Stand: 28.12.2019 06:17 Uhr  - NDR Kultur

Angst und Zweifel: Nasan Tur begegnet Felix Nussbaum

von Birgit Schütte

Die Werke Felix Nussbaums mit der Gegenwart verbinden: Das versucht der Künstler Nasan Tur. Der Berliner hat in großen Museen wie dem Centre Pompidou oder der Schirn Kunsthalle ausgestellt und an der Documenta teilgenommen. Zurzeit sind einige von Turs Arbeiten zwischen den Gemälden des Osnabrücker Malers im Felix-Nussbaum-Haus zu sehen.

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Werke wie "Agony" spielen in der Ausstellung mit Ängsten und Zweifeln.

Nasan Tur möchte mit seiner Ausstellung im Felix-Nussbaum-Haus mit Menschen Kontakt aufnehmen, die im Exil leben: Mit ihnen reden, sie kennenlernen und ihren Blick aus dem Fenster fotografieren. Eine Ansicht, die auch Nussbaum während seines Exils in Belgien gemalt hat, als er sich vor den Nazis versteckte.

"Für mich hat dieses Haus nicht nur mit der Vergangenheit zu tun", sagt Tur. "Für mich hat es sehr viel mit der Gegenwart und auch mit Zukunft zu tun." Was bedeute es, den Menschen das Recht zum Leben abzuerkennen, sie zu jagen und sie zu töten, fragt sich der Künstler. "Das ist etwas, was wir in unserer deutschen Geschichte ganz stark haben. Aber was auch derzeit auf der Welt immer wieder stattfindet.“

Nasan Tur lässt Ängste und Selbstzweifel spüren

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Flucht, Exil, Identität - Nasan Tur stellt immer wieder Fragen, die auch Nussbaum in seinen Werken thematisierte.

Den Brückenschlag zu Felix Nussbaum schlägt Nasan Tur auch in seinen Videos. Hier läuft ein Mann pausenlos durch enge Räume. Er ist getrieben und hat Angst vor unsichtbaren Verfolgern. Das zweite Video ist ein Selbstporträt: Der Künstler in Jeans und T-Shirt blickt in die Kamera, unbeweglich, ohne eine Gefühlsregung. Dann erkennt man, wie sich die Hose im Schritt immer dunkler färbt. Urin rinnt herunter und läuft auf den Boden - der Mann verliert die Kontrolle über seinen Körper. Das passiert in Momenten extremer Angst.

Nasan Tur hat dieses Video in der Villa Massimo, der renommierten Künstlerresidenz in Rom, aufgenommen. Für ihn war es eine schwierige Zeit. Er fühlte sich abgeschottet vom richtigen Leben, getrennt durch eine hohe Mauer mit Stacheldraht rund um die Villa. "Die Arbeit hat viel mit eigener Unsicherheit zu tun", erklärt Tur. Deutlich zu machen, dass er kein überhöhter Künstler sei, wie das die Villa Massimo darstelle, sondern ein Mensch, der am zweifeln ist und sich kritisch hinterfragt, sei für ihn wie eine Flucht nach vorne gewesen.

Schwäche und Angst lässt diese Videoaufnahme spüren. Gefühle, wie sie vermutlich auch Felix Nussbaum im Exil erlebt hat. Nussbaum war 1933 Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. Er kehrte nie mehr nach Deutschland zurück.

Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Vom Motiv in Nussbaums Bildern zum Soundobjekt: Tur zeigt, wie schnell sich eine nationale Identität auflösen kann.

Die Drehorgel spielt das Deutschlandlied, so verlangsamt und leiernd, dass man es kaum erkennt. Ein Soundobjekt, das sich auf ein häufiges Motiv in Nussbaums Bildern bezieht. Mit der leiernden Hymne weist es darauf hin, wie schnell sich eine nationale Identität auflösen kann.

Die Kuratorin Mechtild Achelwilm schätzt an den Arbeiten von Nasan Tur, dass sie immer ein starkes Gefühl auslösen: "Er schafft die Verbindung, unsere heutige Gesellschaft anzugucken und gleichzeitig auf die Geschichte zurückzublicken und zu zeigen, wo wir heute eben nicht wegschauen dürfen.“ Denn die Situation, die Nussbaum während der Verfolgung durch die Nazis erlebt hat, ist nicht Vergangenheit. Das macht Nasan Tur mit seinen Arbeiten deutlich.

Angst und Zweifel: Nasan Tur begegnet Felix Nussbaum

Der Berliner Künstler Nasan Tur lässt in einer Ausstellung im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück Ängste und Selbstzweifel aufleben und verbindet so die Vergangenheit mit der Gegenwart.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Felix-Nussbaum-Haus
Lotter Straße 2
49078  Osnabrück
Preis:
5 Euro (ermäßigt 3), Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 11- 18 Uhr
Samstag und Sonntag: 10 - 18 Uhr
Jeden ersten Donnerstag im Monat bis 20 Uhr geöffnet.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.12.2019 | 06:40 Uhr

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