Stand: 16.04.2018 15:45 Uhr

Göttinger Thora-Wimpel in Hamburg restauriert

von Wieland Gabcke

Die Beschneidung eines Jungen ist in der jüdischen Tradition eines der wichtigsten Lebensereignisse. Zu dieser Tradition gehört auch, aus der gereinigten Beschneidungswindel lange Tücher zu nähen. Die sogenannte Thora-Wimpel werden mit Wünschen für das Leben des Beschnittenen versehen. Das Städtische Museum in Göttingen besitzt eine kostbare Sammlung von 28 Thora-Wimpeln, manche davon über 300 Jahre alt. Nun werden die Leinentücher restauriert.

Ganz vorsichtig breiten Ernst Böhme und Andrea Rechenberg von Städtischen Museum Göttingen mit speziellen Handschuhen einen Thorawimpel auf einem langen Tisch aus. Auf dem über 300 Jahre alten Leinentuch ist ein hebräischer Segensspruch zur Beschneidung eingestickt: "Schmu’el, der Sohn des Jakobs, möge er leben lange und gute Tage, ist geboren unter einem guten Zeichen, am fünften Tag, 28. Adar 461 - Donnerstag der 7. April 1701 - nach der kleinen Zählung. Möge er heranwachsen zur Thora, zur Chuppa und zu guten Werken. Amen. Sela", übersetzt Andrea Rechenberg.

Details der Thora-Wimpel aus Göttingen

Stationen des jüdischen Lebens sind zu sehen, darunter auch die Chuppa, die jüdische Heirat. 28 solcher Thorawimpel gibt es im Städtischen Museum Göttingen. Ein Geschenk von jüdischen Bürgern aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, sagt Museumsleiter Ernst Böhme: "Das Besondere an unserer Sammlung ist, dass wir viele Personen, denen die Thora-Wimpel gewidmet sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit identifizieren können. Das ist in den großen Sammlungen der anderen Museen, die in London, Prag, New York oder Jerusalem zusehen sind nicht der Fall."

Unterschiedliche Stoffe mit Problemen

Hintergrund: Thora-Wimpel

Der Begriff Thora-Wimpel leitet sich vom althochdeutschen Wort "Wimpfen" für Tuch oder Binde ab. Wimpel sind im deutschsprachigen Judentum seit dem 14. Jahrhundert bis Mitte des 19. Jahrhunderts relativ bekannt. Aus Streifen der gereinigten Beschneidungswindel sind Wimpel zu einem langen Tuch aneinander genäht und mit aufwändigen Verzierungen und Ornamenten bemalt oder bestickt. Sie illustrieren Stationen im Leben eines jüdischen Mannes von seiner Geburt über Bar Mizwa und Hochzeit bis hin zum Tod.

Dass die Thorawimpel in der NS-Zeit nicht vernichtet wurden, ist einem Vorgänger des Museumsleiters, Otto Fahlbusch, zu verdanken. Die Wimpel wirken leicht verblasst und doch schimmern die Fäden aus gelber, blauer oder grüner Seide im Licht. Dazwischen funkeln Metallfäden. Unterschiedliche Stoffe, die auch Probleme machen können: Bei einem  Hirschmotiv sind die Fäden kaputt, das Leinen ist löchrig. Ein typischer Schaden, erklärt Kuratorin Rechenberg: "Sobald zwei verschiedene Materialien zusammenkommen, in diesem Fall ist es ein Seidenfaden und das Leinen, kann es eben passieren, dass diese Materialien unterschiedlich reagieren, auf Luftfeuchtigkeit, auf extreme Trockenheit, auf Kälte auf Wärme."

Mehrere Monate Restaurierung - danach ab ins Netz

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Gestickt wurden die Motive mit Seidenfäden vermutlich von den Frauen aus jüdischen Familien.

So können kleine Risse entstehen. Die sollen nun fachgerecht repariert werden, von der Hamburger Textilrestauratorin Ada Hinkel. Für die Schadstellen sucht die Expertin das gleiche Material aus und passt es dem historischen Tuch an: "Das wird mit chemischen Farbstoffen eingefärbt, damit man auch genau die Farbe erreichen kann. Anschließend wird das neue Gewebe mit dem historischen Gewebe mit dem sogenannten Spannstich verbunden." Für alle 28 Thorawimpel wird das mehrere Monate dauern.

Die einzelnen Arbeitsschritte, das Vorher und Nachher, dokumentiert die Restauratorin mit hochauflösenden Fotografien. Sie sollen anschließend in hoher Auflösung ins Netz gestellt werden. Mit diesen Aufnahmen sollen auch Wissenschaftler weltweit an den Göttinger Thorawimpeln forschen können. Die echten Thora-Wimpel sollen nach der Restaurierung für kurze Zeit im Kestner Museum in Hannover zu sehen sein werden.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.04.2018 | 07:20 Uhr

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