Stand: 31.07.2017 17:31 Uhr

Künstlerkolonie mit einheimischen Talenten

von Matthias Schümann

Das Städtchen Schwaan liegt unscheinbar im mecklenburgischen Land, nicht direkt am Wasser, auch nicht in der idyllischen Seenlandschaft, ein bisschen verloren findet es sich zwischen Rostock, der größten Stadt des Landes, und dem eher beschaulichen Bützow. Dass trotzdem relativ viele Besucher den Weg nach Schwaan finden, liegt an der Kunstmühle mitten im Ort. In der alten Wassermühle befindet sich ein Museum, das sich der Geschichte Schwaans als Künstlerkolonie widmet.

Regionale Talentförderung

Museumsdirektor Heiko Brunner durchquert mehrere Ausstellungsräume in der Kunstmühle Schwaan und bleibt dann vor einem mittelgroßen Gemälde stehen.

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Museumsdirektor Heiko Brunner steht vor dem Kunstmuseum der Stadt Schwaan, das sich im Gebäude der alten Wassermühle befindet. Am 26. Oktober 2002 wurde das Kunsthaus eröffnet.

Es zeigt eine Lichtung mit Bäumen im Hintergrund und vorn ganz viel braunen Sand. Das Bild stammt von dem 1842 in Düsseldorf geborenen Landschaftsmaler Theodor Hagen. Der habe, sagt Brunner "sehr großzügig und sehr frech mit seinem Pinsel" geschwungen und diesen bei dem Boden gerade gehalten, wo er dann die waagerechten Strukturen gegen die senkrechten der Bäume setzte.

Dem frechen Pinsel von Theodor Hagen ist die große Sommerausstellung dieses Jahres in der Kunstmühle Schwaan gewidmet, die erste große Hagen-Ausstellung seit 1942. Zu sehen sind rund 60 Ölbilder und Zeichnungen, und die meisten zeigen Landschaften in Thüringen. Was diese Gegend und den Maler Theodor Hagen nun mit Schwaan verbindet, erklärt Heiko Brunner: "Sein Bezug zu Schwaan ist, dass er alle Schwaaner bei sich in Weimar unterrichtet hat. Das heißt die Schwaaner sind da zur Schule gegangen. Sie hatten die gleichen Ausgangsbedingungen und haben sich doch alle sehr individuell entwickelt."

50 Jahre Kunstgeschichte an einem Ort

Die Schwaaner, das meint zunächst einmal den Maler Franz Bunke, geboren 1857.

Franz Bunke (1857 bis 1939) ist der “Vater der Schwaaner Künstlerkolonie”. Er wuchs unter ärmlichen Verhätnissen auf, schaffte es aber dennoch an der Malschule in Weimar zu studieren, wo er 1910 den Professorentitel erhielt. Bunke verhilft der realitätsbezogenen Freilichtmalerei in Mecklenburg zum Durchbruch.

Der war Theodor Hagens Schüler an der Kunstschule Weimar. Später bekam auch Bunke dort einen Lehrauftrag und derart etabliert gründete er um 1890 seine eigene Künstlerkolonie, nämlich in seinem Geburtsort Schwaan. Dorthin nahm er Schüler und vor allem Schülerinnen mit, und er animierte zwei jüngere Maltalente, ebenfalls in Weimar zu studieren: Rudolf Bartels und Peter Paul Draewing. Beide ebenfalls gebürtige Schwaaner.

 

Der Künstler Franz Bunke malte die "Stadt Schwaan" 1928 (Öl auf Leinwand, 77 x 101 cm). © Stadt Schwaan Schwann an der Warnow © NDR Fotograf: Harald Ganswindt
Der Künstler Franz Bunke malte die "Stadt Schwaan" 1928 - und so sieht es dort heute aus etwa derselben Perspektive aus. Für einen Vergleich können Sie einfach den Schieberegler auf den beiden großen Bildern bewegen (linke Maustaste gedrückt halten oder mit dem Finger auf Smartphone/Tablet).

