Dr. Andreas Beitin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg © Marek Kruszewski Foto: Marek Kruszewski

Kunstmuseum Wolfsburg will ökologischen Fußabdruck verkleinern

Stand: 09.09.2021 10:23 Uhr

Die Klimabilanz der meisten Museen sieht desaströs aus. Im Kunstmuseum Wolfsburg will man andere Wege gehen. Direktor Andreas Beitin macht sich Gedanken über Maßnahmen, um den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

von Silke Lahmann-Lammert

"Natürlich ist die Kunstwelt ganz entschieden für den Klimaschutz - und produziert doch Teibhausgase in gigantischem Ausmaß", beschreibt der Kunstkritiker Hanno Rauterberg das Dilemma der Museen. Tatsächlich sieht die Klimabilanz der meisten Häuser desaströs aus: Räume müssen 365 Tage im Jahr klimatisiert werden, Kuratoren jetten von einer Messe zur nächsten, Kunstwerke reisen per Luftfracht um die Welt. Im Kunstmuseum Wolfsburg will man andere Wege gehen, um den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

Alternativen zum Transport per Flugzeug

Paris, Moskau, New York: Wenn man Museumsleute prahlen hört, woher die Leihgaben kommen, könnte man meinen: Je entfernter die Orte, desto bedeutender die Ausstellung. Kaum jemand spricht jedoch darüber, wie viel Kohlendioxid (CO2) freigesetzt wird, wenn Kunstwerke auf Flugreisen gehen. Dabei gibt es durchaus Alternativen: 

"Es ist so, dass wir - vor allem bei großen, schweren Werken - wenn es irgendwie geht, auf Seefracht umstellen. Das haben wir schon mehrfach durchgezogen", erklärt Andreas Beitin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. In der aktuellen Ausstellung "Oil" wird eine Installation des indonesischen Künstlers Etang Wiharso gezeigt. Nach Europa reiste das 13 Meter lange und über eine Tonne schwere Kunstwerk auf einem Containerschiff. "Das hätte natürlich unglaublich viel CO2-Emissionen bedeutet, wenn man diesen Transport mit dem Flugzeug gemacht hätte", stellt Beitin fest.

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Andreas Beitin, Direktor und Kurator des Kunstmuseums Wolfsburg, steht in der Ausstellung "OIL. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters". © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

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Verpackungsmüll vermeiden

Auch Verpackungsmüll lässt sich vermeiden. War es bis vor kurzem noch üblich, für jedes Kunstwerk, das verliehen wurde, eine eigene Klimakiste zu bauen, verwenden die Wolfsburger heute - wenn möglich - Leihkisten. Auch bei der Ausstellungsgestaltung setzt Andreas Beitin auf Nachhaltigkeit: "Wir selber produzieren hier unser eigenes Wandsystem im Kunstmuseum, was auch schon in alle Welt exportiert wird, weil sich das bei vielen Museen herumgesprochen hat. Die ersten Kunden haben vor über 20 Jahren unser Wandsystem gekauft und verwenden es immer noch. Man muss nicht nach jeder Ausstellung die Wandteile wegschmeißen, sondern kann das immer wieder verwenden."

Den größten Posten in der CO2-Bilanz der Museen produzieren die Klimaanlagen der Häuser. Ob Sommer oder Winter: Laut internationalen Standards müssen im Museum konstant 20 bis 22 Grad Celsius herrschen. Das gilt nicht nur für die Ausstellungsräume, sondern auch für die Depots. Wer sich nicht daran hält, bekommt keine Leihgaben. Aus Gesprächen mit renommierten Restauratoren und Restauratorinnen weiß Andreas Beitin jedoch: Die meisten Kunstwerke können Temperatur-schwankungen verkraften. Man muss nur dafür sorgen, dass die Schwankungen langsam vonstatten gehen.

Forderung an die Politik nach einheitlichen Vorgaben

Das Kunstmuseum Wolfsburg von außen betrachtet. © Marek Kruszewski Foto: Marek Kruszewski
Mit Leihkisten, einem wiederverwendbaren Wandsystem und einer Photovoltaik-Anlage möchte das Kunstmuseum Wolfsburg seine Klimabilanz verbessern.

"Da muss man schauen, was möglich ist. Ich denke mal, wenn man im Sommer ein Museum langsam statt auf 20 Grad auf 23, 24, 25 Grad hochfahren kann, würde das in Hinblick auf den Energieaufwand schon eine große Ersparnis ausmachen", erklärt der Museumsdirektor. Voraussetzung, um die Temperatur-Vorgaben zu lockern, wären wissenschaftliche Studien und internationale Absprachen. Eine weitere Stellschraube am CO2-Ausstoß sind die Museumsgebäude: Stromsparende LED-Leuchten, effiziente Isolierung und Energie aus Klima-verträglichen Quellen sollten überall in Deutschland Standard sein. Sind sie aber nicht.

"Das wäre wirklich eine Aufgabe für die Politik, da Vorgaben zu machen. Denn - wie man oft genug sieht - Selbstverpflichtung oder Freiwilligkeit bringt nicht viel, weil es natürlich erstmal etwas kostet, man muss Ausgaben tätigen." Aber da lohnt es sich das Rechnen, so Andreas Beitin weiter. Die Photovoltaik-Anlage, die künftig auf dem Dach des Kunstmuseums Wolfsburg Strom erzeugt, wird sich spätestens nach zehn Jahren amortisiert haben.

"Bei einer durchschnittlichen Lebensleistung von 20 Jahren hat man also im Grunde genommen mindestens zehn Jahre, wo sie wirklich Gewinn in dem Sinne abwirft, dass man quasi frei Haus Strom bekommt," erzählt Beitin.

Dilemma: Publikum erwartet immer größere Events

Trotz seines Engagements steckt der Wolfsburger Museumsdirektor in einem Dilemma: Auf der einen Seite will er CO2 einsparen und Flugreisen vermeiden, auf der anderen Seite erwartet das Publikum immer größere Events: Ausstellungen, die den Blick nicht nur auf die USA und Europa, sondern auch auf Kunst aus Afrika, Südamerika und andere bislang vernachlässigte Regionen richten.

Zu Recht, findet Beitin. Dennoch müssten die Museen nicht einen Blockbuster nach dem anderen liefern: "Man muss da einfach einen guten Mittelweg finden. Und ich glaube: Wenn nicht die Kunst, welcher Bereich sonst hat genug Kraft und Energie und Ideen, auch aus diesem Dilemma einen Weg zu finden", ist sich Beitin sicher.

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"Expanded Dreams Tableau: Wagon Series, 2011" (r) des Künstlers Entang Wiharso steht in der Ausstellung "OIL. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters" in Wolfsburg. © dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

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Kunstmuseum Wolfsburg © Wolfsburg Marketing Foto: Wolfsburg Marketing

Kulturpartner: Kunstmuseum Wolfsburg

Das Kunstmuseum Wolfsburg bietet mit seiner großen Ausstellungshalle einen idealen Rahmen zur Präsentation internationaler zeitgenössischer Kunst. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 09.09.2021 | 07:50 Uhr