Sonderausstellung "GastArbeiter!?" startet in Lübeck

Stand: 25.06.2021 12:44 Uhr

Im Lübecker Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk beginnt die Sonderausstellung "GastArbeiter!?" Anlass ist der 60. Jahrestag des "Anwerbeabkommens" mit der Türkei. Ein Gespräch mit der Kuratorin Bettina Braunmüller.

Sonderausstellung "GastArbeiter!?" im Industriemuseum Lübeck © Industriemuseum Lübeck
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Frau Braunmüller, was hat eigentlich vor 60 Jahren dazu geführt, dass ein Anwerbeabkommen über Arbeitskräfte mit der Türkei abgeschlossen werden musste?

Bettina Braunmüller: Das hat den Grund gehabt, das Deutschland im Wirtschaftswunder - ähnlich wie heute auch - einen enormen Mangel an Fachkräften und an Arbeitskräften überhaupt hatte. Diesen Bedarf konnte man nicht alleine aus der deutschen Bevölkerung stillen und schaute sich erst einmal in der näheren Umgebung um. Man schloss Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien, und 1961 kann schließlich auch die Türkei dazu.

Wie ist man mit diesen Fremden umgegangen?

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Arbeitsmigrantin Sook Ja Lee-Gebauer aus Korea sitzt im Industriemuseum Herrenwyk in Lübeck und lächelt in die Kamera. © NDR

Ausgrenzung, Akzeptanz, Zugehörigkeit: Gastarbeiter berichten

Sie haben ihr Heimatland verlassen, um in Deutschland zu arbeiten. In einer Lübecker Ausstellung erzählen Menschen ihre Geschichten. mehr

Braunmüller: Das ist sehr unterschiedlich gewesen. Es gibt sehr rosige Erfahrungen und sehr schlimme Erfahrungen. Die, die als erste gekommen sind, die "exotisch" waren wie etwa die Spanier, die sind sehr freundlich aufgenommen worden, weil man diese positiven Klischees im Kopf hatte: Ein Spanier ist feurig, temperamentvoll, spielt Gitarre, tanzt Flamenco. Sobald aber die Gruppe anfing, größer zu werden und das nicht mehr exotisch ist, sondern man das Gefühl hat, dass das eine Präsenz in der Stadt ist, dann ist das sehr stark umgeschlagen hin zu einer Ablehnung. Zum Beispiel hatten wir in Lübeck Schilder in den Geschäften und Lokalitäten, wo draufstand: "Zutritt für Hunde und Italiener verboten". Es hat den Anschein, wenn die Leute frisch ankommen, dann ist es exotisch und aufregend - und je größer die Gruppe wird, desto schwieriger wird es. Und als es schließlich auch mit der Türkei Gruppen gab, die noch nicht mal aus dem christlichen Kulturkreis kamen, da wurde die Ablehnung besonders groß.

Sie ging es denjenigen, die hierher gekommen sind, mit solchen Reaktionen?

Braunmüller: Sie waren natürlich schockiert, aber die meisten hatten die Bedenken, wieder zurück nach Hause geschickt zu werden. Und zu Hause erwartete sie nicht unbedingt das Beste: Viele junge Italiener sind zum Beispiel vor dem Militärdienst in Italien geflohen, und die hatten Angst, wenn sie sich in Deutschland schlecht benehmen oder zur Polizei gehen, dass sie dann selber Gefahr laufen, abgeschoben zu werden. Deswegen haben sie sehr viel "eingesteckt" sehr viel mit sich machen lassen. Aber es gab auch sehr positive Erfahrungen, die uns geschildert wurden. Das Bild ist sehr durchwachsen.

Schon im Wort "Gastarbeiter" steckt das Wort "Gast". Ist deshalb an Integration nie gedacht worden, weil man angenommen hat, dass sie sowieso bald wieder weg sind?