Die Künstlerkolonie Schwaan sei vor allem durch die Einheimischen geprägt worden, erklärt Brunner: "Wir haben hier nicht die klassische Form, bei der die Künstler von außen nach innen reinkommen, sondern hier wird das von innen nach außen getragen. Das Besondere an der Schwaaner Künstlerkolonie ist eigentlich, dass Sie 50 Jahre Kunstgeschichte an den Beispielen der Schwaaner Künstler ablesen können, nämlich von frühen Arbeiten von Bunke bis zu späten expressiven Arbeiten von Bartels oder von Alfred Heinsohn."

Von klassisch bis wagemutig

Dank einer auf rund 700 Arbeiten gewachsenen Sammlung ist dieses Spektrum in der Kunstmühle zu erleben.

Rudolf Bartels (1872 bis 1943) gehört in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Malern Mecklenburgs. Mit seiner zuweilen expressiven Malerei mit
einem Hang zur Abstraktion ging er über die klassische Landschaftsmalerei hinaus und fand schon vor 1910 den Anschluss an die klassische Moderne.

Im Erdgeschoss hängen die klassischen Landschaften, oben im zweiten Stock die etwas moderneren Werke. Rudolf Bartels' berühmte Laternenkinder, impressionistische Szenerien von Rudolf Tarnogrocki und Bilder vom wohl wagemutigsten Kolonisten, der gar kein Schwaaner war. Alfred Heinsohn, 1875 in Hamburg geboren.

Die Schwaaner Kunstwissenschaftlerin Lisa Jürß hat sich intensiv mit Heinsohn beschäftigt. "Dessen Kunst macht eigentlich die größten Veränderungen durch. Er war am Anfang auch Freilichtmaler. Diese Werke haben eher impressiven Charakter. Dann wurde er immer abstrakter, und man kann davon ausgehen, dass er wahrscheinlich Picasso gesehen hat."

Sammlung entstand schon in der DDR

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Lisa Jürß ist die Initiatorin des Kunstmuseums Schwaan. Sie arbeitete viele Jahre im Staatlichen Museum Schwerin und schon zu DDR-Zeiten begann sie für das Museum Mecklenburger Maler zu sammeln.

Nach der Wende 1989 kam das auch Schwaan zugute. "So konnten wir, als durch die Wiederentstehung der Länder das Interesse für die Künstlerkolonien plötzlich wuchs, die Traditionen wieder neu beleben. Wir konnten als Museum behilflich sein, zum Beispiel die neue Einrichtung in Schwaan mit Werken zu bestücken."

Seit ihrer Pensionierung ist Lisa Jürß als Malerin in Schwaan unterwegs. Auf die exakte Abbildung der Umgebung kommt es ihr aber nicht so sehr an. "Wenn man mich fragt, wo ist denn das, das auf den Bildern da zu sehen ist, dann sage ich: in meinem Herzen", erklärt Jürß.

Der Erste Weltkrieg zerstörte die Kunstszene

Mit dem Ersten Weltkrieg erlosch das Feuer der Schwaaner Kunstszene. Nach dem Tod von Bunke und Bartels geriet die Kolonie schließlich zunächst vollends in Vergessenheit. Eine Folgegeneration gab und gibt es bis heute nicht.

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Ohne sie würde sich heute wohl niemand mehr an die Künstlerkolonie erinnern: Lisa Jürß.

Doch Lisa Jürß holt Freunde und Mitstreiter zu regelmäßigen Pleinairs nach Schwaan. Die Künstlerkolonie mag nicht mehr aktiv sein, aber gemalt wird in Schwaan immer noch.

Das Kunstmuseum Schwaan zeigt die Maler der Künstlerkolonie in einer Dauerausstellung, Franz Bunke, Rudolf Bartels, Alfred Heinsohn und andere sind zu sehen. Die große Sommerausstellung widmet sich dem Landschaftsmaler Theodor Hagen.

Karte: Schwaan
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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.07.2017 | 10:50 Uhr

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