Stand: 28.05.2019 13:45 Uhr

Sprengel Museum feiert Schwitters' Merz-Kunst

von Agnes Bührig

Kennen Sie "Merz", den letzten Teil des Wortes Kommerz? Vor 100 Jahren erklärte Kurt Schwitters "Merz" zum Markennamen für seine Kunst, die alles andere als kommerziell war, denn der Hannoveraner war ein Meister der Wiederverwertung: Fundstücke des Alltags kombinierte er in Collagen, machte sie zum Kunstwerk - genreüberschreitend oder crossmedial, wie es neudeutsch heißt. Daran erinnert jetzt die Ausstellung "100 Jahre Merz. Kurt Schwitters. Crossmedia" im Sprengel Museum Hannover.

Kunstwerke aus der Ausstellung "100 Jahre Merz"

Kurt Schwitters arbeitete crossmedial

Kurt Schwitters wurde 1887 in Hannover geboren. 1937 flüchtete er vor den Nazis nach Norwegen, dann nach England.

Kurt Schwitters hat Laute gefunden - und in Form gebracht: Er liest in der Ausstellung die "Ursonate", jene berühmte Lautdichtung, die in der Schau erstmals auch in Notenschrift präsentiert wird - in verschiedenen Versionen seit den 1920er-Jahren. Ein Hauptwerk des Hannoveraners, an dem sich die crossmediale Arbeitsweise zeige, sagt Isabel Schulz, Leiterin des Kurt-Schwitters-Archivs am Sprengel Museum. "Dabei ging es vor allem um den Gedanken, die Laute und die Sprache auf das Wesentliche zu reduzieren - also genau auf die Grenze zwischen den verschiedenen Gattungen Dichtung und Klang, Musik und Sprache und Abstraktheit. Und somit das Bewusstsein für den Umgang mit der Sprache zu erneuern."

Mehr als 200 Exponate verschiedenster Kunstgattungen

Literatur, Musik, Typografie, bildende Kunst und Performance - sie führte Kurt Schwitters in seinem Werk in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Die verschiedenen Kunstgattungen spiegelt die Ausstellung in einer Art Parcours mit über 200 Exponaten. Sie reichen von den berühmten Montagen aus Fundstücken über Collagen mit Anleihen an Dadaismus und Konzeptkunst bis hin zu Plastik und Notenblatt.

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Literatur, Musik, Typografie, bildende Kunst und Performance - alle die von Kurt Schwitters verwendeten Kunst-Formen gibt es in der Ausstellung zu sehen.

Eine Entdeckung ist die Zeitschriftenreihe "Merz" mit 17 Ausgaben, in der Kurt Schwitters seine Arbeitsweisen und künstlerischen Interessen veröffentlichte - und sich international vernetzte, wie Kuratorin Katrin Kolk erläutert. "Wenn man sich die europäischen oder auch internationalen Avantgarde-Zeitschriften dieser Zeit anschaut, war die Reihe 'Merz' bei Weitem nicht das einzige Magazin, in dem Schwitters auftaucht. Wenn man allein schaut, in wie viele Sprachen allein Schwitters 'An Anna Blume'-Gedichte übersetzt wurde. In der Ausstellung haben wir beispielsweise eine bulgarische Zeitschrift aus den 20ern, in der wir eine bulgarische Übersetzung von 'Anna Blume' finden. Das ist ein Künstlernetzwerk, das sich da vor uns aufspannt."

Schwitters suchte nach neuen Formen

1919 entstand Kurt Schwitters' berühmtes Gedicht "An Anna Blume", eine Suche nach neuen Formen im Jahr eins nach Ende des Ersten Weltkriegs - und auch heute in Zeiten wachsenden Rechtspopulismus wieder hochaktuell, sagt Isabel Schulz. Schließlich gehe es bei der Erweiterung des Kunstbegriffs immer wieder um individuelle künstlerische Freiheit bei gleichzeitiger Toleranz des Andersdenkenden - heute wie damals bei Kurt Schwitters. "Das war nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches nicht selbstverständlich", so Isabel Schulz. "Es waren nach wie vor die Revisionisten da, die Hurra-Patrioten, die Nationalisten. Damals - so glaube ich - war es gesellschaftlich sehr wichtig, dass sich sofort internationale Künstler zusammentaten, die die gleichen Gedanken und Hoffnungen hatten, um eine neue Welt zu bauen."

Kurt Schwitters - der Dada-König aus Hannover

Kurt Schwitters, am 20. Juni 1887 in Hannover geboren, war die die zentrale Figur des "Hannover-Dada". Furore machte vor allem seine ganz eigene Kunst, die er mit dem Wort "Merz" bezeichnete - einer Silbe, die er aus dem Wort "Commerzbank" herausgeschnitten hatte. Die Eroberung der Alltagswelt durch die Kunst und die Ausweitung der Kunst auf das Banale - das waren wesentliche Eckpunkte seines ureigenen Kunstkonzeptes.

Auch als Literat lebte Schwitters sich aus. "Fümms bö wö tää zää Uu", so beginnt seine "Ursonate", ein Lautgedicht, an dem sich bis heute die Geister scheiden. Mit seinem spöttisch-romantischen Gedicht "An Anna Blume" erlangte er Weltruhm. Als Werbegag hing es einst an Hannovers Litfaßsäulen. Der Autor war schlagartig in aller Munde, es gab einen regelrechten Anna-Blume-Kult.

Wegen seiner Nähe zu den Dadaisten galt Schwitters bereits in den 20er-Jahren auch als Bürgerschreck. Die Nationalsozialisten diffamierten sein Werk als "entartete Kunst". Im Jahr 1937 folgte er seinem Sohn, der nach Norwegen geflüchtet war, später gingen beide nach England. Im Exil schlug sich der Künstler als Porträt- und Landschaftsmaler durch. Er starb im Jahr 1948 in Nordengland.

Interview

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Vor 100 Jahren erklärte Kurt Schwitters "Merz" zum Markennamen für seine Kunst. Das Sprengel Museum Hannover erinnert mit einer Schau an seine genreüberschreitenden Collagen.

Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 168 438 75
E-Mail:
Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
Preis:
7 Euro (ermäßigt 4 Euro), freitags freier Eintritt
Öffnungszeiten:
Dienstag: 10 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Anmeldung:
Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.05.2019 | 06:40 Uhr