrenhausen finden statt - aber anders als erhofft.

In der Orangerie von Schloss Herrenhausen steht in der Mitte ein hausartiger Kubus auf der Bühne. Darauf wird ein Video mit Wellengang der Nordsee gezeigt. Drumherum stehen an allen vier Seiten Bänke, deren Sitzplätze mit schwarzen Augenbinden ausgestattet sind. Dann ergeht die Aufforderung, die Augen zu bedecken. Von hinten werden einem Kopfhörer auf die Ohren gesetzt. Eine Frauenstimme bereitet das Publikum auf eine Reise in die Vergangenheit vor. 

Die Vergangenheit, sie lässt die Erzählung eines blinden Richters, Jahrgang 1946, wiederaufleben. Im Gespräch mit einer Frau berichtet er von dem Schweigen, das nach dem Krieg zwischen ihm und seinen Eltern stand. Eine Wortlosigkeit, die sich während der Studentenproteste der 68er-Generation wiederholte.

Mehr als ein Hör-Stück

Das Theaterensemble KrügerXweiss interessiert sich vor allem für politische Stoffe. Diesmal will es aufzeigen, dass es in Deutschland ein strukturelles Problem mit Antisemitismus und Rassismus gibt, sagt Marie-Luise Krüger vom Regie-Team: "Der NSU hat gezeigt, dass diese Erzählung der erfolgreich aufgearbeiteten NS-Vergangenheit ein Märchen ist. Dass das in den Institutionen nicht der Fall war, dass das vor allem in den Geheimdiensten nicht der Fall ist, wenn da auf einmal irgendwelche Akten verlorengehen. Und jetzt sind wir ja weiterhin in der Situation."

Im Theaterstück wird das Schweigen durch minutenlang eingespielte Geräusche erfahrbar. Darunter sind Meeresrauschen und Möwenschreie des fiktiven Ortes auf einer Hallig in der Nordsee. Aber auch das Geräusch eines fahrenden Zuges. Es ist das Hörbild, das der blinde Richter bei der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beschreibt.

"Vor dem Sturm" erschafft innere Räume

Dass zwischendurch auch Wind erzeugt wird und winzige Tröpfchen salzigen Wassers fallen, macht, dass "Vor dem Sturm" mehr als ein Hörspiel ist. Doch nicht nur deshalb, sagt Christian Weiß vom Regie-Team: "Was für uns schon wichtig ist, ist die Anwesenheit der Zuschauerinnen und Zuschauer, weil wir trotzdem Theater machen, weil wir die Präsenz der Zuschauerinnen und Zuschauer haben."

Mit dem Video einer Fahrt über Schienen auf einer Hallig endet das Stück. Nach etwa eineinhalb Stunden legen die Zuschauerinnen und Zuschauer Augenbinde und Kopfhörer ab und verabschieden sich aus den inneren Räumen, die das Stück in ihnen erschaffen hat. Räume, die mal emotional, mal dokumentarisch einschneidende Epochen der deutschen Geschichte erfahrbar machen und beeindruckend vermitteln, wie ein Mensch ohne Augenlicht sieht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.09.2020 | 06:40 Uhr