Stand: 30.06.2020 14:12 Uhr  - NDR Kultur

Hannover: "No Border Plants" ist Theater und Demo zugleich

von Agnes Bührig

Wie würde die Welt aussehen, wenn Pflanzen regieren würden? Diese Frage ruft das Wort "Plantkingdom" hervor, Pflanzenkönigreich. Es ist der Titel eines interdisziplinären Projektes, mit dem sich das Theater an der Glocksee aus Hannover in mehreren Teilprojekten gemeinsam mit Musikern, Wissenschaftlern und Gärtnern künstlerisch mit der Pflanzenwelt auseinandersetzt. Gestern hatte das Teilprojekt "Plantkingdom, Fremde Welten IV, No Border Plants" Premiere, eine mobile Performance in Form eines Protestzugs, in dem Theater und Demonstration verschmelzen.

Lena Kußmann begrüßt die Zuschauerinnen und Zuschauer: "Hallo, liebe Gemeinde, hallo, ich bin hier vor dem Wagen." Sie steht mitten in Hannover vor einem Planwagen, auf den ein Gewächshaus gebaut ist. Es ist die Vorstellung einer fernen, dystopischen Welt, in der Pflanzen regieren. Denn sie produzieren etwas, ohne das der Mensch nicht leben kann, sagt die Theatermacherin: "Sechs Performerinnen und Performer ziehen diesen Wagen über die Herrenhäuser Allee und sind so mit Atemluftschläuchen mit dem Gewächshaus verbunden. Und das hat eben damit zu tun, dass in der Welt, die wir da beschreiben, der Sauerstoff knapp geworden ist und die Pflanzen als Produzenten von unserer Lebensgrundlage Sauerstoff, sie haben jetzt ihren Platz, der ihnen eigentlich gebührt."

"No Border Plants" - Theater zwischen Performance und Demo

Vollendeter Klimawandel, Pflanzen an der Macht! Und weil sie keine Töne von sich geben, gibt es nur lautlose Gebärdensprache. Laura Jakschas vom Theaterteam zeigt dem Publikum zu Beginn der Vorstellung einzelne Gebärden. Beim Wort "Pflanze" öffnet sie ihre Hand nach oben. Einen Baum gebärdet sie mit einem angewinkelten, gerade aufragenden Unterarm. Es soll ein künstlerischer Protest werden, keine bloße Demonstration gegen die Zerstörung der Umwelt, sagt Laura Jakschas: "In dem Moment, in dem wir Sprechchöre haben, Plakate haben, Sprache haben - in Wort oder Schrift - ähneln wir natürlich sehr schnell einer plakativen Demo. Und das war nicht die Idee. Denn die Idee ist schon, dass dieser Wagen fast wie eine Bühne fungiert."

Klimawandel und Atemlosigkeit als greifbare Dystopie

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Plantkingdom - Fremde Welten IV, No Border Plants

Auf der Homepage des Theaters an der Glocksee finden Sie weitere Informationen zum Performance-Projekt "Plantkingdom". extern

Und dann beginnen die sechs Schauspieler, den Pflanzenwagen langsam über die fast zwei Kilometer lange grüne Allee in Hannover Herrenhausen zu ziehen. Weiß schimmern ihre Plastikanzüge, Mund und Nase verdeckt von Atemmasken, deren Schläuche ins Gewächshaus führen. Ab und zu hält der Zug an, gerät eine Performance mit Pflanzen-Gebärden und dem Verschenken von Efeu dazwischen. Die Reaktionen von Publikum und Zuschauern am Wegesrand: vorwiegend positiv: "Ich finde die Kostüme phantastisch", sagt eine Person. Eine andere dagegen sagt: "Ich war etwas verwirrt und kann damit auch nicht wirklich viel anfangen." Und zwei weitere Augenzeugen sind sich einig: "Mal etwas anderes, nicht immer der Einheitsbrei mit Plakaten - ruhiger, nachdenklicher." Und: "Es ist eine angenehme Art und Weise, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, besser als laut rumzuschreien."

Es ist ein friedlich wie befremdlich wirkendes Bild von Klimawandel und Atemlosigkeit in Coronazeiten, eine meditative Prozession in aufgeregten Zeiten. Wer sich auf diese ungewöhnliche, künstlerische Demo einlassen will, braucht jedoch Zeit und Muße.

Bei einer Theater-Performance ziehen mehrere in weißen Astronauten-artigen Kostümen gekleidete Personen einen Wagen mit einem Gewächshaus über die Herrenhäuser Allee. © NDR Foto: Agnes Bührig

Die Theaterperformance "No Border Plants" in Hannover

NDR Kultur - Matinee -

Pflanzen regieren die Welt - das ist das dystopische Thema des Theaterprojekts "No Border Plants", in dem Theater und Demonstration miteinander verschmelzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 29.06.2020 | 11:20 Uhr

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