Stand: 20.05.2018 17:50 Uhr

Applaus für Arbeiterdrama in der Heide

von Susanna Vida

Es ist bekannt, wie sehr die Ölarbeiter in Amerika ausgebeutet wurden - schon vor über hundert Jahren. Wie skrupellos und profitgierig die Ölbarone agierten, denen die Arbeiter ausgeliefert waren. Der große Upton Sinclair hat das bereits 1906 beschrieben - in seinem fabelhaften Roman "Öl". Aber in Deutschland war es ganz genauso - und das ist weniger bekannt. Die deutsche Ölgeschichte wird jetzt zum ersten Mal als Theaterstoff erzählt. Da, wo sie passiert ist. In Wietze im Kreis Celle auf dem Gelände des Deutschen Erdölmuseums - als faszinierende Kooperation mit dem Celler Schlosstheater. Seit Sonnabend wird hier eine Geschichte von Gier lebendig, die sich fast exakt so abgespielt hat in der Südheide, zwischen 1899 und 1918. Ein Bericht von der Premiere, bei der stürmisch applaudiert wurde.

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Die Kulisse ist historisch: Gespielt wird auf dem Gelände des Deutschen Erdölmuseums in Wietze.

Die wachsende Ölindustrie schwatzt nicht nur den Ärmsten für einen Appel und ein Ei ihr Land ab zum Ölbohren: Sie besticht auch Beamte und macht sich die Heidebauern und auch die Behörden selbst gefügig, bis sie alles serviert bekommt in dem winzigen Heidedörfchen Wietze: Sogar einen Bahnhof, ordentliche Straßen und Wasserwege. Wietze wird ein Industriestandort mit eigenen Raffinerien. "Das Stück ist sehr dicht, Geschichtsvermittlung wird vor Ort erlebbar gemacht. Das ist hier ganz ausgezeichnet gelungen, weil Gerhard Weber als Regisseur einfach ein ganz wunderbarer Bildermaler ist", sagt der Musiker Axel La Deur, Leiter des Männer- und Frauenchores Wietze, der die Szenen und Stimmungen des Stückes grandios untermalt oder karikiert.

Zwischen großen Bohrtürmen und kleinen Arbeiterbaracken

Es ist eine wuchtige Inszenierung geworden - an Originalschauplätzen, die sogar noch nach Teer riechen - zwischen großen alten Bohrtürmen und lausig kleinen Arbeiterbaracken. Johann Schibli und Christoph Schulenberger, Felix Meyer und Tanja Kübler, Marius Lamprecht und Irene Benedict spielen und lieben, leiden und singen sogar quer über uralte Eisenbahngleise und Ölfässer hinweg, schlüpfen gekonnt in grundverschiedene Rollen - und brillieren alle.

Rote Fahnen gegen die Ausbeutung

Es herrschen unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen, 16-Stunden-Schichten ohne Arbeitsschutz bei winzigem Lohn. Paul, ein junger Mann aus Wietze, lehnt sich dagegen auf - mit großen Reden und roten Fahnen. "Herr Keyser verdient 13 Mark pro Minute. Egal, ob er wach ist oder schläft. Aber welchen Happen kriegen wir?", klagt Paul.

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Johann Schibli (m.) und Christoph Schulenberger (l.) spielen Vater und Sohn Keyser.

Der Autor des Stückes - Andreas Döring, der Intendant des Celler Schlosstheaters, webt wie Upton Sinclair einen Bilderteppich aus Grautönen und adaptiert auch Sinclairs starke Vater-Sohn-Geschichte. Paul gerät mit dem Sohn des Ölbarons Keyser aneinander: "Mein Vater ist ein Ölmann." - "Du bist so 'ne Art Miniatur-Ausgabe? 'n Schmalspur-Ölmann sozusagen, der noch an Papas Geld lutscht? Damit ihr das Erbgut der Erde aussaugen könnt?"

Applaus für stimmungsvolle Inszenierung

Am Ende spendeten die Zuschauer der kunstvoll erzählten Geschichte viel Beifall - an einem kühlen Frühsommerabend. Doch das tat der Begeisterung keinen Abbruch: "Die Stimmung des Stückes heizt einem ein", sagte eine Zuschauerin und lobte die Lichteffekte, die Landschaft als Kulisse, die ganze Szenerie. "Man hatte immer das Gefühl, man war an einem ganz anderen Ort und nicht in Wietze." Bis Juni gibt es acht weitere Aufführungen.

Applaus für Arbeiterdrama in der Heide

Das Schlosstheater Celle thematisiert im historischen Stück "Ölfieber", wie in der Region Celle zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Ölboom ausbricht, der die Region verändert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schlosstheater Celle
Markt 14-16
29221  Celle
Telefon:
(05141) 90508-75
E-Mail:
karten(at)schlosstheater-celle.de
Preis:
21 Euro
Kartenverkauf:
Theaterkasse
Markt 18
29221 Celle

Ermäßigungen
Schüler bis 20: 7,00€
Schüler ab 21: 12,00€
Studenten/Auszubildende: 12,00€
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur im Norden | 20.05.2018 | 14:20 Uhr

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