"Hildesheimer Lesezeichen" an einer Bushaltestelle aus dem Jahr 2011 © picture alliance / dpa | Holger Hollemann

Hildesheimer Lesezeichen: Lust auf Kunst im Vorbeigehen

Stand: 19.05.2021 17:46 Uhr

"Hildesheimer Lesezeichen" heißt eine Aktion, die vom Forum-Literaturbüro auf die Beine gestellt wurde. Überall in der Stadt hängen zum sechsten Mal wieder Texte.

von Martina Witt

Es ist laut und unruhig am Hildesheimer Busbahnhof: Busse fahren ein und wieder weg. Ein paar Jugendliche stehen beieinander. Andere Wartende starren ins Leere oder auf ihr Handy. Um sie herum, dort wo sonst Werbeplakate um Aufmerksamkeit buhlen, hängt nun Literatur. Es ist ein perfekter Ort für die "Hildesheimer Lesezeichen", sagt Organisator Jo Köhler: "Das Ziel dieses Formates ist ja, auf ungewöhnliche Weise das Literarische zwischen verstaubten Buchdeckeln herauszunehmen und ins Freie zu setzen. Mitten in der Stadt. Also die Literatur zu den Menschen zu bringen."

Die Texte am Busbahnhof sind vielfältig - wie das Publikum. Es geht um den Sommer, um Liebe, um die Probleme muslimischer junger Frauen in Norwegen. "Liebe Schwester", ist dort zu lesen, "die ermahnt wird, still zu sein und nicht zu viel Platz einzunehmen, die ihre Freunde nicht selber wählen darf oder ihre Ausbildung oder Arbeit. Die niemals mündig wird oder über ihr eigenes Leben bestimmen darf. Der eingeredet wird, dass Liebe Sünde ist. Die ein Doppelleben in Angst und schlechtem Gewissen führt. Die beschimpft wird, weil sie Hijab trägt oder nicht trägt oder ihn ablegt."

Besucher sollen über die "Hildesheimer Lesezeichen" stolpern

Aber wissen die Wartenden eigentlich, dass sie vor Literatur sitzen und nicht vor einem normalen Plakat? Die Antworten überraschen: "Mir ist es jetzt noch nicht stark aufgefallen. Bei schlechtem Wetter lese ich auch Werbung, von daher würde ich das auch lesen, natürlich."

Ortswechsel: ein Einkaufszentrum in der Innenstadt. Hier kleben die Gedichte unter anderem auf dem Fußboden. Seit mehreren Jahren ist das Zentrum Partner der Lesezeichen-Aktion, sagt Center-Manager Holger Höfler: "Weil wir es gut finden, dass man Kultur einer breiten Masse zugänglich macht, die das sonst vielleicht nicht lesen würde. Für unsere Besucher ist das interessant, die gucken drauf, denken nach - es ist einfach eine schöne Sache."

Die Besucher sollen über die Texte stolpern, auch wenn sie beim Einkaufen eigentlich gerade was völlig anderes im Kopf haben, so Organisator Köhler: "Da wollen wir sie abfangen, da wollen wir sie berühren. Wir haben jetzt schon entsprechende Rückmeldungen, dass Menschen zum Teil da stehen und sich Zeilen abschreiben oder uns anrufen und fragen, was das für ein Gedicht ist. Oder dass Menschen im Bus fahren, eine Zeile lesen und das dann etwas mit ihnen macht. Das ist genau das, was wir uns wünschen."

150 Lesezeichen in ganz Hildesheim

Menschen berühren und vor allem von ihnen verstanden werden, das möchte auch Zain-Alabidin Al-Khatir. Er ist vor mehr als fünf Jahren aus dem Sudan geflüchtet. An einer Bushaltestelle hängt nun ein Ausschnitt seines Buches. "Ums Überleben kämpfen", heißt der Text. Der 27-Jährige liest: "Niemand, der seine Heimat verlassen hat, ausgewandert ist oder geflohen, hat das freiwillig gemacht. Sie alle waren dazu gezwungen. Unabhängig von ihrer Religion, ihrer Hautfarbe und den Sprachen, die sie sprechen. Sie sind alle Menschen, Menschen genau wie ihr. Sie haben keine Schuld. Die Schuldigen, das sind die diktatorischen Regierungen."

Es sei großartig, dass sein Text hier präsentiert wird, sagt er. Damit habe er nicht gerechnet: "Ich habe das ja nur für mich geschrieben, als Therapie. Weil das so schwierig war, was ich erlebt habe. Ohne das zu schreiben, konnte ich nicht schlafen. Wenn ich das heute so sehe, freut mich das sehr." 150 sogenannte Lesezeichen sind über das Hildesheimer Stadtgebiet verteilt worden. Zu sehen und zu lesen sind sie nun bis Ende Oktober.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 18.05.2021 | 19:00 Uhr