Die Säulen der Staatsoper Hannover sind mit bunten Strick-Quadraten eingepackt. © NDR Foto: Agnes Bührig

Kunstaktion: Staatsoper Hannover im Strickkleid

Stand: 23.06.2021 09:15 Uhr

Rund 2.800 bunte Wollquadrate schmücken in Hannover die acht Säulen der Staatsoper. Damit wollen Taubblindenverbände ein sichtbares Signal für die Bedürfnisse von Menschen mit eingeschränkter Seh- und Hörkraft setzen.

von Agnes Bührig

Katrin Schulz steht vor einer Säule der Staatsoper Hannover, die mit bunten Quadraten aus Garn eingekleidet ist. Mit einer gebogenen Nadel näht die Mitarbeiterin der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Fischbeck ein Filzquadrat mit einem Smiley an. Jeder, der wollte, konnte für die Einkleidung der Säulen 20 x 20 Zentimeter große Wollquadrate beim Deutschen Taubblindenwerk abgeben. Und auch in der Werkstatt selbst variierten die Herstellungsweisen, erzählt Katrin Schulz: "Manchmal haben wir auch Pulloverteile verwendet oder große, kleine Quadrate, wie es gepasst hat. Das Endmaß musste stimmten und dann haben wir XXL-Schals daraus hergestellt."

Taubblindheit gibt es in vielen Abstufungen

Etwa 1.300 Menschen mit Taubblindheit gibt es in Niedersachsen, schätzt Bettina Trissia vom Deutschen Taubblindenwerk. Genaue Erhebungen sind schwierig, weil die Stärke der Behinderung stark variiert. In Niedersachsen betreibt ihre Organisation in Hannover und in Fischbeck nördlich von Hameln Einrichtungen, die mit Wohnplätzen und Werkstätten für taubblinde Menschen ausgestattet sind. 

 "Taubblindheit ist nicht einfach taub und blind", erklärt Trissen. "Im Bereich Taubblindheit gibt es sehr viele verschiedene Abstufungen. Es gibt Menschen, die sind vollständig taubblind, aber auch Menschen mit einem Hör- oder Sehvermögen." Warum man sich bei der Aktion für Wolle entschieden hat? "Wolle in den unterschiedlichsten Farben, in unterschiedlichster Textur ermöglicht einfach allen, daran teilzuhaben, mitzumachen, zu stricken, zu häkeln, zu weben, zu sehen, zu fühlen. Und deshalb haben wir uns für das Medium entschieden."

Vierecke aus gehäkelter oder gestrickter Wolle schmücken die Staatsoper

Die Säulen der Staatsoper Hannover sind mit bunten Strick-Quadraten eingepackt. © NDR Foto: Agnes Bührig
Bunte Quadrate aus Wolle. Sie warten noch darauf, an den Säulen der Staatsoper angebracht zu werden.

Es sind Quadrate mit flauschigen Oberflächen, mal luftig gehäkelt, mal dicht gewirkt, in allen Farben des Regenbogens. Auf einem Haufen warten sie darauf, an den Säulen der Staatsoper Hannover angebracht zu werden. Veronika Kühn, die seit sechs Jahren im Wohnheim in Fischbeck wohnt, hat einige von ihnen gehäkelt. Kleine Felder mit Blumenornamentik erinnern an Topflappen, daneben liegt ein Quadrat mit einer Spirale in gelb und türkis. "Das waren Wollreste", erzählt Kühn. "Wir haben aus ganz verschiedenen Farben und Wolle verschiedene Vierecke gehäkelt und gestrickt. Da war die Farbe eigentlich egal, so wie sie gekommen ist, so habe ich die dann auch verwendet."

Auf Bedürfnisse von Menschen mit Taubblindheit aufmerksam machen

Eine Frau mit getönter Brille und Blindenstock steht vor der Staatsoper Hannover. © NDR Foto: Agnes Bührig
Veronika Kühn hat das Usher-Syndrom. Da Hör- und Sehkraft nachlassen, wird der Tastsinn immer wichtiger.

Veronika Kühn trägt eine getönte Brille mit schwarzem Rand. Sie hat das Usher-Syndrom, Sehen und Hören werden zunehmend schlechter. Damit gewinnt der Tastsinn an Bedeutung. Wie man häkelt, wenn man nicht sehen kann, das hat sie auch ihren Mitbewohner*innen schon vermittelt: "Ich habe ihnen mein Häkelzeug zum Fühlen gegeben. Sie konnten dann zwar immer noch keine Maschen häkeln, aber sie hatten eine Vorstellung von dem, was ich eigentlich mache." Veronika Kühn liest Sprache von den Lippen ihres Gegenübers ab. Wenn sie mal etwas nicht versteht, zeichnet ihre Begleiterin Azra Cavdar Wörter in Gebärdensprache nach. Sie würde sich wünschen, dass mehr Menschen wissen, was es bedeutet, taubblind zu sein.

Auch Bettina Trissia vom Taubblindenwerk würde Taubblindheit gern stärker im Fokus der Politik sehen. Doch sie erkennt auch positive Entwicklungen: "Wir merken einen Sprachwandel, dass wir nicht mehr von behinderten Menschen sprechen oder Schädigungen, sondern dass wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und wir sprechen von Menschen, die zwar eine Beeinträchtigung mitbringen, aber als allererstes auch ihre Persönlichkeit, ihre Fähigkeit, ihre Kreativität, das, was sie können. Es geht ihnen genauso wie uns: Wir können auch nicht alles!"

Weitere Informationen
Der Zuschauerraum der Staatsoper Hannover ist gut gefüllt. © NDR

Kulturpartner: Staatsoper Hannover

Die Staatsoper Hannover ist Kulturpartner von NDR Kultur. Aktuelle Informationen und Aktionen finden Sie hier. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.06.2021 | 09:20 Uhr