Stand: 12.08.2020 13:40 Uhr  - NDR Kultur

Sprengel Museum stellt vergessenen Schatz aus

von Anette Schneider

Künstler der russischen Avantgarde, etwa Alexander Rodtschenko oder die Gebrüder Stenberg, entwickelten in den 1920er-Jahren eine völlig neue Vorstellung von Filmplakaten. Das Sprengel Museum Hannover zeigt jetzt erstmals fast vierzig dieser kostbaren, nur selten überlieferten Blätter der revolutionären Künstler aus seinem Bestand. Wobei die Geschichte, wie die Werke nach Hannover gekommen sind, ebenso faszinierend ist, wie die Plakate selbst.

Filmplakat zu Sergey M. Ėjzenštejn "Bronenosec Potemkin" © Anton Lavinskj Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum
Filmplakat zu Sergey M. Ėjzenštejn "Bronenosec Potemkin" (Panzerkreuzer Potemkin) - designt von Anton Lavinskj (UdSSR, 1925).

Fotocollagen, Bilder in rasanten An- und Ausschnitten, leuchtende Farben: Wo man auch hinguckt herrscht Bewegung, Dynamik, Aufbruch. In den 1920er-Jahren warben revolutionäre Künstler mit solchen Plakaten für das Kino: für experimentelle Filme, Slapstick, Melodram und Abenteuergeschichten. Vor allem aber für Revolutionsfilme, wie etwa Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" oder "Oktober".

Filme, die die Menschen aufklären wollten und für den Aufbau einer neuen Gesellschaft mitreißen sollten. "Gerade der Film ist in der Sowjetunion wahnsinnig populär gewesen", sagt Kuratorin Karin Orchard. "Über die ganze UdSSR hat sich ein Netz von Kinos und mobilen Kinoanlagen gespannt, wo dann die Filme gezeigt wurden und natürlich auch beworben werden mussten."

Der vergessene Schatz

Doch weil die Plakate auf Häuserwänden und Zäunen klebten, gingen sie schnell kaputt. So bilden die jetzt ausgestellten 37 Blätter aus dem Bestand des Sprengel Museums einen ziemlich einzigartigen Schatz. Doch woher kommt der eigentlich?

"Das war eine ganz schöne Forschungsarbeit, das herauszufinden", schildert Orchard. "Das ganze Konvolut ist wohl schon Anfang der 80er-Jahre ins Museum gekommen und dann aber vergessen worden". So lag eine Papierrolle mit etlichen Plakaten und architektonischen Zeichnungen in einer Ecke und verstaubte - bis Karin Orchard sie bei der letzten Inventur entdeckte und ihren Augen kaum traute: "Es sind ganz prominente Werke dabei: von Rodchenko, von Lawinsky, von den Stenberg-Brüdern - ganz markante Plakate. Das war natürlich eine richtig schöne Entdeckung."

Kuratorin Olchard auf Spurensuche

El Lissitzky © Carl Scholz Foto: Carl Scholz
El Lissitzky in Köln 1928 - der russische Avantgardist arbeitete unter anderem auch mit Kurt Schwitters zusammen.

Seitdem beschäftigte die Kuratorin die Frage, wie die Rolle überhaupt zum Sprengel Museum kam. Schnell stieß sie bei ihren detektivischen Forschungsarbeiten auf den Künstler El Lissitzky. Der hatte zwischen 1926 und 1928 in Hannover gearbeitet. 1928 tauchte er auch in Köln auf. Dort entwickelte er mit 50 sowjetischen Künstlern den Pavillon der UdSSR für die Ausstellung "Pressa" über das Internationale Pressewesen. Dort arbeitete er auch mit einem Architekten aus Berlin zusammen, der später an Sophie Lissitzky-Küppers in einem Brief schrieb: "Die Rolle Plakate schicke ich Ihren Angaben gemäß nach Hannover".

Präsident der Kestnergesellschaft holte die Plakate nach Hannover

Als Adressaten machte Karin Orchard Alexander Dorner ausfindig, den damaligen Leiter des Provinzialmuseums und der Kestnergesellschaft. "Der legte zu der Zeit eine Sammlung vorbildlicher Plakate an und korrespondierte mit Sophie Lissitzky Küppers, dass ihre Preise für die sowjetischen Plakate ein bisschen hoch seien, und ob er sich das überhaupt noch leisten könne", schildert die Kuratorin. "Leider ist diese Sammlung im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die Werke, die wir hier noch haben, scheinen der letzte Rest dieser Sammlung zu sein."

Karin Orchard veranschaulicht ihre aufwendigen Forschungen in vier Vitrinen mit historischen Fotos, Briefen, Vorträgen und Werbematerialien von der "Pressa". Sie zeigen die Spuren, die allmählich das Rätsel um den kostbaren Fund lösten. Dieser hängt nun bis zum 15. November an den Wänden des Sprengel Museums: Gerettet Dank eines innovativen Museumsmannes wie Alexander Dorner, der das Sammeln von Plakaten für wichtig erkannte, und der intensiven Forschung von Karin Orchard.

Sprengel Museum stellt vergessenen Schatz aus

Das Sprengel Museum hat in seinem Bestand einen vergessenen Schatz mit Werken von Künstlern aus der russischen Avantgarde gefunden. Bis zum 15. November werden die Werke ausgestellt

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 16 84 38 75
E-Mail:
Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt 4 Euro.
Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag: 10 bis 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Hinweis:
An allen Tagen ist der Eintritt für Kinder bis zwölf Jahre frei. Freitags auch für Erwachsene.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 12.08.2020 | 10:20 Uhr