Installation der Künstlerin Ilka Meyer mit zwei einander zugewandten Hochständen © Kunstverein Wolfsburg Foto: Jana Mareike Lehnert

"Lob der Distanz": Ausstellung im Kunstverein Wolfsburg

Stand: 26.05.2021 09:27 Uhr

Die Ausstellung "Lob der Distanz" im Kunstverein Wolfsburg lenkt die Blicke auf befreiende und erhellende Aspekte des Abstandhaltens. Die Gruppen-Schau kann vor Ort besucht werden.

von Janek Wiechers

Mitten im großen Ausstellungsraum des Kunstvereins im Schloss Wolfsburg stehen zwei hölzerne Hochsitze einander gegenüber, in einigen Metern Abstand. Die Installation der Künstlerin Ilka Meyer ist gleich in doppelter Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen rückt sie einen alltäglichen Gegenstand in den Blick der Besuchenden. Zum anderen darf die Skulptur nicht nur berührt, sondern ausdrücklich beklettert werden. Justin Hoffmann, der Leiter des Kunstvereins Wolfsburg, hat die Ausstellung kuratiert: "Diese Arbeit ermöglicht, dass man den Kunstverein, die Exponate, die Besucher aus einer anderen Perspektive, aus der Distanz betrachtet. Andererseits ist das Werk auch ein gewisses Sinnbild für unsere Zeit. Die Hochsitze stehen ja relativ nahe zueinander, aber man kann sich trotzdem nicht körperlich berühren. Man hat keinen direkten Kontakt."

Kunstverein zeigt Arbeiten mit Bezug zur Pandemie

In Ilka Meyers Arbeit zeigen sich die Anliegen des Ausstellungsmachers. Einerseits, die aktuelle Pandemie-Situation, die ihrerseits Distanz schafft, indirekt mit Mitteln der Kunst zu reflektieren. Andererseits aber auch ganz allgemein, die Dinge aus einer künstlerischen Distanz zu betrachten. Es sei ihm wichtig, dass das Thema weiter gefasst werde, sagt Hoffman: "Dass das Thema der Entfernung, der Distanz aus künstlerischen Perspektiven betrachtet wird." Das biete die Möglichkeit neu zu reflektieren und aus einer anderen Perspektive anzuschauen.

Distanz schafft neue Formen der Kommunikation

Eine Frau steht auf einer Treppe und spricht in ein Megafon. Corinna Schnitt: Vollendete Zukunft / Future Perfect, 2015. Video. © Kunstverein Wolfsburg Foto: Corinna  Schnitt
Menschen kommunizieren über Megafone. Corinna Schnitt hat ihr 9-minütiges Video "Vollendete Zukunft / Future Perfect" genannt. Es stammt aus dem Jahr 2015.

Wobei es Kurator Hoffmann nicht nur um die negativen Aspekte der Distanz geht. Vielleicht schafft diese nämlich auch wieder größere Nähe, weil wir neue Formen der Kommunikation lernen, die ohne die Pandemie nicht zutage getreten wären, meint Hoffmann. Insofern erklärt sich auch der Ausstellungstitel "Lob der Distanz". "Ich wollte eher den positiven Charakter damit unterstreichen", sagt Hoffmann. "Dass Menschen, wenn sie sich jetzt begegnen, viel intensiver miteinander umgehen, einen anderen Augenkontakt haben. Das sind die Themen, die in dieser Ausstellung eine Rolle spielen."

Um menschliche Kommunikation geht es auch in einer Videoarbeit von Corinna Schnitt. Eine schwebende Kamera durchstreift eine graue Landschaft aus Betongebäuden und Plätzen. Alle paar Meter stehen darin Menschen, die sich aus einiger Distanz per Megafon unterhalten. Das Gesagte bleibt in dieser unwirtlichen Szenerie merkwürdig unverständlich. "Das ist auch eine bestimmte Art der Versinnbildlichung dieses distanzierten Sehens", erläutert der Kurator. "Heutzutage lebt man in Australien und der andere in den USA und über Social Media tauscht man sich dann aus. Und wie hier eben auch oft über ganz banale Inhalte".

Ausstellung "Lob der Distanz" zeigt fünf Arbeiten

Hochstandt aus Holz der Künstlerin Ilka Meyer neben einer schwarz lackierten Wand von Dennis Graef © Kunstverein Wolfsburg Foto: Jana Mareike Lehnert
Im Vordergrund ist die pechschwarze Bretterwand des Künstlers Dennis Graef zu sehen. Das Werk trägt den Titel "Neighbors & Networks".

Der Künstler Dennis Graef zeigt in Wolfsburg eine Wandinstallation. Eine pechschwarze Bretterwand, die von der Form her an ein kirchliches Altar-Tryptichon erinnert, und in das der Künstler an einigen Stellen Gucklöcher gefräst hat. Sie erinnern an Augenpaare. "Man kann sich gut vorstellen, dass man von einer anderen Welt beobachtet wird", findet Hoffmann. "Damit würde ich assoziieren, dass es eine Trennwand zu etwas Transzendentem ist."

Zwei weitere Positionen sind in Wolfsburg zu sehen: eine Filmarbeit von Meike Redeker, in der es um Distanz und Nähe der Video-Überwachung im öffentlichen Raum geht. Und der US-amerikanische Bildhauer Dan Graham untersucht in einer Installation, wie moderne Architektur Distanz zu den Menschen erzeugt.

Mit lediglich fünf Arbeiten ist die Ausstellung "Lob der Distanz" im Kunstverein Wolfsburg bewusst klein und überschaubar gehalten, erklärt Hoffmann: "Es war mir wichtig, dass ein gewisser Raum, eine Distanz zwischen den Exponaten ist. Damit es nicht paradox wird, wenn man durch diese Raumsituation geht."

Veranstaltungen
Ilna Ewers-Wunderwald hat sich selbst als Tempeldienerin rechts neben die Göttin Kali ins Bild gezeichnet. © NDR Foto: Helgard Füchsel

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"Lob der Distanz": Ausstellung im Kunstverein Wolfsburg

Die Ausstellung "Lob der Distanz" im Kunstverein Wolfsburg lenkt den Blick auf befreiende Aspekte des Abstandhaltens.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstverein Wolfsburg
Schlossstraße 8
38448  Wolfsburg
Telefon:
(05361) 67 422
E-Mail:
kunstverein@wolfsburg.de
Preis:
Eintritt frei
Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Donnerstag: 10 bis 17 Uhr
Freitag: 14 bis 17 Uhr
Samstag: 13 bis 18 Uhr
Sonntag und Feiertags: 11 bis 18 Uhr
Hinweis:
Zutritt gibt es nur mit dem Nachweis eines vollständigen Impfschutzes, bzw. der Genesung von Covid-19 oder mit einem aktuellen, negativen Schnelltest (PoC-Antigen-Schnelltest oder PCR-Test). Im gesamten Schloss Wolfsburg muss eine medizinische Maske getragen werden.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.05.2021 | 18:00 Uhr