Braunmüller: Genau. Das ist der Grundgedanke, dass der Gast eigentlich gastfreundschaftlich willkommen geheißen wird. Das ist in dem Fall nicht wirklich passiert. Die meisten Gastarbeiter, die hier ankamen, waren meistens alleinstehende junge Männer, die erst mal in Baracken oder größeren Wohnheimen untergebracht wurden. Sechs Leute in einem in einem 13-Quadratmeter-Zimmer in Stockbetten - das ist nicht unbedingt schön. Deswegen ist der Begriff "Gastarbeiter" schon in den 70er-Jahren von Soziologen sehr stark kritisiert worden: So geht man nicht mit Gästen um. Andererseits ist der Begriff auch falsch, weil aus den Gästen schließlich Einwanderer wurden, die hier geblieben sind.

VIDEO: Generationenkonflikt in Gastarbeiterfamilien (9 Min)

Mit vielen von ihnen haben Sie gesprochen. Was haben Sie für einen Eindruck gewinnen können?

Braunmüller: Wir sind sehr überrascht worden. Erst einmal war die Hemmschwelle der Gastarbeiter sehr hoch, sich bei uns zu melden. Sie hatten die Angst, als Migranten diesen Stempel aufgedrückt zu kriegen. Es hat sehr viel Vertrauensarbeit gebraucht, damit sich die Leute uns gegenüber geöffnet haben. Es hat uns auch sehr überrascht, was es für Motivationen gab. Der Stereotyp, den der Deutsche vom "Gastarbeiter" hat, ist ein ungebildeter Türke, der hierher kam, um das große Geld zu machen. Was viele nicht sehen, ist, dass es auch Gastarbeiterinnen gab, dass die meisten Leute nicht hierher gekommen sind, um das große Geld zu machen, sondern dass dahinter ganz andere Beweggründe steckten. Einer war zum Beispiel schwerster Epileptiker und hatte in Spanien kein gutes Gesundheitssystem. Er hat gesagt, in Spanien wäre er längst tot gewesen. Viele sind auch in Spanien vor der Franco-Diktatur geflohen, oder viele aus Italien wollten den Verpflichtungen des Militärdienstes entgehen. Ein ganz Anderer aus Jugoslawen wollte einfach raus: Er wollte die Welt sehen, und es hätte auch Holland oder England sein können. Man hat selber diese Stereotypen im Kopf, und man sieht hier, wie wahnsinnig divers das Bild ist.

Was ist davon bei Ihnen zu sehen?

Braunmüller: Natürlich liefern wir den gesamten historischen Rahmen, wie es zu diesem Anwerbeabkommen gekommen ist, wie sie das in Lübeck auswirkt. Aber das wirkliche Herzstück der Ausstellung sind die Zeitzeugenberichte. Wir haben Interviews geführt, und jede Gastarbeiterfamilie hat ungefähr den gleichen Fragenkatalog bekommen, sodass die Interviews vergleichbar sind. Die Objekte, die man dazu sehen kann, das sind private Erinnerungsstücke: Fotos vom ersten Schnee, die ersten Begegnungen mit der deutschen Kultur oder ein nettes Foto vom ersten Vatertagsbesäufnis eines spanischen Gastarbeiters. Auch zu sehen sind Arbeitsverträge und alles, was die Leute vom Arbeitsamt oder von der Meldebehörde bekommen haben. Das haben sie alles aufgehoben. Ein wichtiger Punkt ist auch der Warentransfer: Welche Güter sind von A nach B und wieder zurück geflossen? Was hat eine türkische Gastarbeiterfamilie mitgebracht, wenn sie in die Türkei gefahren ist? Und was hat man wiederum sich aus der Türkei mitgebracht? Da sind auch einige Exponate zu sehen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Türkische Gastarbeiter 1966 © picture alliance Foto: Beynelmilel

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NDR Kultur | Journal | 25.06.2021 | 18:00 Uhr