Stand: 30.01.2020 11:27 Uhr  - NDR Kultur

"Besessene Landschaften" im Fokus

von Gerhard Snitjer

Wenn im niedersächsischen Oldenburg das Edith-Russ-Haus eine Ausstellung zeigt, dann können Besucher in der Regel keine "leichte Kost" erwarten. Das kleine Museum wurde der Stadt in den 90er-Jahren von einer Studienrätin posthum gestiftet mit der Maßgabe, ein Haus für "Kunst im Übergang ins neue Jahrtausend" zu schaffen. Das Edith-Russ-Haus wurde zu einem Zentrum für Medienkunst. Was man dort vorfindet, ist nicht immer gefällig, manchmal sperrig, aber oft ebenso ästhetisch wie ausgesprochen politisch. So auch in der Ausstellung "Possessed Landscapes", einer Gruppenausstellung mit Werken von fünf Medienkünstlern aus aller Welt.

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"Dark Matter" - "Dunkle Materie" ist der Titel von Viktor Brims Videoinstallation, die Aufnahmen der größten Diamantenmine der Welt im südlichen Sibirien zeigt.

Der größte Ausstellungsraum wird von riesigen, düsteren, aber gestochen scharfen Videobildern beherrscht: nächtliche Ansichten aus dem südlichen Sibirien. Der Videokünstler Viktor Brim, gebürtig aus Usbekistan, zeigt hier die größten Diamantminen der Welt. Jahrzehntelang haben vor allem zwei Nutzungen diese Landschaft verwüstet, sagt er: "Zum einen Atombombentests, die unter anderem dem Diamantenabbau behilflich sein oder Flussläufe umleiten sollten, um für industrielle Zwecke dienlich zu sein. Dieser Teil der Landschaft war aber auch Abwurfgebiet für Raketenstufen, die in Kasachstan in den Weltraum geschossen worden sind. Toxischer Weltraum-Müll kontaminiert große Waldstücke."

Besessene Landschaften im doppelten Wortsinn

Die von Viktor Brim porträtierte Gegend ist ein Beispiel für die namensgebenden "Possessed Landscapes" im doppelten Wortsinn, sagt Marcel Schwierin, einer der Leiter des Edith-Russ-Hauses: "Das bedeutet zum einen 'Landschaft in Besitz', also Besitz wie Eigentum. Zum anderen aber auch 'besessene Landschaft'. Besessen im Sinne von einem Geist, der irgendetwas ist. Dieser Doppeltitel ist für die Ausstellung sehr wichtig."

Wer besitzt die Landschaft, und wovon ist sie besessen? Diesen Fragen gehen alle fünf Künstler in dieser Gruppenausstellung nach. Der Chinese Zhou Tao hat auf mehreren Kontinenten bizarre, von Menschen gemachte Orte gefilmt. "Die Menschen bauen etwas, sie kreieren etwas, sie verändern Landschaft. Und dann müssen sie sich wiederum der von ihnen selbst geschaffenen Landschaft anpassen und sich in ihr bewegen", erklärt Schwierin. Zhou Taos rund einstündiges Video ganz ohne Kommentar wirkt meditativ, exotisch und rätselhaft. "Ihn interessiert Landschaft sowohl als dokumentarisches Projekt, also etwas, was er filmt, aber auch gewissermaßen als symbolisches Projekt, als ein metaphorisches oder allegorisches Projekt über die Zukunft der Gesellschaft."

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Die Arbeit "Karikpo Pipeline" von Zina Saro-Wiwa erforscht die menschliche Umwelterfahrung in einer traumatisierten Landschaft.

Die Arbeiten von Zina Saro-Wiwa und Rachel O'Reilly führen nach Nigeria und Australien. In beiden Ländern haben westliche Industrien Landschaften in Besitz genommen, Rohstoffe ausgebeutet und die indigenen Bewohner in Armut hinterlassen. Während in "Gas Imaginary" australische Aborigine-Aktivisten in ausführlichen Video-Interviews zum Thema Fracking zu Wort kommen, werden in "Karikpo Pipeline" afrikanische Tänzer in einer kunstvollen Mehrkanal-Installation gezeigt. Zwischen zurückgelassenen Tanks und Rohrleitungen nehmen die im Niger-Delta lebenden Menschen ihre Heimat nach dem Ende der Shell-Ölförderung spirituell wieder in Besitz.

Drohnen ermöglichen Blick auf Verborgenes

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Für "Hollow" arbeitete Tanja Engelberts mit Drohnenaufnahmen, die es ermöglichen, die Tarnungstechniken zu erforschen, die die Insel als idyllisches Naturschutzgebiet darstellen.

Umweltsünden ist auch Tanja Engelberts aus Den Haag auf der Spur: Die Niederländer, sagt sie, haben immer schon künstliches Land geschaffen - seit 20 Jahren entstehen unzugängliche grüne Inseln mit kreisrunden, 40 Meter tiefen Binnenseen als Deponien für hoch giftigen Schlamm. "Die PR-Leute sagen, an den Ufern gebe es Rotwild und viele Vögel. Das sei alles gar nicht giftig, sondern nur grob verschmutzt. Ich finde das höchst verdächtig, aber immerhin durfte ich filmen", berichtet sie. Für fast alle gezeigten Video-Projekte wurden Drohnen eingesetzt. Aus Sicht dieser Künstler sind die Fluggeräte wichtige Aufklärer: Sie konnten filmen, was dem neugierigen Auge sonst verborgen oder verboten bliebe.

"Besessene Landschaften" im Fokus

Das Edith-Russ-Haus in Oldenburg zeigt Werke, die sich mit Landschaften auseinandersetzen, die aufgrund ihrer Nutzung durch Menschen grundlegend verändert wurden.

Datum:
Ende:
Ort:
Edith-Russ-Haus
Katharinenstraße 23
26121  Oldenburg
Telefon:
(0441)235 32 08
E-Mail:
info@edith-russ-haus.de
Kartenverkauf:
info@edith-russ-haus.de
Besonderheit:
Montags geschlossen
Anmeldung:
info@edith-russ-haus.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.01.2020 | 07:40 Uhr