Stand: 28.11.2019 10:56 Uhr

Vom Alltagsgegenstand zum Museumsobjekt

von Agnes Bührig

Dem Belgier Koenraad Dedobbeleer (Jahrgang 1975) sind weltweit bereits mehrere Einzelausstellungen gewidmet worden. Er beschäftigt sich mit diesen Fragestellungen: Was lässt sich Objekten und Kunstobjekten hinzufügen, die für unseren Alltag erschaffen werden, wie lassen sich kulturhistorisch gewachsene Sehgewohnheiten hinterfragen? Dem belgischen Künstler und Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf hat der Kunstverein Hannover die umfassende Werkschau "Sache: Gallery of Material Culture" gewidmet. Eine Vorschau.

Koenraad Dedobbeleer hat eine starke Affinität zur Sprache. So erklärt der Titel seiner Ausstellung genau, worum es geht: um Materialkultur, um die Art und Weise des Ausstellens und um Sachen. Der Belgier erschafft sie, spiegelt sie in ihren Duplikaten oder verfremdet sie - um unsere Wahrnehmung zu schärfen, kollektives Wissen zu hinterfragen.

Exponate der Koenraad-Dedobbeleer-Ausstellung

Das zeigt sich bereits im ersten Raum der Ausstellung, der mit Regalschränken bestückt ist. "In den Kästen sind Bücher, immer zwei von einer Sorte. Immer ein Original und eine etwas andere Fassung davon, weil in einer Ausgabe ein Fehler oder es ausverkauft war - oder es einfach neu gedruckt wurde. Diese Bücher werden nie so wie das erste. Solche Bücher hat Dedobbeleer gesucht und ausgestellt", erklärt Kathleen Rahn, Direktorin des Kunstvereins Hannover.

Aktuelle Arbeiten des Belgiers Dedobbeleers

In Kooperation mit dem Kunstmuseum Winterthur in der Schweiz und der Kunsthalle Wiels in Belgien zeigt sie Arbeiten Koenraad Dedobbeleers aus den vergangenen Jahren. Die sieben Bereiche der Ausstellung sind dabei verschiedenen Themen gewidmet: Fotografie und Skulptur, aber auch öffentlicher Raum, Bibliothek und Museum.

Das Ausstellen an sich ist dabei für den Belgier ein wichtiges Thema. "In einem weiteren Sinne bin ich an Museumswissenschaft interessiert, der Geschichte, wie in Museen inszeniert wird. Wie werden Dinge ausgestellt? Wie sind die Werkzeuge konstruiert, die es einem Besucher ermöglichen, ein Kunstwerk zu betrachten? Die gesamte Konstruktion, die notwendig ist, um Dinge zu zeigen, interessiert mich sehr. Das hat mit meiner Studienzeit Anfang der 90er-Jahre zu tun, als dies stark thematisiert wurde", sagt Dedobbeleer.

Sinnbild dafür ist der Sockel, den der Künstler der besonderen Betrachtung unterzieht. Er hat eine Stereoanlage fotografiert, die auf einem Hi-Fi-Turm steht, der als Fundament im bildhauerischen Sinne gelten könnte. Eine Bank, die der einstige Leiter des Provinzialmuseums Hannover, Alexander Dorner, entwarf, dreht der Künstler auf die Seite und stellt sie auf einen Unterbau.

Das Museum als dynamisches Kraftwerk

Damit beleuchtet Dedobbeleer nicht nur ein gängiges Konzept im Ausstellungskontext, sondern auch den Einfluss eines innovativen Museumsdirektors der 1920er-Jahre in Hannover. "Was Alexander Dorner und El Lissitzky und Kurt Schwitters hier getan haben ist weltweit bekannt. Und nicht nur Schwitters, sondern auch Alexander Dorner mit seinem Begriff, das Museum als Kraftwerk zu begreifen, also nicht als sakralen Ort der Kontemplation, sondern als etwas Dynamisches, als etwas Interaktives, auch Mehrstimmiges, Epochenübergreifendes", so Rahn.

Epochenübergreifende Ausstellung mit Skulpturen

Epochenübergreifend ist diese Ausstellung im höchsten Maße. Im Skulpturenraum mit einer antiken Figur mit neuer Nase, im Bibliotheksraum mit Referenz auf Marcel Duchamp, der seine Hauptwerke einst in Schachteln in der Art eines Miniaturmuseums präsentierte sowie im Museumsraum mit Verweis auf Rodin, der einst den Sockel zum Teil seiner Skulpturen machte. Für Kathleen Rahn ein Werk, das die verschiedenen Stilrichtungen der Kunst in Beziehung setzt. Und nicht nur das. "Ich finde, dass Koenraad Dedobbeleer ein wichtiger Künstler ist, weil er wirklich analog arbeitet und seine Oberflächen so wahnsinnig interessant sind", sagt Rahn. "Da kann man ganz viel entdecken, sei es der falsche Marmor, der nur vorgibt, Marmor zu sein. Das ist minimal postmoderne Gegenwartskultur, alles ineinander gemischt."

Vom Alltagsgegenstand zum Museumsobjekt

Der Belgier Koenraad Dedobbeleer macht aus Alltagsobjekten Kunst. Die umfassende Werkschau "Sache: Gallery of Material Culture" ist im Kunstverein Hannover zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2
30159  Hannover
Telefon:
(0511) 169 92 78 12
Preis:
6 Euro / ermäßigt 4 Euro / Mitglieder frei
Hinweis:
Öffnungszeiten:
Dienstag - Samstag: 12 - 19 Uhr
Sonn- und Feiertag: 11 - 19 Uhr
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.11.2019 | 11:20 Uhr

Mehr Kultur

28:40
NDR Fernsehen
28:40
NDR Fernsehen
28:43
NDR Fernsehen