Stand: 30.11.2018 15:15 Uhr

Gesellschaftliche Normen auf dem Prüfstand

von Agnes Bührig

Sie gilt als eine der wichtigen peruanischen Künstlerinnen, doch in Deutschland ist ihr Werk weitgehend unbekannt: Teresa Burga. Das wird sich mit "Aleatory Structures" nun ändern: So heißt die neue Ausstellung in der Kestnergesellschaft in Hannover, die mehr als 100 Werke der Peruanerin aus den letzten 50 Jahren zeigt. Daneben werden Arbeiten der Künstlerin Nevin Aladağ präsentiert, die in zwei Videos und einer Reihe von Wandtextilien das Thema kulturelle Identität beleuchtet.

Teresa Burga und Nevin Aladag in Hannover

Blutrot blinkt ein Lichtstreifen zwischen zwei weißen Balken an der Wand. Daneben hängen Kardiogramme, die die Herzschläge von Teresa Burga in Kurvenform zeigen, medizinische Berichte zu ihrem Gewicht und ihren Blutwerten. Eine Datensammlung als Selbstporträt und zugleich der Anstoß, darüber nachzudenken, wie Kunst einen Menschen auch charakterisieren kann. Die 83-jährige Künstlerin erinnert sich an die Entstehung des Werkes Anfang der 1970er-Jahre. "Ich wollte nicht malen, sondern ich wollte Konzeptkunst machen, ein Gesamtbild meiner Person an einem Tag, mit Fotos, Werten zu Blut und Herz", erklärt Burga ihre Herangehensweise. "Weil es Konzeptkunst war, musste ich es anders machen als sonst beim Malen üblich. Alle erwarteten ein Gemälde - und bekamen eine umfängliche Information."

Teresa Burga: zwischen Pop Art und Konzeptkunst

Bild vergrößern
Für ihr Werk "Autorretrato (left, right)" verwendete Burga Millimeterpapier, Schrauben und Fotos.

Teresa Burgas Kunst bewegt sich zwischen Pop Art und Konzeptkunst, ihre Ausdrucksweise ist vielfältig und umfasst Gemälde und Objekte, aber auch Tabellen, Diagramme oder Zeichnungen, die an elektrische Schaltkreise erinnern. Das mag auch von ihrer Arbeit beim peruanischen Zoll inspiriert sein, die sie nach ihrem Kunststudium in Lima und den USA in den 1960er-Jahren annimmt, um ein Auskommen zu haben.

Geometrische Konstrukte zeigen Ausgrenzung der Frauen

Ihr Heimatland ist damals von einer nationalistisch gesinnten Militärdiktatur geprägt, Raum für die freie Kunst ist wenig. Schon gar nicht für Frauen, was sie in einer Reihe von Gemälden thematisiert, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Lea Altner: "Das sieht man insbesondere gut bei den Gemälden aus den späten 60er-Jahren: Die Frauen sind ganz oft in diesen geometrischen, architektonischen Konstrukten auf den Gemälden gefangen. Also geht es darum, dass die Frauen eben nicht am öffentlichen Leben teilhaben können und nicht gleichberechtigt sind, was Berufswahl und so weiter angeht, sondern zu Hause darauf warten, dass der Ehemann heimkommt", beschreibt Altner die Intention der Werke. "Das ist die Aufgabe."

Peruanische Künstlerin stellt Normen in Frage

Dass unsere Kategorisierung der Welt auch eine ganz andere sein könnte, zeigt die Künstlerin, indem sie ein Gedicht in Phoneme zerlegt und diese als bunte Stapeldiagramme zeichnet. Eine schlanke große Schaufensterpuppe kontrastiert sie mit den Umrissen der durchschnittlich kleineren und runderen Peruanerin. Teresa Burga sammelt Daten, um gesellschaftliche Verhältnisse infrage zu stellen - und ist so ihrer Zeit voraus. "Andererseits nimmt sie auch vorweg, was heute unser Thema ist: Was bedeutet es, Daten zu sammeln? Und sie zeigt, dass auch Daten letzten Endes nicht neutral sind, sondern dass sie immer sozial konnotiert sind", so Altner.

Nevin Aladag verhandelt kulturelle Identität

Bild vergrößern
Nevin Aladağ möchte, dass wir feinfühliger auf andere Menschen schauen.

Auch die zweite Künstlerin der Ausstellung nutzt die Konnotation. Nevin Aladağ, geboren 1972 in der Türkei, verhandelt kulturelle Identität in einer Serie von Wandteppichen und zwei Videos. In der Arbeit "Top View" verweigert sie sich dabei bewusst der genauen Zuordnung, zu sehen sind Füße in unterschiedlichen Schuhen, auf verschiedenen Untergründen, die jedoch trotzdem in einen gemeinsamen Rhythmus finden.

"Mir ging es hier darum, dass man hier nicht unbedingt gleich das Gesamtbild zu sehen bekommt, sondern die Phantasie auch noch sehr viel Raum hat, sich den Menschen oder den Charakter und die Person oder den Charakter vorzustellen", erklärt Aladağ ihr Anliegen. Ihr ginge es darum, "dass man sich selber darin schult, ein bisschen feinfühliger hinzuschauen, auch mit anderen Sinnen hinzuschauen und das aber über den Tanz und über den Rhythmus erzählt. Aber gleichzeitig nimmt man natürlich sehr viel andere Charakteristika wahr."

Neue Aspekte zur Debatte über das Eigene und das Fremde

Zwei Künstlerinnen, aus verschiedenen Generationen und Kulturkreisen, die mit unterschiedlichen Mitteln der Kunst bestehende Normen hinterfragen - hier kann man sowohl in die Kunstgeschichte eintauchen als auch neue Aspekte zur gegenwärtigen Debatte über das Eigene und das Fremde entdecken.

Gesellschaftliche Normen auf dem Prüfstand

Normen hinterfragen - das ist das Thema der Künstlerinnen Teresa Burga und Nevin Aladağ. Die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt dazu Gemälde, Wandteppiche und Installationen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kestnergesellschaft
Goseriede 11
30159   Hannover
Telefon:
0511 - 70 12 00
E-Mail:
kestner@kestnergesellschaft.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt 5 Euro
Öffnungszeiten:
  • Täglich und an Feiertagen: 11-18 Uhr
  • Donnerstag: 11-20 Uhr
  • Montag: geschlossen
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.11.2018 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

43:06
NDR Info

Der Blechschuppen

09.12.2018 21:05 Uhr
NDR Info
04:04
Hamburg Journal

Vor 80 Jahren wurde das KZ Neuengamme errichtet

09.12.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:34
Schleswig-Holstein Magazin

"Manuel Down Under": Arte-Doku über Kieler Jungs

09.12.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin